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Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 4

Schauspiel

Ein Zauberschüler wird zum Raben

Erlösung gibt es nur durch die Liebe – eine Lektion, die Krabat in einer Inszenierung des Jungen Theater Regensburg lernt.
Von Michael Scheiner, MZ

Mitreißend choreografierte ist die Verwandlung Krabats in einen Raben. Fotos: Scheiner

Regensburg.Fragt sich heute noch ein Jugendlicher, ein junger Mensch wie hätte eigentlich ich reagiert? Damals, als die Großeltern oder die Generation davor zur Hitlerjugend wurde. Wäre ich auch mitmarschiert, hätte mich von Versprechungen verführen lassen? Vermutlich nicht, junge Menschen sind heute anderen Verlockungen ausgesetzt und kennen persönlich wohl keine Geschichten aus dieser Zeit. Vielleicht aber doch, wenn sie den Film „Die Welle“ oder aktuell das Bühnenstück „Krabat“ gesehen haben, das seit dem Wochenende im Jungen Theater angelaufen ist. Jule Kracht und Daniel Thierjung haben aus Otfried Preußlers Jugendbuchklassiker eine eigene Fassung für die Bühne entwickelt, die jetzt Premiere hatte.

Preußler, Kinderbuchautor aus Reichenberg, dem heutigen Liberec, verarbeitete in „Krabat“ eigene Erfahrungen von Verführbarkeit, Macht und Auflehnung während des Nationalsozialismus. Dabei stützte er sich auf eine alte sorbische Volkssage aus dem 18. Jahrhunderts, die er aus Erzählungen seiner Großmutter kannte. Ein Lehrling muss sich darin gegen seinen Meister zur Wehr setzen und ihn zum Kampf herausfordern. Ein wunderbarer Stoff voller Spannung, düsterer Abenteuer, unverbrüchlichen Freundschaften und keimender Liebe. Komm zur Mühle im Koselbruch, lockt eine hohle Stimme zwischen scharfem Windgeheul und fernem Rabengekrächze die streunenden Jungs um Krabat, die sich als bettelnde Könige aus dem Morgenland mehr schlecht als recht durch den Winter hangeln.

Im Bann des Meisters

Die Bühne: karg, fast puppenstubenhaft, hinten eine leichter, transparenter Vorhang, der auch für Projektionen dient, seitlich davor die gleichen weißen Gazevorhänge. Anfänglich bemächtigen einen leise Zweifel, wie hier eine komplexe Geschichte mit Handwerk, zwölf Lehrgesellen, nächtlichen Schreckensabenteuern und letztlich der Erlösung durch die Liebe dargestellt werden kann. Kracht und Thierjung haben dafür einen literarisch altbekannten, einfachen Kniff gewählt. Die Geschichte wird erzählt und über Spiel- und Tanzszenen, die als Rückblenden das Erzählte lebendig werden lassen, spielerisch illustriert. Das funktioniert von Anfang an, wenn Krabat (Ludwig Hohl) mit einer Taschenlampe durch die Nacht geistert, über den (Zauber-)Stab des Meisters stolpert und auf seine alten Freunde trifft, die mit ihm als Schüler und Gesellen an die Mühle im Koselbruch gefesselt waren. Sie standen im Bann des unbarmherzigen, mächtigen Meisters (Stephan Hirschpointner), aus dem sie erst die unerschütterliche Liebe der Kantorka (Franziska Plüschke) zu Krabat befreite.

Immer wieder steigen die vier Schauspieler, alle bis auf Krabat in Doppelrollen zu sehen, aus der Spielhandlung heraus. Sie erzählen sich Storys von durchziehenden Soldaten, die sie mit ihren bereits erlernten Zauberkräften listenreich hinters Licht führten, und tauchen dann wieder in die Szene hinein. Überzeugend gelingt es den harten und mühseligen Arbeitsalltags eines Lehrlings zu zeigen, der froh sein konnte, sein anstrengendes Handwerk gegen Kost und Logis erlernen zu können. Packend auch die mitreißend choreografierte Initiation Krabats als Zauberschüler und seine Verwandlung in einen Raben. Als sich die durch den Zuschauerraum flatternden Vögel am Schluss der auch musikalisch fesselnden Szene wieder um den Meister scharen und zu einem machtvollen Bild vereinen, könnte einem schon gruselig werden. Zeigt es doch die kaum bezwingbare Kraft eines tiefen, echten Zusammenhalts gleichermaßen, wie die Gefahr, die von einem derartigen Einklang ausgeht, der die Persönlichkeit korrumpiert hat.

Eine überzeugende Parabel

Der sonst hinterm Vorhang mit Darth-Vader-Stimme auftretende Meister verlangt von seinen Zauberlehrlingen unbedingten Gehorsam und Unterordnung, die er sich mit Zaubersprüchen aus dem Koraktor erkauft. Damit können die Müllergesellen ihre Kraft ins Unermessliche steigern. Das feiern sie in einem wilden Arbeitstanz, der verdammte Ähnlichkeit mit einem kriegerischen Maori-Ritual hat. Der erlösende Schluss mit der unerschrockenen Kantorka, die mit verbundenen Augen ihren Auserkorenen am wilden Herzschlag erkennt, kommt dann etwas unvermittelt. Der Bann ist gebrochen, die Mühle brennt nieder, die Müllerburschen ziehen ihrer Wege.

Dem kleinen Team ist mit dieser auch in der Ausstattung minimalistischen Inszenierung eine überzeugende Parabel über Verführbarkeit, die Anziehungskraft von Macht und deren Besiegbarkeit durch die Kraft der Liebe gelungen. Einige Bezüge in die heutige Zeit erleichtern sicher das Andocken für junge Zuschauer. Musikalisch ist sie nicht in jeder Phase voll überzeugend und auch beim Spielen könnte der eine oder andere Schauspieler noch einen kleinen Zacken zulegen.

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