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Eine neue Biografie holt Beuys vom Sockel


Von Harald Raab, MZ

Als Scharlatan wurde er beschimpft – als Erneuerer des Kunstbegriffs ist er in die jüngere Kunstgeschichte eingegangen: Joseph Beuys (1921-1986). Er war nicht der einzige und auch nicht der erste, der im 20. Jahrhundert den tradierten Kunstbegriff durcheinandergewirbelt hat. Aber er war zweifellos einer der Wirkmächtigsten und Radikalsten in Sachen Erweiterung dessen, was seitdem als Kunst gilt – bis hin zum Appell an alle: aus seinem Leben ein Kunstwerk zu machen.

Der Name Beuys steht wie kein anderer für „die radikale Abkehr von Konventionen und für den Aufbruch zur Erforschung einer Kunst jenseits der tradierten Vorstellungen von Malerei und Plastik“. Er propagierte weiterführend die Utopie der sozialen Plastik: Menschen in freier Assoziation ein glücklicheres, repressionsfreies Miteinander erarbeitend, ohne Geldknechtschaft und all die anderen alltäglichen Zumutungen.

Sein Charakter- und Persönlichkeitsbild mäandert durch die Zeit und die popularisierte öffentliche Wahrnehmung. Aufsätze, wissenschaftliche Arbeiten und Bücher über das Phänomen Beuys sind kaum noch zählbar. Als eine Art letztgültige Exegese mit dem apodiktischen Titel „Beuys – Die Biographie“ hat jetzt Hans Peter Riegel im Aufbauverlag eine 607 Seiten starke Auseinandersetzung mit dem Künstler vorgestellt: Er analysiert mit einer überbordenden Fülle von Fakten und Aussagen von Zeitzeugen eine multiple Persönlichkeit – einen Schamanen, Missionar, Polit-Akteur und eine egozentrische wie gleichermaßen altruistische Privatfigur. Beuys, der begnadete, aber auch eitle Selbstdarsteller, der einerseits bewunderte und andererseits diktatorische Lehrer. Denn all das war er ohne Frage – ein großer Künstler und Bürgerschreck obendrein.

Beuys gehört zur Generation der durch den Zweiten Weltkrieg geformten, oft genug deformierten Generation. Viele von ihnen strickten Legenden um die Rolle, die sie als Pimpfe, kleine Parteigenossen, Wehrmachts- oder SS-Angehörige gespielt haben. Jung waren sie, als die Nazis ihnen eine neue Zeit versprachen, eine solidarische Volksgemeinschaft und dazu Abenteuer satt, erst in der HJ und dann im Krieg. Nobelpreisträger und Ex-SS-Mann Günter Grass ist so ein Beispiel. Er hat verdrängt, verschwiegen. Anders hätte er wohl keine Nachkriegskarriere als Schriftsteller machen können.

Die Legende von Fett und Filz

Beuys hat die andere Variante gewählt, die nach 1945 auch gut angekommen ist: missbrauchter Held, Stukaflieger mit EK 1 und goldenem Verwundetenabzeichen. Dass davon weniger als die Hälfte stimmt, wissen wir längst. Auch die Kriegssaga von wundersamer Rettung nach einem Absturz. Die Tartaren, die ihn in Fett gebettet und mit Filz umwickelt haben sollen, sind reine Erfindung. Auch, dass hier die Initialzündung zur Verwendung dieser Materialen in der Kunst erfolgt sei.

Autor Riegel bietet eine profanere Erklärung an: Jüppken, wie alle den kleinen aufgeweckten Jungen nannten, hatte in Kleve, wo er aufgewachsen ist, eine Margarinefabrik in der Nähe und einen großen Schuhhersteller, der auch Filzstiefel für die Wehrmacht produzierte. Überhaupt habe Beuys seine Herkunft aus bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen etwas aufgehübscht, einschließlich eines wahrscheinlich nicht absolvierten Abiturs. Aber da wollen wir mal nicht so sein. Wer bei seinen akademischen Arbeiten nicht da und dort etwas gemogelt hat, werfe den ersten Stein.

Auch dass Jung-Künstler Beuys nicht gerade ein Originalgenie war, wissen wir. Im Windschatten der Fluxusbewegung sind seine Installationen und Kunstaktionen entstanden. Hier gilt eine alte Lebensweisheit für alle Kreativberufe: Man ist nur so groß, weil man auf den Schultern von Riesen steht. Aber man muss schon das Seine hinzufügen, um als Herausragender wahrgenommen zu werden.

