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Kultur
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

Sulzbach-Rosenberg.

Eugen Oker zu Ehren: „So wos schüins mou ma soucha“

„gedichda as da owapfalz, owa hald goua koi schüine niad“: Eine Eugen-Oker-Hommage im Literatur-Archiv in Sulzbach-Rosenberg.

Eugen Oker Foto: Archiv

Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg ist die Hauptstadt der Oberpfalz? Im Prinzip schon. Solang die Regensburger nicht den Schnabel aufmachen. Denn was man da zu hören kriegt, hat mit Oberpfälzisch nichts zu tun (sondern eher mit Kraftbayrisch, jedenfalls in CSU-Kreisen). Umgekehrt, wenn man als Regensburger zu einer Lesung nach Sulzbach-Rosenberg fährt, also grad mal eine Stunde Fahrzeit, dann schlackert man mit den Ohren:

„iwa de baam iss scho schdaad / koi liffdal waad / drinnad en wold b feechala schlouffa / fo driwahal hea / lus nea / dou woadd aaf di wea / heasd wäis de rouffa“ Das rätselhafte Gedicht war vor genau zwei Jahren schon mal in der MZ zu lesen, in der Todesanzeige vom Eugen Oker, von dem es stammt. Nachdem sich die Regensburger zwei Jahre lang umsonst an der Dechiffrierung dieser fremdartigen Sprache versucht haben, sei hier endlich die schriftdeutsche Übersetzung mitgeteilt: „Über den Bäumen ists schon still: / kein Lüfterl weht. / Drinnen im Wald die Vögelein schlafen. / Von drüberhalb her, / horch nur, / da wartet wer auf dich: / Hörst, wie sie dich rufen?“ Eugen Okers Antwort „An Goethe“ ist jetzt von Erhard Bablok vertont worden, und falls man es nicht schon immer gewußt hätte, jetzt führt an dem Urteil nichts mehr vorbei: Das Goethesche Original schaut gegenüber dem Oker-Gedicht alt aus. Bei den acht Zeilen „Ein Gleiches“ von 1780 ist der Leser oder Hörer am Ende sanft entschlafen; manchem schlafen auch nur die Füße ein. Wem es bei Eugen Oker dagegen nicht eiskalt den Buckel runterläuft, dem ist nicht zu helfen.

Vor zwei Jahren ist er mit 86 Jahren gestorben, der Eugen Oker, das Multitalent (auch darin Goethe nicht unähnlich): der Schriftsteller und Dichter, der Zeichner und Sammler, der Geometer und Ofensetzer, der Tankwart und Spielekritiker, der Publizist und Verleger, der haarkleine Beobachter, dem keine Ameisenbewegung entgangen ist, der Beethovens bombastischen Symphonie-Chor „Freude, schöner Götterfunken“ wie ein Fußballreporter kommentierte und dem auch noch ein Knödelrezept zum literarisch-hinterfotzigen Kleinod geriet, in dem der derbe oberpfälzer Schalk durchbricht: „Das gibt sauberne Händ!“ Nämlich nach dem Teigdurchmantschen.

Eugen Okers Nachlass, der eben erst ans Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg gegangen ist, wird noch in hundert Jahren eine unerschöpfliche Fundgrube darstellen. Eine anschauliche Kostprobe daraus gibt es jetzt in einer Ausstellung zu sehen: Von Manuskripten und Briefen über Erstausgaben und Bilder bis zu Beispielen aus der Okerschen Sammelleidenschaft: Biggerln und Papperln, millimetergroße Miniaturen der Zeitgeschichte.

Zur Eröffnung dieser opulenten Schau gab’s eine Oker-Hommage: Gedichte und Prosapassagen, rezitiert von Peter Klewitz und Silke Heimann, auf dem Akkordeon begleitet von Erhard Bablok, der etliche Oker-Gedichte genial vertont hat. Allein der Zwiefache, den er zu dem Gedicht „oawazlous sa / is koi schlächz leem“ spielt, schlägt aus diesem längst historisch gewordenen Text Funken, dass man auf einen Schlag in die 70er Jahre zurückversetzt wird.

Alle sind sie versammelt unter dem Oberpfälzer Weltei von Walter Höllerer: Okers Witwe Maria Gebhardt mit ihren zwei Schwestern, ihr Sohn Max, der sozusagen der Co-Autor des Kinderbuchs „Babba, sagt der Maxl, du mußt mir eine Geschichte erzählen“ ist, für das Oker 1973 den Astrid-Lindgren-Preis erhielt, Eckhard Henscheid, schon immer ein großer Oker-Verehrer, Hubert Ettl vom Lichtung-Verlag, der Okers Verlag Kuckuck & Straps übernommen hat, und viele andere Oker-Fans. Der Saal ist gesteckt voll, das Trio Klewitz/Heimann/Bablok bietet ein einstündiges hochkonzentriertes, exzellent ausgearbeitetes Oker-Programm, der Dialekt stimmt bis in die letzten Nuancen, und auch die schriftsprachlichen Texte werden derart akurat und geschliffen dargeboten, dass es die reinste Freude ist. Der Saal will die drei gar nicht mehr gehen lassen; sie vertrösten das Publikum mit der Ankündigung, dass sie mit dem Programm auf Tournee gehen – bis nach Regensburg herunter wollen sie sich wagen!

Ausstellung im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg (Rosenberger Str.9) bis 18. Mai; Infos unter Tel. (09661) 2659.

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