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Kultur
Montag, 26. September 2016 23° 3

Liederabend

Erst Bernried, dann New York

Herausragend: Bariton Christian Gerhaher und Pianist Gerold Huber stellten bei Benefizkonzert im Bayerischen Wald ihr neues Schumann-Programm vor.
Von Gerhard Heldt, MZ

Ein herausragendes Gespann: Gerold Huber (l.) und Christian Gerhaher

Bernried. Mit einem Liederabend Spenden einwerben: Damit dieses Projekt von Erfolg gekrönt wird, müssen die Besten an einem besonderen Ort zusammenfinden. So geschehen beim Benefizkonzert für das vom Hochwasser geschädigte Gymnasium Niederalteich. Das herausragende Liedduo unserer Zeit trat im „Adalbert-Stifter Stadl“ am Wildberghof Buchet auf. Christian Gerhaher und Gerold Huber ließen das Publikum in der faszinierenden Akustik des ganz aus Holz bestehenden Stadels zu Zeugen der Premiere ihres neuesten Programms mit Werken von Robert Schumann werden, die alle im so genannten „Liederjahr“ 1840 entstanden sind. Der Abend wurde in der intensiven Gestaltung beider zu einem künstlerischen Ereignis von außerordentlichem Rang. Mit dem neuen Programm werden Gerhaher und Huber unter anderem bei der Schubertiade in Hohenems und dreimal in New York gastieren.

Faszinierend und berührend

Beiden Künstlern geht es darum, in Schumanns Liedern, wo der Klavierpart jeweils eine Ergänzung zur Singstimme bildet, die „dritte Ebene“ zu entschlüsseln, Zusammenhängen nachzuspüren, die Schumanns Stellung in der deutschen Romantik manifestieren. Hierzu dienten zunächst sieben der insgesamt 25 Lieder aus „Myrthen“ op. 25. Paarig zusammen- und einander gegenübergestellt, erschließen je zwei Texte von Goethe, vom irischen Nationaldichter Thomas Moore und von Friedrich Rückert, getrennt durch Lord Byrons „Aus den hebräischen Gesängen“, ihre Bedeutung in Hinblick auf Schumanns Verständnis und Musikalisierung hochromantischer Texte.

Der Komponist fand in den zwischen Intimität („Mondnacht“), Expressivität („Waldesgespräch“) und resignativer Vereinsamung sich bewegenden Eichendorff-Texten im „Liederkreis“ op. 39 den romantischen Künstler, der immer ein Suchender bleibt und immer wieder in einen Teufelskreis gerät: Er sehnt sich nach Einsamkeit, Menschenferne, die er in der Natur findet – wo ihm dann bewusst wird, wie einsam und verlassen er ist. Hier setzt die Interpretation des Sängers und seines begleitenden Mitgestalters an: In ihrer auch die verborgensten Winkel menschlicher Existenz auslotenden Gestaltung wird die Ambivalenz von Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe und vergeblicher Suche nach Seelenfrieden in der Natur greifbar. So faszinierend und zu Herzen gehend hat man die „Mondnacht“, das Kernstück dieses romantischsten aller Zyklen, so ins Wahnhafte gesteigert hat man die Worte der Loreley im „Waldesgespräch“ noch nie gehört!

Ein unvergesslicher Abend

Wie beide Künstler die wahre Begebenheit der „Löwenbraut“, die Adelbert von Chamisso in eine spannende Ballade fasste, erzählen, dass einem der Atem stockt – das war ein singuläres Erlebnis. Zum Abschluss erklangen dann noch die „Zwölf Gedichte op. 35“ auf Texte von Justinus Kerner. Auch diese Lieder voller schmerzlicher Sehnsucht führen wie die Texte Wilhelm Müllers in Schuberts „Winterreise“ in den ersehnten Tod.

So stand dieser unvergessliche Abend zwischen Bestehen und Vergehen, war gezeichnet von der Suche des romantischen Künstlers nach einem Ideal, von dem er weiß, dass er es auf dieser Welt nicht erreichen kann. Der großherzige Auftritt von Christian Gerhaher und Gerold Huber wurde zugleich zu einem großartigen Ereignis!

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