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Kultur
Dienstag, 23. Mai 2017 25° 3

Schauspiel

Ein Stück, das Aufklärung einfordert

Es geht um Missbrauch in einem Internat: Am Haidplatz hat am Sonntag das Stück „Bilder von uns“ von Thomas Melle Premiere.
Von Ulrich Kelber, MZ

Susanne Berckhemer und Michael Haake in Thomas Melles „Bilder von uns“ Foto: Kaufhold

Regensburg.Mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ hat Thomas Melle im vergangenen Jahr große Beachtung gefunden. Mit radikaler Offenheit beschreibt der Autor darin, wie sein Leben durch eine psychische Erkrankung, eine bipolare Störung, völlig aus den Fugen gerät: „Die Person, die Sie zu sein und zu kennen glaubten, besitzt kein Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren.“ „Die Welt im Rücken“ stand auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis wie in den Jahren zuvor schon Melles Romane „Sickster“ und „3000 Euro“.

Der Autor ist aber auch Dramatiker. Und er war einst Schüler am Bonner Jesuiten-Gymnasium Aloisus-Kolleg. 2010 kam ans Licht, dass an dieser Schule – wie beim Canisius-Kolleg in Berlin, im Kloster Ettal, an der hessischen Odenwaldschule und bei den Regensburger Domspatzen – Kinder gedemütigt, verprügelt und sexuell missbraucht worden waren. Die Vorfälle am Aloisius-Kolleg bilden den Hintergrund für Melles Stück „Bilder von uns“, das im Januar 2016 im Theater Bonn uraufgeführt worden war.

Eine mutige Entscheidung

Jetzt kommt „Bilder von uns“ im Regensburger Theater am Haidplatz auf die Bühne. Das ist eine mutige Entscheidung, denn noch ist in Erinnerung, wie zaudernd das Theater reagierte, als es darum ging, das Berliner Ensemble zu einem Gastspiel einzuladen, um auch in Regensburg das Stück „Schlafe, mein Prinzchen“ zu zeigen, in dem der Komponist und Ex-Domspatz Franz Wittenbrink die schlimmen Vorfälle bei dem Knabenchor thematisiert hatte.

Dabei hatte das Regensburger Theater – eher zufällig – den Auslöser geliefert, dass die Recherchen zu den Domspatzen überhaupt erst einsetzten. Denn zur Premiere von Felix Mitterers Missbrauchs-Stück „Die Beichte“ im Februar 2010 hatte der Hauptdarsteller, der als Kind ins Domspatzen-Internat nach Etterzhausen gekommen war, von den dort erlittenen Übergriffen erzählt. Das Schweige-Tabu war durchbrochen.

Für „Bilder von uns“ sei gerade der richtige Zeitpunkt, meint Dramaturgin Meike Sasse, man sei damit „wahnsinnig aktuell“. Sie rechnet damit, dass Rechtsanwalt Ulrich Weber in Kürze seinen Abschlussbericht zu dem Missbrauchsskandal bei den Domspatzen vorlegen wird. Und dazu passt Melles Stück, in dem es vor allem um Verhaltensweisen nach Bekanntwerden des Missbrauchs geht.

Opferrolle gefährdet sozialen Status

Während bei Wittenbrink die Peiniger und ihre kindlichen Opfer im Mittelpunkt stehen, sieht Melles Ansatz anders aus: Wie gehen die einstigen Internatszöglinge 30 oder 40 Jahre später mit den Ereignissen von einst um? In einem Interview zur Bonner Uraufführung erklärte der Autor: „Das Stück spielt in der Gegenwart ohne Rückblenden. Es geht darum, wie die Leute auf die Umwertung ihrer Vergangenheit reagieren und welche unterschiedlichen Erklärungsmodule sie nutzen. Ob sie die Vergangenheit unter den Teppich kehren oder sich eine neue Identität anheften und so das eigene Scheitern erklären.“

