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Kultur
Dienstag, 16. Januar 2018 6

Comedy

Eine „Alpha Pussy“ bespaßt Regensburg

Carolin Kebekus kämpft für Emanzipation mit Droschkenkutscher-Vokabular. Wie das geht, zeigt sie in der Donau-Arena.
von Veronika Lintner

Carolin Kebekus bei ihrem Auftritt in der Donau-Arena-Foto: Jens Niering

Regensburg.Es ist der 16. Dezember 2017. Ein stattlicher Christbaum steht auf der Bühne der Donau Arena. Doch dieser Abend wird alles – nur nicht besinnlich und weihnachtlich. Carolin Kebekus gastiert hier mit ihrer Tour. Hinter dem Bäumchen leuchtet schon ihr Logo an der Wand: ein Totenkopf, kombiniert mit einem Venussymbol. Drumherum der Schriftzug „Pussy Terror. Jetzt erst recht“. Die erste feministische Kampfansage des Abends. „Die Rückkehr der Frau, die das Land entzweit!“, verkündet dazu eine staatstragende Stimme aus den Lautsprechern.

Doch dann betritt die Kebekus die Bühne und gibt sich als waschechter Kumpeltyp: salopp und bodenständig, schamlos im Humor. So kennt man die Kölnerin aus Funk und Fernsehen, aus ihrer eigenen TV-Show.

Ihren gewohnt bunten Themensalat – von der politischen Pointe bis zum Flachwitz – präsentiert sie in Regensburg vor fast ausverkaufter Halle. Schnell wird klar: Sie weiß, wie sie ihr Publikum ködert. Zur Verbrüderung scherzt sie über die gemeinsamen Jugend-Erinnerungen ihrer Generation – und spricht damit alle jene Zuschauer an, die zwischen den 70ern und 90ern geboren wurden.

Erinnerung an Feten der Pubertät

Nostalgie und Sehnsucht kommen auf. Erinnerungen an die wilden Feten der Pubertät werden wach – „Waren das nicht geile Partys?“. Der Generation Y, den Millenials, attestiert Kebekus dagegen einen Mangel an Rebellion und Emanzipation, vor allem gegenüber dem Elternhaus. Heute gehen Töchter mit ihrer Mutter in die Disco und der Vater „fährt mit dem Longboard zu Arbeit“.

So weit, so gut. Bis dahin könnte das ein herkömmlicher Show-Abend werden. Stand-Up-Comedy, zeitgemäß, derb bis schlüpfrig. Manch ein Kalauer der Sorte „Kennste den schon?“. Doch hinter dem Phänomen Kebekus steckt mehr. Ist das Terrain erst geglättet, der Funke übergesprungen, bricht sich ihr Feminismus Bahn. Und der weibliche Tabubruch ist der wahre Pfeffer in ihrer Comedy. Kebekus kämpft für die Emanzipation mit dem Vokabular eines Droschkenkutschers. Auch an diesem Abend scheint ihr nichts zu menschlich: Sie erzählt von Bettgeschichten, Rausch und Suff, Selbstzweifeln. Minutenlang lässt sie sich über ihre Blähungen aus – unverblümt, in den buntesten Farben.

Für Aufklärung und Respekt

Wem solche Themen bitter aufstoßen, der sei vor dieser Komikerin gewarnt. Dazu klagt sie: „Mein Bindegewebe hat mich schon lange hängen gelassen“ und knetet ihre Oberschenkel. Vergrößert wird das Bild im Zoom auf Großleinwand. Immer wieder wird ihr Anliegen auch sehr konkret, in klaren Appellen: für weibliches Selbstbewusstsein, gegen den Gender-Pay-Gap, für Aufklärung, Respekt und Gleichberechtigung. Auch eine Portion Konsumkritik darf sein. Ziel ihres Spotts sind dabei blutjunge Social-Media-Stars, die Schönheits-Produkte auf ihren Kanälen anpreisen und die Botschaft vermitteln: „Der weibliche Körper ist immer optimierbar“. Dass diese humorige Kritik nicht vor Moralin überschäumt, dafür sorgt Kebekus schon selbst. Selbstironie ist ihr Zaubermittel.

Sie setzt auf einen Feminismus im Lachformat, mit Rock und Nagellack. Ihre Gestik reißt die Blicke mit: rudernd, fuchtelnd und winkend mit der Rechten, das Mikro in der Linken. Auf der Bühne wirkt sie noch ein bisschen souveräner und enthemmter als vor der Kamera. Auch wenn sie an diesem Abend dann und wann zur Konserve greift. Manchen Gag hat man von ihr schon gehört, bei der „Heute Show“, oder bei der „Anstalt“.

Keine weibliche Solidarität mit Helene Fischer

Dennoch: Auf Hochtouren schlägt der Puls ihrer Comedy, und das bei konstantem Lach- und Energiepegel in der Arena. Atemlos folgt ihre Show einem zweistündigen Fluss des Erzählens und Palaverns. Und „Atemlos“ – das ist zugleich die große Hymne ihres liebsten Feindbilds, Helene Fischer. Zu perfekt sei die Schlager-Königin, mehr Maschine als Mensch. Da droht sich die feministische Predigt zu verheddern. Also doch keine weibliche Solidarität? Kein Applaus für andere erfolgreiche Frauen? Kebekus will am Exempel Fischer zeigen, welche unerreichbaren Weiblichkeits-Ideale in der Popkultur verherrlicht werden. Dafür erntet sie ein befreites Lachen der Zuschauer, Jubelrufe, vor allem in weiblicher Stimmlage.

In Zeiten von Terror, Flüchtlingskrise und Fremdenhass hilft laut Kebekus nur das Lachen. Ihre Heimatstadt Köln geht mit Beispiel voran. Die Erfahrungen der Silvesternacht und Terrorwarnungen – all das hätte zu einer Absage des Karnevalszugs 2016 führen können. Doch die Kölner hielten dem Stand. Am Ende konnte dann nur ein Sturmtief die Jeckenparade gefährden. Oder wie Kebekus es formuliert: „Terror. Sex-Mob. Aber dann kam jemand mit einem Wetterbericht um die Ecke.“ Daher ihr Tipp an den IS: „Kauft euch lieber ein paar ordentliche Windmaschinen.“

Vor Jahren philosophierte dieselbe Kebekus noch über ihre seichteren Lieblingsthemen – Leberwurst und Lukas Podolski. Und das tut sie immer noch gerne. Doch heute tritt sie auch als politische Kabarettistin auf und legt sich mit der AfD und der katholischen Kirche an. Als „Alpha Pussy“ ist sie damit ein Alpha-Weibchen in der Humorszene.

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