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Kultur
Sonntag, 24. Juli 2016 30° 1

Interview

„Es gibt keinen wie Höllerer mehr“

Michael Krüger liest im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Mit der MZ sprach er über seinen Ziehvater aus der Oberpfalz.
Von Peter Geiger, MZ

Michael Krüger ist Schriftsteller, Dichter, leitete lange den Hanser-Verlag und ist seit 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Foto: Geiger

Sulzbach-Rosenberg.Sie kannten Walter Höllerer, den Gründer des Literaturarchivs, sehr gut. Wo und wann haben Sie sich kennengelernt?

In Berlin, in den 60er Jahren. Er war unser Lehrer, obwohl ich selbst nie studiert habe, habe ich ihn immer als Lehrer verstanden, als Herausforderer. Ich denke sehr häufig an ihn, weil es tatsächlich in unserem wohlgeordneten, reichen Literaturbetrieb keinen Nachfolger gibt. Höllerer hat sehr geschickt umgesetzt, was ihm vorschwebte. Heute muss alles durch zehn bürokratische Mühlen und wird nicht besser. Man hat manchmal den Eindruck, man müsste eine Institution nach ihm benennen, weil er dann sich durch Geisterbeschwörung materialisieren könnte. Mit andern Worten: Er fehlt.

Sie folgten Höllerer nach als Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“. Was haben Sie von ihm gelernt? Und inwieweit hat dann der nachmalige Hanser-Verleger Michael Krüger profitiert vom Zeitschriftenherausgeber Michael Krüger?

Die Hauptsache, die ich gelernt habe ist, Literatur ernst zu nehmen, nicht als eine Unterhaltungssache unter vielen. Vor allem Höllerers Insistenz auf die Poesie, die gab es weder vor ihm noch nach ihm. Und schließlich, dass das Gespräch über Literatur genauso wichtig sein kann wie die Literatur selber. Viele Bände seiner Hanser-Reihe „Literatur als Kunst“ sind heute noch lieferbar, aber es wird nur noch selten gesagt, Literatur habe Kunst zu sein, wenn sie etwas taugen soll.

Von Walter Höllerer ist der Satz überliefert, dass ihm niemand nachweisen könne, dass sein Geburtsort Sulzbach-Rosenberg nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Bei welchen Krügerschen Mittelpunkten der Erde fiele es mir denn schwer, den Gegenbeweis anzutreten?

Dichter im Gespräch: Walter Höllerer und Helmut Heißenbüttel im Jahr 1962:

Der Schriftsteller Lettau hat einmal nachgewiesen, dass sein Geburtsort Erfurt der Mittelpunkt der Welt sei. Ein sehr komischer Text, der darin gipfelte, dass, wenn man sich in Erfurt um 180 Grad drehe, Russland im Westen liege. Wenn ich manchmal durch den Wald gehe und keinen Menschen sehe, nur Bäume und Himmel, habe ich den Eindruck, ganz nah am Mittelpunkt der Welt zu sein. Und dann kommt einer der verrückten Radfahrer – und ich weiß, ich bin am Rand und falle gleich runter.

Wenn Sie nach Sulzbach-Rosenberg kommen, planen Sie dann auch einen Besuch im Archiv, um nach dort aufbewahrten Erinnerungen zu suchen?

Doch, natürlich will ich das Archiv sehen, in dem ja auch ein Teil meiner Erinnerungen aufbewahrt werden, z.B. die Korrespondenz im Zusammenhang mit dem Petrarca-Preis. Ich kann immer noch nicht so richtig glauben, dass ich plötzlich auch ein Teil der Literaturgeschichte der Bundesrepublik bin. Da fehlt mir die Eitelkeit. Und wenn man so viel zu tun hat wie ich – viel zu viel –, kommt man ohnehin nicht dazu, über seine „Position“ nachzudenken. Offen gesagt, war mir das auch immer ziemlich wurscht.

Michael Krüger liest am Freitag, 26. Februar, um 19.30 Uhr aus seinem Erzählband „Der Gott hinter dem Fenster“. Moderation: Thomas Geiger, Literarisches Colloquium Berlin; Reservierung unter Tel. (0 96 61) 81 59 59-0

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