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Kultur
Sonntag, 4. Dezember 2016 2

Bühne

Ein Spielplan zum Anfreunden

Zum Brüllen, sozialkritisch oder abgedreht: Das Theater Regensburg macht in 29 Produktionen Angebote für jede Gefühlslage.
Von Marianne Sperb, MZ

Der Spielplan steht – Intendant Jens Neundorff von Enzberg liegt flach, auf einer Chaiselounge: bei der Präsentation mit (v. l.) Yuki Mori, Stephanie Junge und Maria-Elena Hackbarth.Foto: altrofoto.de

Regensburg.Zum Ende der neuen Spielzeit wird „Der fliegende Holländer“ am Westhafen nach Erlösung suchen. Die Regensburger Philharmoniker nehmen auf Pontons im Hafenbecken Platz, vielleicht fährt der Chor sogar auf einem Kahn in die Szenerie ein: Mit Wagners Oper, semikonzertant aufgeführt, klingt die neue Saison des Theaters Regensburg 2017 aus. Am Mittwoch stellten Intendant Jens Neundorff von Enzberg und sein Team vor, worauf sich das Publikum ab Herbst 2016 freuen kann, worauf es fliegen wird – und womit es sich vielleicht nur zögernd anfreunden wird.

Das Theater tut’s wieder: Nach dem pitschnassen „Abpfiff““ 2015 im alten Jahnstadion hatte Neundorff überlegt, die große Freiluft-Spektakel 2017 zu canceln, dann reizte ihn das Projekt doch zu sehr. Das Team ging diesmal auf Suche nach schmutzigen Orten. „Gar nicht so einfach, die in Regensburg zu finden.“ Am Schluss erlag man dem shabby Charme des Hafenareals – ideales Setting für Holländers schaurig-romantische Irrfahrt. Ursprüngliche Pläne, den Chor auf einem Lastkahn von der Walhalla Richtung Regensburg zu schicken, zeitgleich die Bilder auf die Stadtlagerhaus-Fassade zu projizieren und den Gesang live einzuspielen, hat sich Neundorff abgeschminkt: „Dazu fehlt uns, wegen der Zeitverzögerung, ein Satellit“, erklärt Theater-Sprecherin Clara Fischer. Für eine kurze Strecke zum Finale der Oper könnte die Sache aber klappen.

Joseph Berlinger inszeniert „Hoffnung Havanna“

„Anfreunden“ steht als Motto über der Saison, mit Blick auf gesellschaftliche Umbrüche in Zeiten der großen Wanderung, und auch gemeint im Sinn einer Aufforderung, Verständnis füreinander zu entwickeln.

Der neue Theaterspielplan

Der Spielplan bietet eine Fülle von Möglichkeiten, sich mit dem Theater selbst anzufreunden: 29 Produktionen, davon sechs Uraufführungen, dazu Konzerte, das neue „Dein: Theater! Festival“, Stücke von Kinder- und Jugendclub, Bürgertheater mit Joseph Berlinger („Hoffnung Havanna“, die Geschichte von Simon Oberdorfer), die vielversprechende Reihe „Große Namen lesen große Texte“, ein Gedenkkonzert auf Feldbetten in der Minoritenkirche, die neuen „Regensburger Gespräche“ in Kooperation mit unserer Zeitung... – Wer nichts außer dem Theater als Kulturtankstelle hätte, könnte sich sehr gut durchbringen.

Lesen Sie mehr über den Spielplan der laufenden Saison: hier

Das Programm ist ambitioniert, vor allem im Musiktheater, der Ehrgeiz: möglichst viele Rollen aus dem eigenen Haus zu besetzen und dem Neuem Raum zu geben. Von sieben Titeln – darunter so populäre bzw. bekannte wie Bizets „Carmen“, Strauss’ „Salome“ und Verdis „Un ballo in maschera“ – sind drei neu oder neu entdeckt: Flotows Oper „Martha“ kam in Regensburg zuletzt 1974 auf die Bühne, eine echte Ausgrabung. Mel Brooks Musical „The Producers“, geschmückt mit zwölf Tony Awards, lief bisher erst an drei deutschen Bühnen. Und „Freax“, die Oper des interessanten Komponisten Moritz Eggert, erlebt ihre szenische Uraufführung.

Theater-Sprecherin Clara Fischer mit dem neuen Spielplan Foto: altrofoto.de

Mit „Freax“ hatten Neundorff und Christoph Schlingensief 2007 in Bonn einen krachenden Theaterskandal gelandet: Der 2010 verstorbene Aktionskünstler hatte während der Proben hingeworfen; er hatte sich nicht imstande gefühlt, die Geschichte um einen Außenseiter zu inszenieren. Die Oper kam dann nur konzertant auf die Bühne. In Regensburg inszeniert der junge Jim Lucassen den Stoff. Schlingensief soll in der Produktion mit seinem Film „Fremdverstümmelung“ zu Wort kommen.

Das „Orphee“ bewirtet bei Offenbachs „Orpheus“

Für „Orpheus in der Unterwelt“ tut sich das Theater mit dem „Orphée“ zusammen. Das Restaurant bittet rund ums Velodrom zu Tisch und es wird auf der Bühne als Operettenkulisse nachgebaut. Der neue Spielplan wurde deshalb auch im „Orphee“ präsentiert.

