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Kultur
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Ausstellung

Entlarvte Banalitäten der NS-Pinsler

Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie wird die „Artige Kunst“ der Nazi-Propaganda mit dem Abbild der Wirklichkeit konfrontiert.
Von Ulrich Kelber, MZ

Das „Familienbild“ von Hans Schmitz-Wiedenbrück entstand um 1939. Es zeigt scheinbar eine harmlose Idylle, aber doch ganz im Sinne der von den Nazis propagierten Familienpolitik. Foto: German Art Gallery, Netherlands

Regensburg.Eine Karikatur aus dem Jahr 1946 setzt den Schlusspunkt der Ausstellung. Der Münchner Künstler Max Radler, ein enger Freund des vor den Nazis geflohenen Schriftstellers Oskar Maria Graf, hat ihr den Titel „Entnazifikator“ gegeben. Zu sehen ist dabei eine Art Mühle. Oben in den Trichter werden die mit Messern und Revolver bewaffneten „schwarzen Böcke aus dem braunen Haus“ hineingeschüttet. Unten heraus kommen dann unschuldige weiße Schäfchen mit Kreuz um den Hals und Lilien in der Hand. Es war die Zeit der „Persilscheine“ und die Zeit der flugs verdrängten Vergangenheit.

Auch Künstler, die sich in der Nazi-Zeit willfährig dem Regime angedient hatten, passten sich schnell an die „neuen Verhältnisse“ an. Und sie blieben erfolgreich, konnten sich auf eine konservative Kundschaft verlassen, die mit moderner Kunst nichts anzufangen wusste. Ein Musterbeispiel dafür ist neben dem Bildhauer Arno Breker der Maler Paul Mathias Padua, von dem einige der übelsten Propagandabilder stammen.

Begeistert wird vom Krieg erzählt

Im Kunstforum ist von Padua jetzt das perfide Gemälde „Der Urlauber“ zu sehen, das erstmals 1944 in Salzburg bei der Ausstellung „Deutsche Künstler und die SS“ gezeigt wurde. Der Vater in Uniform sitzt auf der Bank vorm Kachelofen und erzählt offensichtlich begeistert seiner Frau und den sechs lauschenden Kindern von seinen Kriegserlebnissen. Das jüngste Kind liegt am Boden auf einem Kissen und spielt als künftiger Krieger mit Zinnsoldaten.

Padua, der in ärmlichen Verhältnissen in Geiselhöring aufgewachsen war und dann in Regensburg Abitur gemacht hatte, residierte bis zu seinem Tod 1981 in einer noblen Villa am Tegernsee. Ungeachtet seiner Vergangenheit ließen sich zahlreiche Prominente wie Friedrich Flick, Helmut Horten, Herbert von Karajan oder Franz Josef Strauß von ihm porträtieren.

Mutter als „Hüterin des Lebens“

Das einfache, bäuerliche Leben gehörte zu den bevorzugten Motiven der NS-Kunst, wobei nicht immer sofort zu durchschauen ist, wie propagandistisch diese Bilder aufgeladen sind: Da geht es um Kinderreichtum; betont wird die Rolle der (stets devoten) Mutter als „Hüterin des Lebens“, die Männer werden als herrisch und kämpferisch dargestellt.

Die Ausstellung „Artige Kunst“ vermeidet es durch ein kluges, konfrontatives Konzept, in die Verharmlosungs-Falle zu tappen. Denn es geht hier nicht allein um die offiziöse, vom NS-Regime geförderte Kunst. Gezeigt wird auch die andere Seite, nämlich die Werke von kritischen, verfolgten und verfemten Künstlern, von denen einige im KZ ermordet wurden. Und dieser Teil der Ausstellung ist tatsächlich sehr viel packender und ergreifender als die „artige“ Verlogenheit.

Regensburg ist die dritte Station

Nach Bochum und Rostock ist Regensburg die dritte Station der Ausstellung, die vom Kunstforum jetzt mit Werken aus den eigenen Sammlungsbeständen noch deutlich erweitert worden ist. Und Museumsdirektorin Dr. Agnes Tieze hat großen Wert auf ausführliche Beschriftungen gelegt, denn zu den einzelnen Objekten gibt es ja viel Erklärungsbedarf.

