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Kultur
Mittwoch, 22. November 2017 10° 3

Theater

Eine Frau wird zu alt für ihre Rolle

Mit „Opening Night :: Alles über Laura“ gelingt dem Münchner Residenztheater eine berührende Inszenierung über das Altern.
Von Michaela Schabel, MZ

Hanna Scheibe als Myrtle: Am Residenztheater München wurde „Opening Night :: Alles über Laura“ uraufgeführt. Foto: Konrad Ferstener

München.Zwei sehr unterschiedliche Räumlichkeiten – zwei identische Innenwelten. In einer facettenreichen Collage changiert „Opening Night :: Alles über Laura“ im Marstall des Residenztheaters zwischen Theaterbühne und Filmremake rund um die Thematik des weiblichen Alterns.

In Cassavetes’ Film „Opening Night“ hadert Myrtle Gordon mit ihrer Rolle als alternde Diva. Sie möchte nicht auf Rollen alter Damen fixiert werden. Anderseits ist ihre Karriere ruiniert, falls sie in dieser Rolle nicht überzeugt. Als Nancy, ein junges Mädchen ihrer Fangemeinde, in unmittelbarer Nähe überfahren wird, gerät Myrtle Gordon noch mehr in die Krise. Zu spät und vollbetrunken reist sie zur Premiere am Broadway an. Die Uraufführung wird als Comedy ein Erfolg.

Das muss man wissen, um die Vielschichtigkeit von Bernhard Mikeskas Version im Marstall zu verstehen. In „Opening Night :: Alles über Laura“ gibt er Laura, die ursprünglich Nancy im Film gespielt hat, 30 Jahre später als Myrtle Gordon eine zweite Chance. Wie Myrtle im Film durchlebt Laura live die Krisen des Alterns. „Time is a Killer“ postet das Theaterplakat. Was der Darstellerin Myrtle fehlt, ist die Hoffnung.

Die Assistentin wird zum Alter Ego des Stars

Dem Publikum präsentiert das Projektteam Bernhard Mikeska (Regie), Alexander Althoff und Lothar Kittsein (Text nach John Cassavetes „Opening Night“) zwei Versionen. Gruppe B begegnet Myrtle im Hotelzimmer. Etwa 50 Zuschauer sitzen an den Wänden direkt auf der Bühne. Über Kopfhörer belauscht man die Gespräche Lauras, die Myrtle spielen soll, mit ihrer Assistentin Hannah, in der sich Nancy spiegelt. Zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten treffen aufeinander, zwei Frauen aus verschiedenen Generationen.

Valerie Pachner (als Lauras Assistentin Hannah) zeigt eine Frau von heute, ganz cool, emotionslos, mit Mütze, Jeans und Unterhemd, unerbittlich stringent und berechnend, und wird immer deutlicher das jugendliche Alter Ego Lauras. Es managt Laura und fördert ihre Alkoholsucht, damit Laura noch funktioniert.

Eine strahlende Frau wird zur versoffenen Loserin

Michaela Steiger als Laura wandelt sich in einer Stunde von einer attraktiven strahlenden Frau in extravagantem türkis-orangefarbenen Seidenoutfit und roten High-Heels in eine versoffene Loserin in mattbrauner Bluse und langweiligem roten Rock mit festeren Pumps. Sie schwankt vom Bett zum Sofa, betrachtet sich deprimiert im Spiegel, kriecht und wälzt sich am Boden, unfähig, die Rolle anzunehmen, die sie schon längst im Leben spielt.

Nach der Pause wechseln die Gruppen, Gruppe B unternimmt einen Zeitsprung in die Vergangenheit. Myrtle (Hanna Scheibe) kauert vor der Bühne, über der eine aktualisierte Version von „Opening Night“ flimmert. Auf der schmalen Rampe wird die entscheidende Szene immer wieder geprobt, in der Myrtle geschlagen zu Boden fällt, ein Häufchen Elend, alt und lächerlich. Wie Hanna Scheibe diese Szene spielt, so authentisch und natürlich, geht unter die Haut. Sie will die Rolle so spielen, dass das Alter keine Rolle spielt – und sie verliert, weil die Jugend sie immer noch viel zu fest im Griff hat.

Die Botschaft: Im Altern das Altern besiegen

Lächerlich wirken die Menschen am Set. Leere Phrasen sind ihre Ermutigungen, egozentrisch ihre Argumentationen, sehr überzeugend sind sie in schwebender Balance zwischen ironischer Brechung und authentischen Verhaltensritualen gespielt von Michele Cuciuffo, Arthur Klemt, Paul Wolff-Plottegg und Barbara Melzl.

Doch das ist nicht das Ende. Der Bühnenvorhang hebt sich. Laura und Myrtle in gleicher Optik gehen aufeinander zu. Myrtle bedroht Laura, drückt ihr fast die Kehle ab, doch Laura befreit sich und erschlägt Myrtle mit der Alkoholflasche. Sie schleppt sich zum Bett. Das Keuchen beruhigt sich zu einem tiefen Atmen.

Im Altern das Alter besiegen – das ist die hoffnungsvolle Botschaft dieser in jeder Beziehung gelungenen, sehr ruhigen und dichten Inszenierung, die wunderbar sensibel, berührend und aufrichtig gespielt wird. „Opening Night :: alles über Laura“ weitet sich zur Parabel „Alles über das Altern“, die alle Generationen angeht.

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