Das Publikum trifft 2016/2017 eine ganze Reihe von Regisseuren wieder, die es bereits aus den letzten Jahren kennt. Das gilt fürs Musiktheater (Brigitte Fassbaender, Johannes Pölzgutter) und vor allem fürs Schauspiel. Katrin Plötner („Woyzeck“, „pest“ und „Romeo und Julia“) bürstet Klassiker gern mal gegen den Strich; sie nimmt sich Shakespeares „Hamlet“ vor. Jens Poth („Zorn“) setzt „Hungaricum“ um. Das Stück der Brüder Presnjakow spielt an einer Raststätte an der deutsch-ungarischen Grenze; eine Story um schräge Typen und gescheiterte Existenzen, absurd und gleichzeitig beklemmend aktuell.

Sehen Sie ein Video zu „pest“: hier

Katrin Plötner, die sich in der neuen Saison „Hamlet“ vornimmt, inszenierte für das Theater Regensburg „pest“ – hier das Video. Video: MZ

Bernd Liepold-Mosser, der mit „Faust“ und „Goyescas/Gianni Schicchi“ zuletzt Reibungsfläche geboten hat, inszeniert das große Auftragswerk der Saison: „Shakespeares Schädel in Fausts Faust“ von Werner Fritsch. Der Schriftsteller aus Waldsassen arbeitet seit Jahren an seinem weltumspannenden „Faust-Sonnen-Gesang“. Sein aktuelles Stück überblendet Stoffe von Shakespeare und Goethe. Fritsch schickt Faust mit Shakespeares Schädel in einem Kirchenschiff auf eine surreale Reise und spült ihn in Böhmen an Land. Für Stephanie Junge ist die Produktion überfällig: Fritsch als prominentester Schriftsteller der Region wird überall gefeiert – und kommt in seiner Heimat kaum vor.

„Fritsch ist in der ganzen Welt bekannt, nur in Bayern wird er nicht gespielt. Endlich haben wir ihn hier auf der Bühne.“

Jens Neundorff von Enzberg

Neundorff erwartet die Uraufführung „mit Sehnsucht“, wie er bekennt: „Fritsch ist in der ganzen Welt bekannt, nur in Bayern wird er nicht gespielt. Endlich haben wir ihn hier auf der Bühne.“ Eine Heimatgeschichte, die sehr konkret im Heute ankert, erzählt „Lehman Brothers“: Autor Stefano Massini schildert den Aufstieg fränkischer Auswanderer, die in den USA ein Imperium aufbauen, das bei seinem Fall 2008 die ganze Welt an den Abgrund bringt. Sozialkritischen Stoff bearbeitet auch Hannes Weiler („Bash“, „Die lächerliche Finsternis“): mit „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“, einer Romanadaption von Alfred Döblin, im Zentrum: zwei skrupellose Fabrikchefs.

Sehen Sie ein Video zu „Faust“: hier

Bernd Liepold-Mosser b ringt Werner Fritschs Auftragswerk auf dei Bühne: „Shakespeares Schädel in Fausts Faust“. In Regensburg bot er zuletzt mit seinem „Faust“ Reibungsfläche: Hier das VIdeo. Video: MZ

Wolfgang Gropper („Blütenträume“) arrangiert diesmal einen Abend zu Karl Valentin. Volker Schmalöer („Krach im Hause Gott“) darf Komik pur ohne bittere Pointe auskosten: mit Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“. Erstmals kommt Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in Regensburg zu Ehren, mit „Winterreise“. „Höchste Zeit“, sagt Junge. Und: Der Thon-Dittmer-Hof wird wieder Bühne. Uwe Schwarz („Kohlhiesels Töchter“) arrangiert einen Streifzug durch das Leben der Andrew Sisters: „Sisters of Swing“.

Harter Stoff im Jungen Theater

Yuki Mori, Chef der Sparte Tanz, setzt lauter Uraufführungen auf den Spielplan: „Loops“, mit Giuseppe Spota als Gast-Choreograf an seiner Seite, die fünfte „Tanz-Fabrik!“ sowie „Les Enfants Terribles“. Die Tanzoper von Philipp Glass kreist um eine zerstörerische Geschwisterliebe und ist bizarrerweise mit Tänzern, vier Sängern und drei Klavieren besetzt.

Maria-Elena Hackbarth, Leiterin des Jungen Theaters, schreibt ihr Konzept konsequent fort: angesagte, gesellschaftlich relevante Themen, behutsam bis frech, je nach Altersgruppe, umgesetzt. Neben Populärem („Krabat“) und Poetischem („Der Zauberer der Smaragdenstadt“) kommt durchaus harter Stoff auf die Bühne. Das Stück „Die Schaukel“ führt vor, wie eine Party unter Jugendlichen entgleist – bis sich alle im Gerichtssaal treffen. Dort wird eine Vergewaltigung verhandelt.

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Das Theater bringt den „Fliegenden Holländer“ als Freiluft-Produktion an den Hafen – obwohl das Opern-Air-Spektakel 2015 total verhagelt war: Hier das Video zum „Abpfiff“ 2015. Video: MZ

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