Welche Rolle sollte die Kunst in der NS-Zeit spielen? In dem 1941 erschienenen Buch „Neue deutsche Malerei“ heißt es über die aktuelle Künstlergeneration: „Sie malen keine Absinthtrinker und Roulettespieler mehr, keine schwindsüchtigen Zirkusreiterinnen, keine geschminkten Freudenmädchen (…) Sie wollen Anwälte des positiv behaupteten Lebens sein.“

„Prachtschinken“ der Aktmalerei

Der „deutsche Mensch“ stünde nun im Mittelpunkt des Interesses: „Mit richtigem Instinkt suchen die Künstler dabei ihre Modelle unter jenen Volksgenossen, die gleichsam noch von der Natur in Ordnung sind.“ Über die Aktmalerei wird da als „Sache blutvollen Lebens“ geschwurbelt: „Ihr geht es um Leiber, so wie sie von Natur sein sollen, um Bestformen, um rein durchgebildeten Gliederbau, um rassige Straffheit, um gut durchblutete Haut und um sichtbare vitale Reserven.“

Einige „Prachtschinken“ derartiger Aktmalerei werden bei der Ausstellung präsentiert, darunter Ivo Saligers „Das Urteil des Paris“ aus dem Jahr 1939. Die hingebungsvolle Aphrodite ist natürlich blond gelockt, während ihre dunkelhaarigen Konkurrentinnen (nach NS-Ideologie wohl „rassisch minderwertig“) keine Chance haben.

Vaterländisch überhöhte Bilder

Der Mythos von Hitler als Erbauer der Autobahnen (der auch nach 1945 noch unselig fortlebte) wurde in der NS-Zeit mit Ausstellungen wie „Die Straßen des Führers“ gepflegt, das Autobahnbild wurde zur eigenen Gattung einer vaterländisch überhöhten Landschaftsmalerei. Von Carl Theodor Protzen stammt eines der bekanntesten dieser Werke, das den Bau der Brücke beim Rasthaus Holledau zeigt. Die historisierende Bauweise mit Hausteinen und Bogenformen hatte aber auch ganz prosaische Gründe: Stahl war knapp und wurde für Hitlers Rüstungsindustrie gebraucht.

Ein Detail lässt viel erahnen

Auftragskunst wie bei den Autobahnbildern gab es auch beim Militär und bei den Industrieprojekten der Nazis. Einer der Künstler, der sich dabei hervortat, war Erich Merker, etwa mit Bildern von den diversen Hermann-Göring-Werken. Von ihm wird ein Gemälde des Granitsteinbruchs von Flossenbürg gezeigt, das furchtbar harmlos wirkt: eifrig arbeitende Menschen inmitten einer schönen Landschaft. Dass es sich dabei um KZ-Häftlinge handelt, bleibt unklar. Wie unmenschlich die Arbeitsbedingungen tatsächlich waren, lässt sich nur an einem kleinen Detail erahnen, denn dort sieht man eine Kolonne Menschen, die große Steinbrocken auf ihren Schultern schleppen müssen.

Die Wirklichkeit des Nazi-Regimes ist das zweite Thema der Ausstellung. Da geht es um die Dinge, die die „artigen“ Künstler ausgeblendet haben. Da gibt es die schockierende Grafik-Folge „Schlegelkeller“, gezeichnet von Karl Schwesig 1936 im belgischen Exil. In diesen Blättern dokumentierte er die Quälereien und Folterungen, die er und Mitstreiter in der Gestapo-Haft in Düsseldorf erlitten hatten. Schrecklich auch das düstere Bild „Angst“ von Felix Nußbaum aus dem Jahr 1941. Es zeigt den Künstler zusammen mit seiner Nichte – zwei Menschen, die vor Schreck erstarrt sind. Nußbaum lebte damals versteckt in Brüssel, wurde später denunziert, verhaftet und im KZ Auschwitz ermordet.

Bilder von Jawlensky, Ludwig Meidner, George Grosz oder Max Beckmann setzen mit ihrer künstlerischen Qualität die nötigen Kontrastpunkte, um die Banalität der epigonenhaften, in der Kunst des 19. Jahrhunderts steckengebliebenen Nazi-Pinsler zu entlarven.

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