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Literatur

Er bleibt Regensburgs größter Dichter

Georg Britting war der Meister der naturalistisch-bildhaften Kurzgeschichte. Vor 125 Jahren kam er an der Donau zur Welt.
Von Harald Raab, MZ

  • Georg Britting mit Donaulandschaft: Der Dichter auf einem Gemälde von Josef Achmann, entstanden 1927 Foto: M. Preischl, Museen der Stadt Regensburg/MZ-Archiv
  • Die Sichel am Türstock: Georg Britting mit Oskar Birckenbach und Josef Achmann in den Redaktionsräumen von „Die Sichel“ Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Er war kein klassisch bayerischer Dichter und erst recht kein Heimatdichter. Er war ein klassischer Dichter in Bayern, so Albert von Schirnding, sein Schüler und Bewunderer. Und er ist ganz gewiss die größte Dichterpersönlichkeit, die Regensburg hervorgebracht hat. Vor 125 Jahren, am 17. Februar 1891, wurde Georg Josef Britting als Sohn eines städtischen Bediensteten in einem Haus in der Alten Manggasse geboren. Die Familie zog später in die Engelburgergasse, nahe der Donau.

Der magische Fluss ist ihm in seiner urgewaltigen Schönheit und stetigen Kraft Symbol für Leben in seiner schicksalhaften Bestimmung. Landschaftslyrik, anfangs stark expressionistisch durchwirkt, später im Versmaß der klassischen Antike und auch in Form des Sonetts, machen sein Ringen um Erkenntnis durch Sprache aus. Idylle oder gar Heimattümelei: in diese Falle ist er (fast) nie getappt.

Mit Sprache Bilder zu schaffen voll Vitalität, verstörend durch manchmal groteske Perspektiven, aber ohne philosophisch-weltanschauliche Überhöhung oder gar eine Moral von der Geschicht’: dieses strenge Konzept machte ihn zum Meister der Kurzgeschichten und deutschlandweit bekannt.

In der Stadt des Muckertums

Britting hat nur einen einzigen Roman geschrieben. Er kam 1932 unter dem Titel „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß“ heraus. Gedichte und Impressionen aus der heimatlichen Erfahrungswelt gehörten zu seinen erfolgreichsten Publikationen. Sein schmaler Band „Die kleine Welt am Strom“ erreichte eine Auflage von 50 000 Exemplaren. Allerdings war ihm Regensburg auch die Stadt des Muckertums und der Rückständigkeit. „Das schönste an Regensburg ist der D-Zug nach München“, soll er in der jugendlichen Attitüde des Bürgerschrecks postuliert haben.

Eigentlich wollte Britting Dramatiker werden. Er betätigte sich zunächst als Theaterkritiker und verriss mit Wonne manche Aufführung. Der Regensburger Musentempel führte trotzdem am 27. März 1913 einen Einakter-Zyklus von ihm auf. Die Stücke hatten für damals schlüpfrigen Titel wie „Madame“ oder „Potiphar“. Prompt empörte sich der Rezensent des katholischen Regensburger Anzeigers. Die Machwerke seien „verwerflich“.

In den Regensburger neuesten Nachrichten, dem Blatt, in dem Britting für gewöhnlich seine Kritiken schrieb, erschien anonym eine lobende Besprechung. Man darf davon ausgehen, dass der Autor selbst die Kritik verfasst hat. In den 1920ern schaffte es Britting mit seiner Komödie „Die Stubenfliege“ bis ins Residenztheater München. Sein Lustspiel „Paula und Bianka“ wurde sogar im Dresdner Schauspielhaus uraufgeführt. Es hagelte jedoch Verrisse. In einem heroischen Akt der Selbstreinigung hat Britting seine Dramen-Manuskripte daraufhin in die Isar geworfen.

Der Krieg machte ihn zum Stoiker

Davor aber war noch die große Herausforderung dieser Generation zu bestehen. Britting machte den Ersten Weltkrieg als Kompanieführer mit. Auch ihn haben die grauenvollen Erlebnisse des großen Abschlachtens geprägt. Er wurde zum Stoiker. Er hatte gelernt, menschliches Dasein im großen Lauf der Zeit als unabänderliches Naturgesetz hinzunehmen. Diese Haltung hat sein dichterisches Schaffen beeinflusst.

