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Kultur
Samstag, 24. Juni 2017 28° 1

Karriere

Elbphilharmonie: Domspatz sucht Gönner

Dominik Winterling sorgt dafür, dass in Hamburgs neuem Konzertsaal die Musik spielt. Als Bub sang er im Regensburger Dom.
von Marianne Sperb, MZ

Dominik Winterling auf dem Balkon der Circle Lounge von Hamburgs neuem Wahrzeichen: Eine steile Karriere spülte den Niederbayern ziemlich weit nach oben. Foto: Winterling

Hamburg.Dominik Winterling kann sich vor Freunden kaum retten, phasenweise. Bei dem ehemaligen Regensburger Domspatz klingeln Menschen durch, die ihm mehr oder weniger fern sind und sich plötzlich ganz nah dran an ihm fühlen. Sie plaudern ein bisschen und lassen dann vorsichtig die Frage nach einem Ticket einfließen. Kein Wunder: Der Niederbayer sitzt an der Stelle, an der Karten für die Elbphilharmonie griffbereit liegen.

Eine ziemlich steile Karriere hat den 37-Jährigen aus Viechtach ziemlich weit nach oben gespült: an die Elbe, hinauf an die Spitze von Deutschlands, ach was: der Welt schönstem, besten und auf jeden Fall skandalösestem Konzerthaus. Dominik Winterling ist Geschäftsführer der Stiftung Elbphilharmonie und er verantwortet, seit Februar 2015, die Development-Abteilung der Hamburg Musik gGmbH. In beiden Fällen sucht der Kulturmanager mit dem Klingelbeutel Gönner mit großem Geldbeutel.

Elbphilharmonie nach neun Jahren fertig: Sehen Sie hier ein Video.

Elbphilharmonie ist nach neun Jahren fertig

Mäzene aufzutreiben für ein Haus, das vor allem als Millionengrab Schlagzeilen machte: Man kann sich lustigere Jobs vorstellen. Elphi, wie das 110 Meter hoch aufragende Architekturwunder inzwischen von den Hamburgern liebevoll tituliert wird, sollte einmal 77 Millionen Euro kosten. Tatsächlich war das Hamburger Wahrzeichen, als es schließlich eröffnet hat, 866 Millionen Euro teuer.

Hämische Bemerkungen fallen bei Winterlings Suche nach Geldgebern aber „so gut wie nie“: „Ich trete ja nicht an, damit das Gebäude finanziert wird, sondern damit der künstlerische Betrieb gefördert wird.“ Eher wurden bei seiner Suche nach Sponsoren schon mal Zweifel laut, ob der Eröffnungstermin Anfang 2017 halten würde, nach immerhin sieben Jahren Verzug. Nun, der Termin hielt, und seit der glanzvollen Gala im Januar redet alle Welt nicht mehr über die Explosion der Kosten, sondern über die Explosion der Klänge im neuen Haus.

Akustik „großartig und gnadenlos“

„Fantastisch!“ sagt Dominik Winterling über seinen Arbeitsplatz. Von seinem Büro im zehnten Stock Nord der Elphi schaut er auf die Tanzenden Türme am Anfang der Reeperbahn, auf den Michel und auf die Dachspitzen des Rathauses. Hamburg liegt ihm zu Füßen. Seine private Adresse hat er außerhalb – der Preis für eine der Wohnungen in dem Komplex „war mir dann doch etwas zu hoch“, flachst er.

Für Dominik Winterling ist das neue Flaggschiff der Hansestadt „ein achtes Weltwunder“, der spektakulär schönen Architektur wegen und wegen der Akustik, die wie in einem riesigen Kammermusiksaal funktioniert. „Die Akustik ist so großartig wie gnadenlos“, sagt der smarte Kulturmanager. „Der große Saal gibt alles zurück. Sie hören jeden guten Ton, aber natürlich auch jeden schlechten.“

Dominik Winterling im großen Konzertsaal der Elbphilharmonie Foto: Winterling

Dominik Winterling muss es wissen; er versteht was von Klang. Er hat im Alter von fünf Jahren begonnen, Klavierspielen zu lernen, er hat zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, darunter allein fünf erste Preise bei „Jugend musiziert“, und er hat neun Jahre bei den Regensburger Domspatzen gelernt. Auf die Ausbildung bei dem weltberühmten Regensburger Chor lässt er nichts kommen, so wenig wie auf den damaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger.

Hier: Einblicke in die Elbphilharmonie

Blick in die Hamburger Elbphilharmonie

Später gelang dem studierten Konzert-Pianisten mit dem Artemis-Trio eine außergewöhnliche Amateur-Karriere. Trotz ausgeprägten Talents war für ihn aber immer klar, dass er kein professioneller Musiker werden wollte. Er hängte ein Studium in Betriebswirtschaft mit interkultureller Qualifikation an, nicht aus Liebe zu Zahlen, sondern als Mittel zum Zweck, also: um im Musikbereich seine berufliche Zukunft zu finden.

Der künstlerische Betrieb der Elphi kann sich auf drei Finanzsäulen stützen: Freundeskreis, Sponsoren und Stiftung. Der Freundeskreis mit rund 1000 Mitgliedern entrichtet regelmäßig Beiträge. Das Netzwerk aus rund 100 Sponsoren speist teilweise sechsstellige Summen ein. Eine Plakette auf einer der 50 Stufen auf der geschwungenen Haupttreppe gibt’s für 10 000 Euro, eine Nennung an der Säule auf der Plaza für 50 000 Euro und auf die Spenderwand im elften Stock kommt, wer mindestens 100 000 Euro zahlt.

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Die Mäzene in der Stiftung sind großzügig; die höchste Zuwendung belief sich auf 30 Millionen Euro. Und das Stiftungskapital steigt (aktueller Stand: 21 Millionen Euro). Die Niedrigzinsen tun der Stiftung allerdings nicht gut. „Gottseidank“, sagt Winterling, „müssen wir noch keine Strafzinsen zahlen.“ Es hilft, dass die Stiftung einen Teil ihres Kapitals in Aktien anlegen darf und nicht allein auf die mickrige Zinserträge angewiesen ist.

Die Elbphilharmonie ist ein Publikumsmagnet. Hier ein Konzert zu erleben, steht bei Musikfreunde ganz oben auf der Wunschliste. „Die Nachfrage ist riesig. Unfassbare Zahlen!“, sagt Winterling. Das Publikum steht teilweise schon sechs, sieben Stunden vor der Öffnung des Ticketschalters Schlange. Die zuletzt aufgelegten Kontingente, beispielsweise die 35 000 Tickets für das August-Festival, sind innerhalb von 30 Minuten weg. Die Saison 2017 ist vollständig ausgebucht, eine Chance auf Karten gibt es erst wieder für das Programm ab September dieses Jahres, das im Juni in den Verkauf gehen wird.

Das A und O: der seriöse Eindruck

Dominik Winterling wirbt für ein Produkt, das jeder kennt. Ein Vorteil. Aber er muss auch sympathisch rüberkommen, damit Gönner ihre Geldbeutel öffnen. „Was mindestens so wichtig ist: ein seriöser Eindruck. Spender müssen sich verlassen können, dass ihr Geld für den vereinbarten Zweck verwendet wird.“ Deshalb haben auch gute alte Freunde, die bei Winterling Tickets locker machen wollen, keine Chance.

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