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Kultur
Samstag, 1. Oktober 2016 24° 3

Theater

Ein Tyrann reißt der Welt die Flügel aus

„Caligula“ am Theater Regensburg ist eine absolut sehenswerte Herausforderung. Grausam, blutig – und voller starker Bilder.
Von Claudia Bockholt, MZ

„Bewundere meine Macht“: Jakob Keller gibt eine großartige Vorstellung des jungen Tyrannen Caligula. Foto: Jochen Quast

Regensburg. Wäre Caligula zu unserer Zeit geboren, wäre er sicher wegen Depressionen zum Arzt gegangen. Das Gefühl der Belanglosigkeit und Verlorenheit – vielleicht hätte man dem mit Psychopharmaka beikommen können. Doch im Jahr 12 n. Chr. wird Caligula, weil er grenzenlose Macht besitzt, vom netten Kaiser zum Tyrannen – einem intelligenten allerdings, einem tiefgründigen, einzigartigen.

So sah ihn Albert Camus. Sein Caligula ist einer, der mit Leidenschaft das Unmögliche will. Den Mond soll ihm Helicon, seine rechte Hand, bringen. Warum? „Weil ich ihn nicht habe“. Nach dem Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla stellt Caligula die Welt in Frage und auf den Kopf. „Was ist die Liebe? Eine Bagatelle.“ Sein speichelleckender Hofstaat, die ganze römische Gesellschaft: Ratten in Caligulas Versuchsanordnung. Wenn sie dabei draufgehen, ist es göttliche Fügung: „Ich habe begriffen, dass man nur auf eine Art den Göttern gleich werden kann: es genügt, so grausam zu sein, wie sie“. Caligula tötet und verletzt – am Ende stellt es sich als qualvoll langer Akt der Selbstzerstörung heraus. Blut und kalte Raserei durchziehen das Drama und Charlotte Koppenhöfers Inszenierung, die vor Drastizität nicht zurückschreckt.

Einigen Zuschauern wird es zu viel

Caligula demütigt seinen Hofstaat: Von links die Schauspieler Franziska Sörensen, Thomas Birnstiel, Robert Herrmanns, Julian Kühndel, Jacob Keller, Michael Haake, Michael Heuberger, Gerhard Hermann, Sebastian Ganzert und Frederik Jan Hofmann Foto: Jochen Quast

Rohe Gewalt drückt sich in Caligulas perfiden Demütigungen der ihn umgebenden Patrizier aus. Helicon – Thomas Birnstiel spielt ihn stark als desillusionierten Pragmatiker – pinkelt auf offener Bühne in einen Brunnen, während die Männer wie Kriechtiere würgend daraus schlabbern müssen. Mucius’ Frau (Andine Pfrepper) wird von Caligula vergewaltigt, danach zerrt er sie wie ein blutiges Stück Fleisch zurück auf die Bühne. Hier reicht es einigen Zuschauern. Da es keine Pause gibt, in der sie unauffällig verschwinden könnten, geht der kleine Exodus nicht ohne Geräusch vonstatten. Doch die Flucht ist ein Fehler. Denn das Stück wie die Inszenierung gewinnen zum Ende hin immer mehr, werden klarer, noch eindringlicher und auf jeden Fall sehenswert – was das Publikum am Ende mit großem Beifall bestätigte.

Regisseurin Charlotte Koppenhöfer hat mit der Besetzung einen hervorragenden Griff getan. Jakob Keller wächst in der Titelrolle zu enormer schauspielerischer Größe heran, gibt dem an der Verfasstheit der Welt verzweifelnden jungen Herrscher Plastizität, kriecht in jede verzweigte Furche dieser komplexen Rolle hinein. Er kann kalt sein und unbeherrscht, auch sanft und empfindsam.

Die Grausamkeit eines Kindes

Seine Grausamkeit ist die eines Kindes. In manchen Momenten erinnert dieser schmale, blasse Caligula an einen ins Spiel versunkenen Jungen, der einer Fliege den Flügel ausgerissen hat und nun fasziniert beobachtet, wie das Insekt sich brummend im Kreise dreht. Am Ende wiederum, bevor er den Patriziern in vollem Bewusstsein ins Messer rennt, erinnert nicht nur die Schminke an den bösen Joker aus „Batman“. Auch Franziska Sörensen hat als Caligulas Ehefrau Caesonia große Auftritte, pendelnd zwischen herausfordernder Lack-und-Leder-Attitüde und mütterlicher Fürsorge.

Das genial vertrackte Bühnenbild stammt von Julie Weideli. Foto: Jochen Quast

Koppenhöfer lässt das Drama immer wieder ins Groteske kippen, zaubert gemeinsam mit Julie Weideli (Bühne) und Aleksandra Kica (Kostüme) wunderbare, starke Bilder. Die Musik von Jan-S. Beyer verstärkt sie auf subtile Weise – etwa durch ein fast unterbewusst wahrgenommenes Knirschen und Rumoren, mit dem Welt aus den Fugen gerät. Auf der eigentlich schlichten, aber klug vertrackten Bühne werden Macht und Ohnmacht, der Verlust von Sicherheit und die fortschreitende Zerstörung augenfällig.

Der Zuschauer hat die Wahl

Es ist nicht immer leicht, Camus’ verschlungenen Wegen durch den Existenzialismus zu folgen. Doch die Schönheit seiner Sprache, seine Poesie ist diese Mühe wert. Regisseurin Koppenhöfer liefert keine Deutung frei Haus, sondern fächert eine spannende Auswahl von Ansätzen auf. Gleicht dieser Tyrann einem Diktator unserer Zeit? Caligula schlüpft in viele bekannte Verkleidungen, vom afrikanischen Despoten bis hin zum Revolutionsführer. Wir dürfen wählen.

„Caligula“ in Regensburg

  • Elf Vorstellungen am Bismarckplatz:

    Premiere feiert „Caligula“ am Freitag, 27. März, um 19.30 Uhr im Theater am Bismarckplatz. Weitere Vorstellungen: Di., 31.3., Fr., 10.4., So., 12.4., Do., 30.4., Mo., 11.5., Mi., 27.5., Do., 18.6., Do., 25.6., Fr., 3.7., So., 12.7. Karten an der Theaterkasse am Bismackplatz (Mo. bis Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 14 Uhr), in der Tourist-Info oder unter www. theater-regensburg.de

  • Jakob Keller in der Titelrolle:

    Besetzung: Caligula: Jacob Keller; Caesonia: Franziska Sörensen; Helicon: Thomas Birnstiel; Scipio: Sebastian Ganzert; Cherea: Fredrik Jan Hofmann; Mucius: Michael Heuberger; Mereia/ Fabius: Gerhard Hermann; Cassius: Michael Haake; Lucius: Robert Herrmanns; Lepidus: Julian Kühndel; Mucius Frau/ Hure: Andine Pfrepper

"Caligula" feiert Premiere in Regensburg

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