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Kultur
Donnerstag, 23. November 2017 10° 3

Kommentar

Eine tragende Rolle

Ein Kommentar von Marianne Sperb, MZ

Regensburg hat zwei Wochen lang Theater in all seinen Facetten erlebt: poetisch, hemmungslos, geschichtsbewusst, klug, schrill, in grandiosen Bildern und aufwühlender Musik. Der Himmel hing voller Äpfel, duftige Folie umschmeichelte Tänzer, Lustschreie drangen aus diversen Betten, in der „Reichstheaterkammer“ wurde die Rolle eines Intendanten in der NS-Zeit ergründet. Das sind ein paar Stichworte aus einem prallen Programm.

35 Häuser präsentierten bei den Bayerischen Theatertagen rund 50 Inszenierungen. Der Spielplan war zudem gespickt mit Zusatzprogramm bis in die Nacht. Das Regensburger Theater glänzte in jeder Hinsicht in der Hauptrolle als Gastgeber. Das Festival hat gezeigt, was für ein Schatz das Theater ist – aber auch, worüber wir uns Sorgen machen müssen.

Es gibt einen Hunger nach Theater. Das belegt der Run auf Tickets. Knapp 80 Prozent der Karten wurden verkauft, rund 14 000 Menschen zog es ins „Wilde Bayern“. Die Qualität der Aufführungen war sehr unterschiedlich. Das Regensburger Haus, das eigene Inszenierungen wie „Der Prozess“, „Homevideo“ und „The House“ aufführte, schnitt im Bayern-Vergleich gut ab. Das ist eine zweite Erkenntnis aus dem Festival.

Es gibt aber auch eine Abkehr vom Theater. Das macht das Beispiel Augsburg klar, eines der Ensembles, die in Regensburg Gast waren. In Augsburg ist gerade ein Phänomen zu besichtigen: Kulturinteressierte Bürger, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, formieren sich dort zum Protest gegen das Theater. Sie wollen es lieber schließen als sanieren lassen, weil sie die Gelder anderweitig besser investiert sehen. Auch deshalb braucht es Festivals wie „Wildes Bayern“: Ein breites Publikum, das aus den Vorstellungen intensive Gefühle und neue Gedanken mitnimmt, ist die beste Versicherung gegen die Idee, Theater wäre verzichtbar. Theater spielt gerade in der Gegenwart eine tragende gesellschaftliche Rolle. Es ist der Ort, an dem Meinung gebildet und ausgetauscht wird, an dem Fragen gestellt und Antworten gesucht werden – und zwar ohne parteipolitische Bindung und quer durch alle sozialen Schichten.

Theater am Puls der Zeit

Zahlreiche Inszenierungen im „Wilden Bayern“ griffen brennende Themen wie Fremdsein und Heimat auf, zahlreiche Produktionen fragten nach aktuellem Kontext und machten den Wechsel von Perspektiven möglich. Das Theater, nach den 1970er Jahren zunehmend als Unterhaltungseinrichtung begriffen, gewinnt wieder stärker an Profil als politische Anstalt. Schauspieler nehmen heute nicht nur Rollen ein, sondern sie recherchieren auch und schreiben Texte. Auch das war bei diesem Festival zu besichtigen. Das Konzert „Welcome together – again“ von und für Flüchtlinge, am Rand des Festivals veranstaltet, wurde überdies zu einem eindrucksvollen Statement für eine offene Gesellschaft.

Politiker betonen gern den Wert von Kultur, auch als Garant für eine aufgeklärte Bürgerschaft. Aber die Bedingungen für die zentralen Akteure, für die Tänzer, Sänger, Schauspieler, Regieassistenten und so weiter, sind schlecht. Unter welch erbarmungslosem Druck junge Schauspieler stehen, zeigte das Festival in einer Münchner Inszenierung. Und für welch grenzwertig niedriges Honorar sie arbeiten, erzählte ein Regensburger Ensemblemitglied am Rand der Theatertage. Diplomierte Einsteiger erhalten nach dem bundesweiten Tarif 1765 Euro brutto im Monat. Idealismus und Beifall allein können auf Dauer eine gesellschaftlich relevante Institution nicht nähren. Auch diese Einsicht ist aus dem Festival mitzunehmen.

Bayerns Theater sind ein Schatz. Aber das Juwel muss poliert werden, damit es glänzen kann.

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