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Kultur
Dienstag, 21. November 2017 7

Ausstellung

Eine spannende Gegenüberstellung

Max Beckmann beeinflusste Nachkriegskünstler der „Gruppe Spur“. Davon erzählt eine Schau im Museum Lothar Fischer.
Von Ulrich Kelber, MZ

„Quappi am Strand“ ist eine Bleistiftzeichnung von Max Beckmann aus dem Jahr 1927: Quappi war der Kosename von Mathilde von Kaulbach, die Beckmann 1927 nach der Scheidung von seiner ersten Ehefrau, der Opernsängerin Minna Tube, geheiratet hatte. Foto: Nachlass Mathilde Q. Beckmann

Neumarkt.Max Beckmann übte auf die „Spur“-Künstler, die sich 1957 an der Akademie der Bildenden Künste in München zusammenfanden, eine starke Faszination aus. Intensiv beschäftigten sich Lothar Fischer, Heimrad Prem, Helmut Sturm und HP Zimmer ab 1960 mit ihrem berühmten Vorbild. Zimmer erinnerte sich später: „Von Zeit zu Zeit ging ich zu Günther Franke und ließ mir Beckmann-Bilder zeigen, um bei all dem Informel nicht ganz zu vergessen, dass man auch Figuren zeichnen kann.“ Es habe sich „der Rückgriff auf Beckmanns nervös abgehackten Facettenstil“ angeboten, den er als „konsequent durchgeführte Fuge von Überschneidungen“ charakterisierte.

Der Münchner Kunsthändler Günther Franke, der in der Stuck-Villa residierte, verfügte über eine exzellente Beckmann-Kollektion. Das bedeutendste Werk dabei war das Gemälde „Die Nacht“, das sich heute in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen befindet. Beckmann hatte an diesem Gemälde vom Sommer 1918 bis zum Frühjahr 1919 gearbeitet. Er stand damals noch unter dem Schock seiner grauenvollen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, wo er als Sanitäter Dienst geleistet hatte, zunächst in einem Typhus-Lazarett und dann direkt an der Front in Flandern in einem Feld-Lazarett.

Bilder, die kaum zu ertragen sind

Die grässlich verstümmelten Soldaten und das ständige Sterben erschütterten Max Beckmann so sehr, dass er einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch erlitt. In „Die Nacht“ zeigte Beckmann die Not und die Hilflosigkeit des einzelnen Menschen in einer von Terror und Skrupellosigkeit geprägten Zeit: Mehrere Männer sind in eine Wohnung eingedrungen; es kommt zu einem Gewalt-Exzess gegenüber einer Familie: Der Mann wird gequält, gefoltert und schließlich erdrosselt, die Frau vergewaltigt, das völlig verstörte Kind verschleppt. Es ist ein Bild, das in seiner Drastik kaum erträglich ist.

Die Ausstellung

  • Eröffnet wird die Schau

    am Sonntag, 22. Oktober, 11 Uhr, im Museum Lothar Fischer in Neumarkt (Weiherstraße 7a). Sie dauert bis 14. Januar 2018 und ist von Mittwoch bis Freitag (14 bis 17 Uhr) und samstags und sonntags (11 bis 17 Uhr) geöffnet.

  • Bei der Eröffnung

    sprechen neben Museumsdirektorin Dr. Pia Dornacher Dr. Jeanette Stoschek vom Museum der bildenden Künste in Leipzig (das wichtiger Leihgeber war) und der rheinland-pfälzische Kultusminister Prof. Dr. Konrad Wolf. Lothar Fischer wurde 1933 im pfälzischen Germersheim geboren, kam aber schon als Kind nach Neumarkt.

  • Vorträge:

    Dr. Hans-Werner Schmidt, ehemaliger Direktor Museum der bildenden Künste Leipzig, referiert am Donnerstag, 23. November, 19 Uhr über „Max Beckmann – Lebensweg und Werkverlauf“. Einen Kurzvortrag und eine Diskussion zum Thema „Max Beckmann und sein Kunsthändler Günther Franke“ gibt es am Donnerstag, 11. Januar 2018, 19 Uhr: Dr. Felix Billeter, Kunsthistoriker und Autor der neuen Franke-Publikation, diskutiert mit Dr. Pia Dornacher.

