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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 3

Regensburg.

Es war eine filmreife Rettungsaktion

In letzter Sekunde rettete ein Kunstfreund Werke des Malers Hans Geistreiter aus dem Müll.

Blick in die Ausstellung „Gerettet...! Meisterblätter des Malers Hans Geistreiter“ im DEZ Foto: altrofoto.de

Von Ulrich Kelber, MZ

Es ist unglaublich und auch irgendwie tragisch, welche Bewandtnis es mit den Bildern hat, die bis zum 4. Oktober bei der Ausstellung „Gerettet…!“ im DEZ gezeigt werden. Sie stammen von dem Maler Hans Geistreiter, der 1989 mit dem Regensburger Kulturpreis ausgezeichnet wurde. Er war in der Stadt ein wichtiger Vorreiter der abstrakten Malerei gewesen, wurde in seiner Bedeutung aber lange Zeit verkannt und fand erst im Alter gebührende Anerkennung.

Im Januar 1996 ist Hans Geistreiter gestorben; nach einem Schlaganfall hatte er ein Altersheim bezogen. Gelebt hatte Hans Geistreiter seit 1979 vornehmlich in Kallmünz (während seine Frau in einer kleinen Wohnung in Regensburg blieb). Das Haus in der Vilsgasse mit der vom Künstler mit Blumen, Sonnen und Ornamenten bemalten Fassade ist noch heute ein Blickpunkt. Nach seiner Erkrankung verfiel das Haus schnell; Rowdys hatten die Fensterscheiben eingeworfen, es wurde zum Schandfleck.

Große Papierbögen im Container

Geraume Zeit nach Geistreiters Tod wurde das Haus schließlich verkauft, das verbliebene Inventar kurzerhand „entsorgt“. Ein Kallmünzer Nachbar beobachtete, dass dabei auch große Papierbögen mit Geistreiters Bildern im Müllcontainer landeten. Er verständigte mehrere Behörden, fand dort aber kein Interesse. Als schon der Lastwagen gekommen war und den Müllcontainer auflud, startete der kunstsinnige Kallmünzer kurzerhand selbst eine Rettungsaktion. Wie er erzählt, konnte er durch einen Anruf bei der Müllfirma erreichen, dass der Container nicht sofort entleert, sondern zwischengelagert wurde. Und so barg der Mann, der ungenannt bleiben will, aus dem Abfall schließlich wichtige Zeugnisse aus dem künstlerischen Schaffen Geistreiters, neben vielen großformatigen Blättern auch Druckstöcke für Holzschnitte oder aufschlussreiche Entwürfe für Wandbilder. Eine Auswahl davon stellte er jetzt für die Schau zur Verfügung.

Man könnte also von einem glücklichen Ausgang der Geschichte sprechen. Doch es bleibt ein großes Unbehagen. Warum half niemand der offensichtlich überforderten Witwe bei der Sicherung des Nachlasses ihres Mannes? Wo waren Künstlerkollegen, Berufsverband, Museen oder Galerien? Warum hat niemand richtig nachgefragt? Die Sparkasse Regensburg und der Bezirk Oberpfalz nahmen für ihre Kunstsammlungen zwar größere Ankäufe von Geistreiter-Werken vor, aber man muss argwöhnen, ob nicht doch wichtige Dinge unrettbar verloren gegangen sind.

Hans Geistreiters Werk muss gigantischen Umfang haben; er war von immensem Schaffensdrang beseelt. Vor seinem Studium zwischen 1930 und 1935 an der Münchner Kunstakademie bei Olaf Gulbransson und Karl Caspar war er in Regensburg Theatermaler gewesen, kannte sich also aus mit schnellem Arbeiten. Er malte vor allem auf Papier, nutzte Aquarell- und Dispersionsfarben.

Welche Fülle, welch wacher Geist!

Auch die Bilder im DEZ lassen die Impulsivität Geistreiters spüren. Sie sind alle zwischen 1967 und 1968 entstanden. Welche Fülle, welch wacher Geist zeigen sich da! Und es gibt etliche Überraschungen, nämlich figürliche Arbeiten, darunter ein großes Frauenporträt. Besonders auffallend ist das Bild eines Demonstrationszuges mit Menschengedränge und roten Fahnen. Es zeigt, wie intensiv sich Geisteiter mit dem damaligen politischen Geschehen auseinandergesetzt hat.

Eine schier überbordende Vielseitigkeit lässt sich aber genauso in den abstrakten Bildern erkennen. Mal strahlen die Farben voller Leuchtkraft, dann wieder herrschen gedämpfte Töne vor. Spannende Liniengeflechte ziehen sich durch die Arbeiten, ballen sich zu vieldeutigen Chiffren. Die Stimmung der Bilder nimmt den Betrachter gefangen: Es überwiegen bedrohlich-gespenstische Elemente, oft herrscht aber auch lockere Heiterkeit vor, die einer unmittelbaren Lebensfreude Ausdruck verleiht. Auch an den Bildern aus dem Müll zeigt sich, dass Hans Geistreiter eine herausragende Bedeutung unter den Regensburger Künstlern der Nachkriegsjahrzehnte zukommt.

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