Keine Neuigkeit ist auch, dass Beuys seine Kunst- und Lebenstheorien so ziemlich eins zu eins bei dem Anthroposophen Rudolf Steiner aufgelesen hat. Die Schaffung einer Sozialen Plastik, die Rettung der Menschheit durch Kunst, all das ist auf anthroposophischem Grund gepflanzt – wie die 7000 Eichen zur documenta 7 in Kassel. Was wohl weniger bekannt ist: in welch rechts zu verortendem Sumpfgelände all die Menschheitsbeglückung gedieh. Zu politischen Weggefährten zählten dubiose Figuren wie der Nationalist August Hausleitner oder der Altnazi und SS-Sturmbann-Adjutant Karl Fastabend.

Wen wundert es, dass Beuys in Hitler nur eine Person der Zeitgeschichte mit „fehlgeleiteten kreative Energien“ erblicken konnte. Den Deutschen schrieb er eine besondere Mission in der anstehenden Weltverbesserung zu. In seiner vorletzten großen Rede, 1985 in den Münchner Kammerspielen, schwärmte Beuys, ganz Steiner-Apostel, von der „Auferstehungskraft“ des deutschen Volkes und warnte vor der Plutokratie in den westlichen Demokratien. Derlei verquaste Ideologien und deren Apologeten waren ja auch in der Gründungstruppe der Grünen aktiv. Zwar gehörte das Polit-Theater irgendwie auch zu den Kunstaktionen Beuys’. Doch er wollte damit auch allen Ernstes in den Bundestag und war zutiefst gekränkt, als ihn die Grünen dafür nicht einen aussichtsreichen Platz auf ihrer NRW-Landesliste einräumten. Beuys als Redner im Bundestag, vielleicht einem toten Hasen die Politik erklärend, das wäre sein Nonplusultra gewesen, die absolute Performance seiner ganzen Existenz als großes personifiziertes Kunstwerk.

Will der Autor den Weltkünstler Beuys demontieren, seine Kunst als Scharlatanerie bloßstellen? Dass er mit seiner detaillierten Nachforschung solchen Tendenzen Material in die Hand spielt, ist eine Tatsache, allerdings eine nicht beabsichtigte. Beuys selbst hat viel dazu getan, dass er als Guru, Heilsbringer und selbsternannten Erlöser der Menschheit wahrgenommen wurde, von einer Schar von Jüngern und vor allem weiblichen Fans mit einer schier göttlichen Gloriole versehen. Künstlern bescheinigte er selbst freilich, „impotente, die Umwelt verschmutzende Arschlöcher“ zu sein. Riegel holt Beuys vom Sockel. Das tut dem Ausnahmekünstler und seinem elementaren Beitrag zur demokratischen Entwicklung der Kunst gut. Der Autor würdigt Beuys auch als unerschöpflichen Impulsgeber. Sein obsessives Ziel: „In den Köpfen der Menschen Bilder zu evozieren, die im Stande waren, Bewusstsein zu wecken für das brachliegende Kapital der menschlichen Kreativität.“

Ein großer Zeichner und Performer

Andererseits: Beuys hat mit seinem weiten Freiheitsbegriff in der Kunst einer Heerschar von Epigonen Tür und Tor geöffnet – für so manchen Unfug, der nur unter der Rubrik des Kaisers neue Kleider einzuordnen ist. Was bleibt und Bestand hat, ist ein höchst differenziert zu betrachtendes Werk, das eines großen Zeichners und ideenreichen Performers allemal. Die Sicht auf Kunst hat diese Persönlichkeit aus Kreativität, Wille und Sendungsbewusstsein unumkehrbar verändert. Seine Asche ruht in einem Bronzegefäß, einst Beiwerk seiner Großinstallation „Honigpumpe“, auf dem Grund der Nordsee. Sein langjähriger und auch kritischer Mitstreiter Klaus Staeck spricht das Amen: „Beuys hat sich verströmt“.

Hans Peter Riegel, „Beuys - Die Biographie“, Aufbauverlag, Berlin, 2013, 607 Seiten, 28 Euro

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