Es beginnt wie ein Krimi: Hauptfigur Jesko, erfolgreicher Medienmann, glaubt an Erpressung, als er mit einem Nacktfoto aus den Internatsjahren konfrontiert wird. Aber Aufklärer des Missbrauchsskandals will er dann nicht sein. Melle: „Wer kann den Diskurs gestalten? Für einen sozialen Außenseiter kann das schwierig werden. Andererseits schrecken Menschen wie Jesko mit einem respektierten, hohen sozialen Status davor zurück. Für sie stellt sich die Frage, inwieweit sie ihren sozialen Status durch die Opferrolle gefährden.“

Der Verlust des sicheren Bodens – in der Regensburger Inszenierung wird das schon durch das Bühnenbild angedeutet: Ein schwabbeliges Luftkissen, auf dem die Darsteller nach Halt suchen müssen. Weiße Maler-Overalls, armlange Plastikhandschuhe, wie sie Tierärzte beim Umgang mit Rindern und Pferden verwenden, passen zu der im Stück vorgebrachten Klage: „Jede unserer Biografien ist besudelt.“

Regisseurin Charlotte Koppenhöfer (in Regensburg war ihr größter Erfolg bisher „The King’s Speech“) sagt: „Ich bin froh, das Stück machen zu können.“ Koppenhöfer, die einen Studienabschluss als Diplom-Psychologin hat, war selbst Schülerin an der Odenwaldschule. Man merkt ihr an, wie sehr sie das Thema Missbrauch umtreibt und wie intensiv sie sich damit auseinandergesetzt hat, wie sehr sie auf Aufklärung drängt. „Das ist eine sehr interessante Perspektive, die Thomas Melle da eingenommen hat“, betont die Regisseurin. „Gute Figuren“ habe er geschaffen: „Sie haben etwas erlebt. Und sie müssen damit umgehen.“

Der Blick in eine Probe verrät, dass die Regisseurin eine abstrahierende, distanzierte Sichtweise anstrebt. Durch die Struktur des Stückes – Koppenhöfer spricht von der „Dialogebene“ und der „Erzählebene“ – bekommt die Geschichte den Charakter einer Versuchsanordnung, bei der das Geschehen immer wieder auf den Prüfstand gestellt, analysiert und kommentiert wird. Dennoch ist es der Wunsch der Regisseurin, „den Zuschauer nicht nur im Kopf zu erreichen, sondern vielleicht auch auf der Bauchebene und mit dem Herzen“.

Im Zusammenhang mit der Inszenierung wird es am 11. Mai um 19.30 Uhr im Theater am Haidplatz unter dem Motto „Gegen die Sprachlosigkeit“ ein Podiumsgespräch zu sexualisierter Gewalt in Institutionen geben. An ihm nehmen teil neben Regisseurin Charlotte Koppenhöfer die Autorin Ebba Hagenberg-Miliu, die das Buch „Unheiliger Berg“ über die Vorfälle am Aloisius-Kolleg herausgegeben hat, der ehemalige Domspatz Alexander J. Probst, Autor des Buches „Von der Kirche missbraucht“, sowie der Anwalt Rudolf von Bracken, Mitbegründer des „Büros für Kinderrechte“. Die Moderation übernimmt Dramaturgin Meike Sasse.

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  • AO
    Angelika Oetken
    19.04.2017 21:24

    Die Entscheidung, ob man ein Leben leben oder nur eine Rolle spielen will, kann einem niemand abnehmen. Die Aufklärung der Missbrauchskultur, die an den oben genannten Institutionen betrieben wurde, ist noch nicht einmal angerissen. Die Simulationen, mit der wir bisher zum Besten gehalten werden sollten, zeigen, dass die Untersuchung institutionell betriebener sexueller Ausbeutung und sexualisierter Misshandlung nur gelingen kann, wenn sie unter externer, souveräner Stelle betrieben wird. Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

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