Als Verwundeter zurück in Regensburg: Britting schloss sich dem Soldatenrat an und war bei der Besetzung des Regensburger Anzeigers dabei. Mit seinem Malerfreund Josef Achmann (1885-1958) gründete er die Zeitschrift „Die Sichel“. In ihr wurde der expressionistischen Strömung in Malerei und Literatur gehuldigt. Die Redaktion war im Dachgeschoss der Achmann’schen Hafnerei Am Königshof.

Georg Britting, etwa 1936: Vor 125 Jahren kam er in Regensburg zur Welt. Foto: MZ-Archiv

Als Achmann 1921 zu seiner wohlhabenden Frau Magda Lena nach München zog, hielt es auch Britting nicht länger in der Provinz. Erst in der alten Kunstmetropole an der Isar wurde er – nach eigener Bekundung – zum Dichter. Er heiratete Jahre später die Schauspielerin Ingeborg Fröhlich.

Britting wohnte höchst bescheiden, zuerst in der Holbeinstraße in einer Dachkammer, ab 1951 am Sankt-Anna-Platz. Albert von Schirnding war als Jüngling dort. Um den bewunderten Dichter für seine ersten schriftstellerischen Gehversuche gnädig zu stimmen, hatte er ihm eine Flasche des sauren Kruckenberger Weins aus Regensburg mitgebracht.

Lesen Sie über die Britting-Ausstellung in Regensburg.

Brittings Anspruch war, als unabhängiger Dichter zu leben, nur seinem Werk verpflichtet. Die Realität war freilich anders. Von seinen Buch-Veröffentlichungen konnte er nicht existieren. Er entwickelte eine ausgeklügelte Strategie bei Zeitungen und Zeitschriften. Er verschickte Gedichte und Erzählungen in großer Zahl deutschlandweit in Feuilleton-Redaktionen. Der Autor verriet Freund Curt Hohoff: „Manchmal kann man die gleiche Geschichte oder das gleiche Gedicht nach einigen Jahren an die gleiche Zeitung schicken. Man kann sich auf die Vergesslichkeit der Redakteure verlassen.“

Die Britting-Stiftung bemüht sich eifrig, den Dichter als einen Literaten des inneren Widerstands in der NS-Zeit darzustellen. Die Wahrheit ist komplexer. Britting, der sich selbst als „national“ und „sozialistisch“ bezeichnete, war sicher kein Nazi. Seine Haltung ist aber exemplarisch für die Schriftsteller, die in Deutschland geblieben waren. Auf Lesereisen stellte er sich 1934 in den Dienst der SA. Er unterzeichnete offizielle Briefe mit Hitlergruß, setzte 1936 seine Unterschrift unter eine Ergebenheitsadresse an den Führer und schrieb 1938 ein Lobgedicht auf den Anschluss Österreichs an das Dritte Reich: „Was immer die Deutschen sich träumend ersehnten, / Wofür sie litten, und fochten und fielen, / Die besten der Männer / Die Sänger der Lieder, / Die Helden der Schlacht, / Und was sie verzagt dann schier nicht mehr zu hoffen gewagt: / In einem herrlichen Jahr / Ward es gewaltig vollbracht.“

Schreibverbot erhielt er nie

Der Langen-Müller Verlag versuchte, Britting als „völkisch-nationalem Autor“ die Publizierungserlaubnis zu sichern. Seine Erzählungen fanden Aufnahme in Lesebüchern der NS-Zeit. 1935 wurde ihm der Münchner Dichterpreis verliehen. In der Zeitschrift „Das innere Reich“ konnte er 80 Beiträge unterbringen. Zwar wurden seine Gedichte immer wieder kritisiert, aber Schreibverbot erhielt er nie. Das Regime brauchte diese „Unpolitischen“.

Anbiederung und Anpassung, da war Britting wahrlich nicht allein. Ob Gottfried Benn oder Johannes Bobrowski, Lothar-Günther Buchheim, Heimito von Doderer und natürlich Ernst Jünger: sie alle machten ihren Kotau vor dem NS-Regime. Nach dem Krieg entschuldigte sich Britting larmoyant: „Diese dämonische Verquickung von Diktatur und Heimatland machte alles so schwer.“

Am 27. April 1964 starb der Dichter in München, reichlich mit Preisen und Orden versehen. Gäbe es die rührige Britting-Stiftung nicht, er wäre ein zu Unrecht vergessener Dichter.

Das Wort dichten kommt ja aus dem Lateinischen digitare – zeigen. Georg Britting hat in seinem Werk gezeigt, was Sprache vermag, was mit ihr hinter den realen Erscheinungsformen für blühende Landschaften der Phantasie darüber hinweg trösten, dass wir sterblich sind.

