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Nachruf

Einer, der mit dem Jazz die Menschen erreichte

Richard Wiedamann hatte eine Botschaft und arbeitete zeitlebens hart daran, sie zu vermitteln. Am Donnerstag ist er gestorben.
Von Manfred Sauerer, MZ

Richard Wiedamann bei der Eröffnung des Jazz-Weekends 2009 (Foto: Archiv/altrofoto.de)

Regensburg. Seine letzte Videobotschaft im Internet hatte es in sich. Es sei skandalös, dass in diesem Jahr keine Kulturförderpreise vergeben wurden, teilte er anlässlich seiner eigenen Auszeichnung als Kulturpreisträger klipp und klar mit. Richard Wiedamann war nie einer, der bequem war. Schon gar nicht, wenn es um seine Herzensangelegenheiten ging: den Jazz und die Kultur als solche.

Heute, am Dreikönigstag, ist Richard Wiedamann im Alter von 78 Jahren gestorben. Mit dem Musiker, Komponisten, Musikschulleiter, Kulturvermittler und Begründer von Jazzweekend und Bayerischem Jazz-Institut verlieren die Stadt Regensburg und das Land Bayern ein kulturelles Schwergewicht. Einen Kämpfer, der unbequeme Wahrheiten aussprach. Aber vor allem einen, der es auf begeisternde Weise verstand, die Kultur – und hier speziell den Jazz – als prägenden Faktor unserer Gesellschaft zu etablieren. Oder in seinen Worten: „Ich verfolge ein ganzheitliches Konzept, nämlich musikalisches Bewusstsein ohne Scheuklappen mit menschlichen Werten zu verbinden.“

„Jazz ist Demokratie“

Sein Konzept ist aufgegangen und er hat dabei zugeschaut. Nicht in vorderster Front, sondern lieber im Hintergrund, meist in einen hellen Anzug gekleidet und mit einem leise verschmitzten Lächeln im Gesicht. Und wenn der internationale Groove des Jazz-Weekends die Leute erfasste, dann wusste er, dass da gerade mehr stattfindet als reine Unterhaltung. „Jazz ist Demokratie“, sagte Richard Wiedamann. Respekt, Toleranz, Offenheit, Kreativität, Zusammenarbeit, Engagement – all diese Werte prägten seine Lebenshaltung. Und all dies fand er als nonverbale Botschaft im Jazz verkörpert und verbreitet.

Dabei kam er selbst eher zufällig zu seinem Lebensinhalt: Es war eine geschenkte Karte, die den klassisch ausgebildeten Pianisten Richard Wiedamann 1952 in ein Louis-Armstrong-Konzert nach München lockte. Von da an hatte ihn der Virus gepackt und er tat alles dafür, um ihn weiterzuverbreiten.

In diesem Sinn wirkte er zusammen mit seiner designierten Nachfolgerin Sylke Merbold im 1992 gegründeten Bayerischen Jazz-Institut. Dort, angesiedelt in Wiedamanns Geburts- und Wohnhaus am Fuß der Steinernen Brücke, befinden sich liebevoll kategorisiert zigtausende Dokumente, Bücher, Schriften, Tonträger, Fotos und Videos. Richard Wiedamann sammelte sie jahrzehntelang oder schaffte sie in bald 20-jähriger Forschungsarbeit im Jazzinstitut an.

Zuletzt eilte Wiedamann nach München, wo er den Nachlass der verarmt gestorbenen Sängerin Inge Brandenburg einsammelte. Das Material lieferte den Stoff zu einem Kinofilm, der auch im TV-Sender „arte“ ausgestrahlt werden wird. Richard Wiedamann erhielt wenige Tage vor seinem Tod einen ersten Schnitt des Films, der ihn zutiefst berührte.

Wiedamann war der Spross einer Regensburger Zinngießer-Dynastie, legte neben diversen Studien auch die Gesellenprüfung in diesem Handwerk ab. Er heiratete, bekam mit seiner Frau Rosemarie drei Kinder, kümmerte sich um den familieneigenen Betrieb. Die Produktion verkaufte er 1975. Im Keller nebenan, dem sogenannten Rabocile, ging da freitagabends schon seit Jahren bei Jazz-Sessions die Post ab. Man klingelte an der schweren Eisentür, stieg in den dämmrigen Keller hinab und hörte unten den Hausherrn Klavier oder Vibraphon spielen, leicht vorgebeugt, lässig, virtuos. Man packte sein Instrument aus und war dabei.

Geniestreich mit Langzeitwirkung

Wiedamann hatte schon neue Pläne. Der Freundeskreis der Regensburger Musikschule beauftragte ihn mit der Restrukturierung und Leitung der Einrichtung. 1980 wurde diese zur Städtischen Sing- und Musikschule und ihr Chef hieß bis 1998 Richard Wiedamann. Mit seiner ruhigen, offenen Art gewann er schnell das Vertrauen der Jungen. Sie achteten ihn – und er sie.

Beharrlich, fleißig und kreativ trieb der Regensburger „Jazz-Papst“ (ob er diesen Begriff mochte?) seine Mission voran. Eine Mission, die dem Jazz einen anderen Stellenwert beimessen sollte, als dieser durch die Unterscheidung von U- und E-Musik hatte. Er hielt es ganz mit dem Komponisten Maurice Ravel: „Nur die Deutschen unterscheiden das, die anderen wollen sich nur amüsieren.“

1982 ging sein „Geniestreich“ erstmals über die Bühne, das „Bayerische Jazzweekend“ auf den Plätzen und in den Kneipen der Altstadt, anfangs mit 15 Bands und 6000 Mark Etat. In einem halben Jahr wird es die 30. Auflage dieses außergewöhnlichen Festivals geben, das die Musik und die Musiker in den Mittelpunkt stellt, das mit rund 100 Auftritten an vier Tagen zwar deutlich gewachsen, aber immer noch weit weg ist von kommerziellen Einflüssen und der Stadt längst internationales Renommee eingebracht hat. Es war bezeichnend, dass sich Wiedamann in den ersten, teils kritisch beäugten Weekend-Jahren am meisten über das Lob einer älteren Dame freute, die mit Blick auf eine laute Jazzrock-Band meinte: „Gefallen tut’s mir nicht, aber wenn ich seh’, wie die sich plagen: Respekt!“

Sein Faible für den Nachwuchs gipfelte 1987 in der Gründung des Landesjugendjazzorchesters Bayern, dessen Organisationsleiter er zehn Jahre war und das bis zu dessen Umzug nach Marktoberdorf in Regensburg probte. Bekannte Musiker wie der Trompeter Dusko Gojkovich und derzeit der Schlagzeuger Harald Rüschenbaum führen die Band künstlerisch. Eine Talentschmiede mit reichem Ertrag.

Der Blick für das Neue

Richard Wiedamann, in den 90er-Jahren mit Bundesverdienstkreuz und Pro-Meritis-Medaille dekoriert, verharrte nie im Bewährten. Sein Scheuklappen-freier Blick hätte nichts anderes zugelassen. Er, der lange seine Sammlung mit Karteikarten ordnete, ergriff früh die Chancen der digitalen Welt. 1999 präsentierte sich das Jazz-Institut auf der Website „www.bayernjazz.de“. Dort ist seit Donnerstag auch ein Kondolenzbuch eingerichtet.

Zuletzt nutzte Wiedamann das Internet für seine aufrüttelnden Videobotschaften. Wir hätten so gern noch mehr davon gesehen.

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