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Kultur
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Kunst

Er investiert Menschlichkeit in Bilder

Der frühere Ministerpräsident Björn Engholm verrät, was seinen Freund Armin Mueller-Stahl auszeichnet.
Von Peter Geiger

Politiker, Kunstkenner, Künstlerfreund: Björn Engholm Foto: dpa

Lübeck.Bei uns in Bayern hat man Sie in erster
Linie als Politiker, als schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten und Spitzenpolitiker der Bundes-SPD in Erinnerung. Dass Sie gleichzeitig Kunstkenner sind, wissen nicht so viele Menschen. Woher rührt Ihre Leidenschaft fürs Ästhetische?

Das ist ja in der Regel auch eine sehr private Neigung, den Künsten zugewandt zu sein. Das haben wir in der Familie aber schon lange. Wir sind seit 50 Jahren Bildersammler, Musikliebhaber, dabei tendiert meine Frau mehr zur Literatur. Das ist uns eigen, das war immer – sozusagen – Kultur bei uns zu Hause. Und immer das zweite Standbein, neben der Politik.

Sie sind ja ausgebildet im Verlagswesen – kommt auch da Ihre Leidenschaft für die Künste her?

Naja, gegen Ende der Prima bin ich von der Schule geflogen. Wir haben uns sozusagen wechselseitig verabschiedet. Dann habe ich eine Ausbildung als Schriftsetzer gemacht – und habe auch eine Zeit lang gearbeitet, in diesem Beruf. Und habe in dem Betrieb schon als Lehrling Aufträge bekommen, die mit Gestaltung zu tun hatten. Also mit Schriften, Formen, Flächen und Farben, Verläufen und Papieren. Und ich glaube, das ist so die Entscheidung gewesen, die Neigung zu finden fürs Künstlerische. So wie ich ihn ausüben durfte, war das Schriftsetzer-Handwerk ein im weitesten Sinne künstlerischer Beruf.

Sie waren also schon an Kunst interessiert, bevor Sie Ihre Gattin kennenlernten – die ja auch malerisch tätig ist.

Meine Frau hat erst später angefangen zu malen. Ob’s frühe Prägungen gibt? Naja, mein Vater war Wagner-Anhänger, das heißt: So ein bisschen was kriegt man schon mit, von zu Hause. Und das erleichtert dann, den Zugang zur Ästhetik zu finden.

Politik und Ästhetik müssen ja auch nicht unbedingt Geschwister sein …

Ich glaube, sie sind es eher selten. Ich hatte noch den Vorzug, ein paar Jahre in meiner Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter im Bildungsausschuss zu sitzen, der auch ein bisschen was mit Kultur zu tun hatte …

Und Sie waren auch Minister.

Genau: Im Kabinett von Helmut Schmidt war ich fünf Jahre lang, zunächst als Staatssekretär, dann als Minister, für Bildung, Wissenschaft und für kleine Bereiche zuständig, die nicht den Ländern obliegen. Und habe da auch sehr die Beziehungen zu den Künsten gepflegt – und zu Künstlern und Künstlerinnen.

Bevor wir jetzt noch beim Kooperationsverbot anlangen – zurück zum Thema: Zu Armin Mueller-Stahl unterhalten Sie offenbar eine besondere Beziehung?

Ich kann das gar nicht mehr so genau sagen: Aber das ist wohl mehr als 30Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben. Man kann sagen, eher zufällig in einer kleinen italienischen Trattoria in Neustadt an der Ostsee. Er saß in einer Ecke, ich in der anderen. Wir haben uns an diesem Abend näher befreundet, wir haben auch ein paar Grappa getrunken – und seit diesem Zeitpunkt rührt unsere Bekanntschaft, aus der dann auch eine Freundschaft geworden ist.

Armin Mueller-Stahl ist ein mehrfach berufener und begabter Mensch. Welche seiner künstlerischen Fähigkeiten schätzen Sie an ihm besonders?

Zunächst hat er ja Violine studiert. Dann ist er Schauspieler geworden, Fernsehen, Kinofilme, auch international. Dann ist er – was nicht so bekannt ist – auch Autor von rund zehn Büchern, zum Teil autobiografisch getönt. Und dann ist er seit nunmehr gut 25 Jahren, öffentlich einsehbar, als Bildkünstler tätig. Und ich glaube, dass gerade in seiner Bildkunst seine ganzen ästhetischen Fähigkeiten, die Sinnesneigungen, die ein Mensch besitzen muss, um Künstler zu sein, die kommen nun in der Bildkunst zusammen. Also, die Bilder, die sind sowas wie ein synästhetischer Treffpunkt. Seine ganze Sensibilität, seine Wahrnehmungsfähigkeit, die er als Schauspieler gehabt hat, die er in seinen Büchern untergebracht hat, die er in der Musik, in der man aus abstrakten Noten lebendige Töne macht, das alles fließt in seiner Bildkunst zusammen. Ich glaube, das ist das Lebensendwerk, das er anstrebt, und das er auch mit fast ausschließlicher Neigung betreibt.

