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Kultur
Sonntag, 28. August 2016 33° 1

Ausstellung

Ein Spiel mit Schrift und Sinn

Fiona Banner dekonstruiert in der Kunsthalle Nürnberg unsere Vorstellungen von Sprache, Bildern und Bedeutungen: aufregend!
Von Matthias Kampmann, MZ

  • „Not so much a Coffee Table Book As A Coffee Table“, eine Arbeit aus Birkenholz und Farbe von 2015, von Fiona Banner, zu sehen in der Kunsthalle Nürnberg Foto: Stuart Whipps/Courtesy Fiona Banner
  • „Verses Versus“, aus dem Jahr 2015: Fiona Banner montierte zwei Leuchtboxen. Foto: Stuart Whipps/Courtesy Fiona Banner

Nürnberg.„Als Künstlerin kann man in unterschiedliche Bereiche eindringen und etwas unternehmen, was eigentlich nicht geht“, beschreibt Fiona Banner ihre Erfahrung mit Typografen und Designern. Denn sie nahm in Angriff, was sich seit den 1990ern, seit David Carson und den Fuse-Types, nicht mehr gehört: Banner entwickelte einen digitalen Zeichensatz, der aus verschiedenen Sippen, Familien, Schnitten wie wild zusammengewürfelt erscheint.

Ist es eine Serifenschrift, gepaart mit einer serifenlosen? Sie ist bildhaft, aber man kann problemlos lesen, was in ihr gesetzt ist: Bild, Text. Das ist ein stetes Ineinanderweben, Verweben. Im Werk von Banner funktioniert etwas ganz anders. So zeigt’s die Schrift „font“, die jeder kostenlos benutzen kann. Nicht nur der Geist des Sprachbildes regiert, sondern es nehmen Funktionen auf ihre Weise Gestalt an.

Das Kalkül der 1966 geborenen Künstlerin ist in Deutschland erstmals in diesem Umfang in der Retrospektive „Scroll Down And Keep Scrolling“ in der Nürnberger Kunsthalle präsent. Banner operiert an der Grenze von Sprache und Bild. In gut 70 Arbeiten aus 20 Jahren offenbart sich ein sehr variantenreicher Kosmos, der schon im verlegerischem Wirken über bloßes Bildermachen oder Schreiben hinausgeht. „Vanity Press“ heißt zudem Banners eigener Verlag, übersetzt lapidar „Selbstverlag“.

Ein Buch mit 1000 Seiten Text

Sprache ist in der Ausstellung auf eine Weise zu entdecken, die mit Schulgrammatik nicht zu fassen ist. Ausnahmezustände allerorten. Wenn Banner etwa in „War Porn“ (2004) auf einem großen Tableau aus Papier das Ineinander der schriftlichen Beschreibung eines Pornofilms und eines Kriegsfilms mit Grafitstift niederschreibt, also diese Filme Szene für Szene anhält und die Standbilder beschreibt. Das vollzog sie bis zum Exzess in der „NAM“-Werkreihe von 1997. Auf 1000 Seiten bringt es am Ende das Buch mit einem Megatext, von dem nicht klar ist, ob es gar eine eigene literarische Gattung ist. Banner las „Trance“ 20 Stunden lang selbst. Im Ausstellungsraum hört man diese Litanei. Als Relikt sind die Tonträger, antiquierte Compact Cassetten im Großbehältnis, mit selbstgezeichnetem Cover aufgesockelt im Raum zu sehen. Nebenan „atmet“ dazu eine Kunststofftüte mit „NAM“-Aufdruck, was umgekehrt „Man“, also unter anderem „Mensch“ heißt. Der Mann aber führte den Krieg, und seine Hybris von einst spiegelt sich noch heute in der Sprache der Macht.

Apropos Krieg: Ein Hubschrauber fliegt in einem Video die waghalsigsten Kapriolen. Die Künstlerin hat einen Piloten damit beauftragt, Figuren wie den „Roller Coaster“ oder die „Half Pipe“ zu „tanzen“. Schwindel ergreift einen, und man fragt sich, welcher Natur diese Zeichen sind, die der Boeing-Vertol CH-47 „Chinook“, der in Vietnam zum Einsatz kam, an den Himmel malt. Bastardzeichen aller Orten, Hybridisierung – im Werk von Fiona Banner wird Sinn verschoben.