Bei der Neumarkter Ausstellung kann nur eine Reproduktion gezeigt werden. Was aber im Original als Leihgabe des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen ist: Beckmanns, ebenfalls im Jahr 1919 entstandener Graphik-Zyklus „Die Hölle“, der zu seinen wichtigsten und bedeutendsten Werken gehört. Das Motiv „Die Nacht“ taucht auch bei diesen insgesamt elf großformatigen Lithographien auf. Ähnlich beängstigend und erschütternd ist das Blatt „Martyrium“, in dem es um die Ereignisse in Berlin im Januar 1919 geht, als rechtsextreme Freicorps-Truppen mit brutaler Gewalt gegen Spartakisten vorgingen. Beckmann zeigt in seiner beklemmenden und an eine Kreuzigungsszene erinnernden Graphik, wie die verhaftete und später ermordete Rosa Luxemburg von sadistischen Garde-Soldaten brutal misshandelt wird. Auf weiteren Blättern dieses Zyklus sieht man entstellte Kriegskrüppel („Der Nachhauseweg“) oder die existenzielle Not von Arbeiterfamilien („Der Hunger“). Das wirkt oft drastischer, mitfühlender und unmittelbarer als ähnliche Motive bei Otto Dix oder George Grosz. Max Beckmann, in dessen Frühwerk es noch impressionistische Anklänge gab, sucht in diesen Graphiken nach höchster Ausdrucksintensität. Elemente der Neuen Sachlichkeit vermengen sich hier mit expressionistischen Stilmitteln. Die aus den Fugen geratene Zeit will er mit holzschnittartigen, zersplitterten Formen darstellen, die Entmenschlichung durch maskenhaft-groteske Gesichter, die Ausweglosigkeit durch verzerrte, stürzende Perspektiven.

40 Millionen für „Hölle der Vögel“

Diese apokalyptischen Katastrophenbilder haben die „Spur“-Künstler ganz offensichtlich stark beeindruckt. In dem Gemälde „Sturz“ zitieren Prem und Sturm die Fratzen aus den Beckmann-Bildern, bei „Martyrium II“ greift Sturm die räumliche Komposition des Vorbilds auf; auch Prems „Geiseldrama“ von 1960 ahmt die Beckmann-Dramatik nach. Und Lothar Fischer nähert sich in seinen plastischen Arbeiten auf gelungene Weise der bizarren Figurenwelt Beckmanns an. Beckmanns Malstil der 20er Jahre war für die „Spur“ eine wesentliche Inspirationsquelle, das zeigt die Ausstellung deutlich.

Aber diese Gegenüberstellung macht nur einen Teil der Ausstellung aus. Präsentiert werden auch 30 Zeichnungen (Leihgaben aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig, wo sich der Nachlass von Mathilde Q. Beckmann befindet). Sie stammen aus der Zeit zwischen 1914 und 1950, dem Todesjahr Beckmanns (der Künstler, der schon in seinen Exiljahren in Amsterdam unter einer Herzerkrankung gelitten hatte, war am 27. Dezember 1950 bei einem Spaziergang in New York tot zusammengebrochen). Da gibt es eine ganze Reihe von Zeichnungen, die Beckmanns Frau Quappi zeigen, eine ganze Reihe von Porträts (von Beckmanns Frankfurter Freundin Naila bis zu dem Berliner Galeristen Paul Cassirer), Akte, Selbstbildnisse und auch mythologische Motive wie „Der Zwilling“ mit drei nackten Frauen und einem nackten Mann. Verblüffend ist eine Kohlezeichnung aus Beckmanns letztem Lebensjahr mit dem Porträt einer New Yorker Journalistin, denn da scheint er sich stilistisch wieder ganz an seinem Frühwerk zu orientieren.

Max Beckmann: einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. In Neumarkt gibt es jetzt die einmalige Chance, sein grafisches Schaffen kennenzulernen. Welchen Rang Beckmann einnimmt, zeigte sich vor wenigen Monaten bei einer Auktion in London. Da wurde Beckmanns Gemälde „Hölle der Vögel“ von 1938 für einen Rekordpreis von 40 Millionen Euro versteigert.

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