Lesen Sie: Britting mit Wein, Wurst und Gesang

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  • A
    Akademisches Forum Albertus Magnus
    22.03.2016 12:33

    Absender: Fritz Jörn Lieber Herr Raab (cc liebe Frau Sperb), einen schönen Artikel zu Georg Brittings 125. Geburtstag haben Sie da geschrieben! Schade halt, dass heutzutage immer wieder die Frage gestellt wird: War wer ein Nazi? Schade deshalb, weil wir uns die Zeit damals nicht mehr vorstellen können (schon gar nicht als »Nahostexperte … «, konnte ich mir nicht verkneifen, pardon); und die Geisteshaltung Damaliger, wenn sie überlebt haben, oft nicht zutage liegt. »Die Britting-Stiftung bemüht sich eifrig, den Dichter als einen Literaten des inneren Widerstands in der NS-Zeit darzustellen«, schreiben Sie. Ich gehöre zum Vorstand der Stiftung, bin 1941 geboren und als Technikjournalist gewiss kein Britting-Kenner. Dass die Stiftung Britting zum »Literaten des inneren Widerstands« machen will, ist mir nicht aufgefallen. Britting war nicht in der NSDAP, allerdings in der Reichsschrifttumskammer, weil er sonst nicht hätte veröffentlichen dürfen. Wegen seiner Kriegsverletzung wurde er nicht eingezogen. Aus Politik hat er sich herausgehalten, schätzte schon eher schwierige Versmaße und süßen Wein. So ist er durchgekommen durch die Nazizeit. »Inneren« oder äußeren Wiederstand hat er meines Erachtens nicht geleistet. Was soll »innerer« Widerstand denn überhaupt sein? Eine geballte Faust im Hosensack? Eine Aktentasche oder das Kochgeschirr in der Rechten, damit man die Hand nicht zum vorgeschriebenen Hitlergruß heben musste (was überliefert ist … !)? Konkret bei Britting, dass er im »Innereen Reich« abgedruckt wurde? Wenn Britting laut Lennartz (1) im Dritten Reich über sich gesagt haben soll: »Wer vier Jahre Schützengrabengemeinschaft erfuhr und erlebte, der konnte hinfort nichts anderes mehr sein als national und sozial zugleich«, so kann man das als Anbiederung ans Regime deuten, aber auch im Gegenteil als geschickte Umschiffung des erwünschten Begriffs »nationalsozialistisch«. Sagen tut’s nichts. »Er unterzeichnete offizielle Briefe mit dem Hitlergruß«, führen Sie an. Das war damals Vorschrift! (Wenn Sie je durch die DDR fuhren, mussten Sie aufs Visumformular statt »Deutschland« »BRD« schreiben. Vergessen.) »Er stellte sich in den Dienst der SA«, weil er da seine Dichtungen vorlas? Starker Tobak. Er » … setzte 1936 seine Unterschrift unter eine Ergebenheitsadresse an den Führer«. Lieber Herr Raab: Erstens hat man ein Telegramm gar nicht unterschreiben können, und zweitens wurde das Telegramm laut einer vorher erschienenen NS-Pressemitteilung »von Reichskriegsopferführer [Hanns] Oberlindober … im Auftrag der in Berlin zu einem Treffen versammelten deutschen Kriegsdichter« weggeschickt (3). Ob Britting es gesehen hat, ob das Telegramm tatsächlich versandt wurde, darf bezweifelt werden, ist auch egal. Wehren dagegen hätte sich keiner können, selbst wenn Oberlindober dem hl. Vater in Rom depeschiert hätte. Sein »Lobgedicht auf den Anschluss« (1938) erschien erstmals 1941. Übrigens haben sich nicht nur Nazis über den Anschluss gefreut, sondern viele, denen das Anschlussverbot (2) von Versailles zuwider war, längst vor Hitler. Warum Britting als begeisterter Dichter Ihrer Meinung nach ein Schreibverbot hätte in Kauf nehmen sollen, seine Gedichte nicht »deutschlandweit in Feuilleton-Redaktionen« hätte schicken dürfen, warum Britting bei Ihnen »unpolitisch« nur in Anführungszeichen erscheint, mit »Anbiederung und Anpassung« nicht allein war, das sollten Sie sich entweder vorstellen können oder lieber weglassen. Wir können noch viel von Britting lernen. Überheblich, ungenau oder oberflächlich war Britting jedenfalls nie.

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