Lesen Sie mehr über die Kunsthalle Nürnberg: hier die Ausstellung von Peter Piller

Es sind viele Bereiche, an die die ehemalige Malerin, die am berühmten Londoner Goldsmith College studierte und 2002 für den Turner Prize nominiert war, ihren Hebel ansetzt. Motive durchziehen wie rote Fäden die Schau. Eines ist der Nadelstreifen. Es ist eine Metapher für das visuelle Selbstverständnis der Bankergilde. Immer wieder tauchen die „Pin-stripes“ auf. Sitzmöbel im Eingang, Wandarbeiten, Fotokopien – oder, besonders aufregend, im Kontext einer Fotoserie, die Fiona Banner beim Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin in Auftrag gab.

„Nam Stack“, ein C-Print von Fiona Banner aus dem Jahr 1997 Foto: Stuart Whipps/Courtesy Fiona Banner

Pellegrin nahm sich die Szene im Londoner Finanzdistrikt vor. Gelangweilte Schlipsträger, exaltierte Kunst und Parties mit Frauen in Reizwäsche. Dass dort auch Teile des Londoner Rotlichtviertels sind, zieht einen weiteren Bogen um dieses „Herz der Finsternis“. Denn Banner orientiert sich an der Machtgier des Hauptakteurs in Joseph Conrads gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1899.

Alle Drucksachen der Ausstellung, alle Auszeichnungen von Werken und die Wandtexte sind in „font“ gesetzt. Im Eingang ziert die Schrift ein steinernes Taufbecken, ein Internetfundstück, das durch den Meißel zum Kunstwerk mit sprachlichem Doppelwert wurde: Font ist nämlich nicht nur der Zeichensatz, sondern auch (lateinisch: fons) Taufbecken. Schrift und Bild werden Kommunikation und verdrehen sich zu denkbar seltsamen Beugungen unseres Verständnisses der Welt, der Bilder und der Sprache. Und geht einem dabei nicht die Liturgie einer Taufe durch den Kopf, die christlichen Geschichten? – Fiona Banner gelingt ein Werk, das sich wie ein Virus im System unserer geordneten Kommunikation einpflanzt und sie gehörig durcheinanderbringt.

Hier geht’s zur Kultur.

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Fiona Banner in Nürnberg

  • Die Ausstellung:

    Die 1966 geborene Britin Fiona Banner gibt in der Kunsthalle Nürnberg mit rund 70 Arbeiten einen retrospektiven Überblick über die vergangenen 20 Jahre ihres Schaffens. Zu sehen sind Installationen, Objekte, Videoarbeiten, Zeichnungen und Bücher. Beinahe alle Werke beschäftigen sich mit dem Verhältnis zwischen Schrift und Bild. Zur Ausstellung, die bis zum 29. Mai in der Kunsthalle Nürnberg (Lorenzer Straße 32) zu sehen ist, erscheint im Verlag Vanity Press ein aufregendes Buch mit 832 Seiten (30 Euro) unter dem Titel „Scroll Down And Keep Scrolling“, das die Werke lose miteinanderverknüpft, jedoch kein Ausstellungskatalog im herkömmlichen Sinne ist.

  • Die Künstlerin:

    Fiona Banner studierte am renommierten Londoner Goldsmith College und zählt zur zweiten Generation der so genannten Young British Artists. Fiona Banner ist nicht auf eine Technik festgelegt. Sie kommt von der Malerei her, setzt sich jetzt aber virtuos auf einer übergeordneten Ebene mit den Fragen nach dem Bild, dem Zeichen oder der Schrift auseinander. Hierbei kreist die Künstlerin unsere jeweiligen Vorstellungen ein und übersetzt die Medien in andere – etwa indem sie Filme regelrecht „abschreibt“, Details: http://fionabanner.com/

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