Ein Schauspieler ist in erster Linie Nachahmungskünstler – der Maler Armin Mueller-Stahl scheint sich aber weniger am bloßen Realismus zu orientieren.

Auch als Schauspieler hat er immer Wert darauf gelegt, nicht nur Nachahmer zu sein, sozusagen nicht zu einhundertfünfzig Prozent in eine Rolle zu schlüpfen, sondern sie immer sehr eigen zu verkörpern. Sein Thomas Mann ist nicht der Thomas Mann, der Thomas Mann war – er bleibt auch immer ein Stückchen Armin Mueller-Stahl. Das können Sie auch bei den Buddenbrooks nachvollziehen und anderen großen Filmen wie „Shine“. Ich glaube, die Eigenständigkeit und die Eigenwilligkeit einer Rolle, und der Wunsch, ihr einen individuellen Ausdruck zu verleihen – der immer auch mit ihm selbst zu tun hat – das ist ihm immer eigen gewesen. Und deshalb ist der Übergang zu den Bildern, bei denen er mehr aus dem Freien schöpfen kann, für ihn relativ leicht gewesen. Denn die malerischen Fähigkeiten und Kompetenzen, die man dazu braucht, die hat er.

Gesichter und Figuren

  • Anfang:

    Am Dienstagabend um 19.30 Uhr wird die Ausstellung „Gesichter und Figuren“ im Stadtmuseum Amberg eröffnet. Gezeigt werden über 100 großformatige Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Lithographien.

  • Ende:

    In Amberg treffen die Werke Armin Mueller-Stahls auf die von Michael Mathias Prechtl. Mueller-Stahls Freund Björn Engholm wird die Sonderausstellung eröffnen. Die Ausstellung läuft bis zum 30. November.

Was ist für Sie der Hauptschlüssel, den man benötigt, um Armin Mueller-Stahls Oeuvre zu decodieren?

Armin Mueller-Stahl ist zum einen ein durch und durch feiner Mensch. Mit nicht so sehr vielen Eitelkeiten, wie man sie bei anderen kennt. Er ist sehr bodenständig geblieben. Ich glaube, man sieht das in seinen Bildern, diese Art von tiefer Menschlichkeit. Ich sage immer: Es hat etwas Humanistisches – ohne das übertreiben zu wollen. Es sind Menschbildnisse, die er malt. Nicht nur die Porträts, die Menschen abbilden, wo man seine Liebe, seine Zuneigung, gelegentlich auch seine kritische Ablehnung herauslesen kann. Und wenn man seine Landschaften sieht, die etwas abstrakter sind, seine großen Gemälde, die sich mit dem Faust-Stoff beschäftigen, es sind immer zugeneigte Bilder. Da ist immer ein Mitempfinden spürbar. Er investiert Menschlichkeit in diese Bilder.

Die Ausstellung in Amberg geht ja das Wagnis ein, das Werk von Armin Mueller-Stahl zu konfrontieren mit den Arbeiten von Michael Mathias Prechtl. In Ihren Augen eine gute Idee?

Beide orientieren sich am Sichtbaren, am Gegenstand und an der Natur. Aber Prechtl hat natürlich einen ganz anderen Ausdruck, viel ausufernder und kraftvoller. Mueller-Stahl dagegen ist karger. Ich denke, man kann das an ausgewählten Beispielen gut konfrontieren – aber: Es soll eine Armin Mueller-Stahl-Schau werden!

Denkt man an Porträts von Mozart oder Luther beispielsweise, dann gibt es aber durchaus ein gemeinsames Interesse an Figuren.

Ja, die Gemeinsamkeit besteht sicher in der Nähe zum Gegenstand und zu den Themen. Aber die Malweise ist natürlich eine ganz andere. Ich bin sehr gespannt, das zu sehen. Ich werde ja da sein, zur Ausstellungseröffnung am Dienstagabend. Ich war vorher noch nie in Amberg, aber ich freue mich sehr!

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