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Kultur
Mittwoch, 20. September 2017 17° 6

Kunst

Fenster zur Seele und Tor zur Welt

Dem wichtigsten Sinnesorgan des Menschen ist eine Ausstellung an der Uni Regensburg gewidmet.
Von Fred Filkorn, MZ

Studentin Julia Schwarzfischer vor ihrer Fotoserie „Le Voyeur“ Foto: Filkorn

Regensburg. Wie funktioniert das Auge? Wie ist es aufgebaut? Über Fakultätsgrenzen hinweg informierten im Sommersemester Lehrkräfte des anatomischen Instituts Studierende der Kunsterziehung über Aufbau und die Funktionsweise des Sehorgans. Die Kunststudenten fertigten Skizzen an, wobei ihnen anatomische Präparate und Modelle als Vorlagen dienten. „Die Anatomie steht seit jeher in einer engen Beziehung zur Kunst“, sagt Anatomieprofessor Ernst Tamm. „Leonardo Da Vinci war nicht nur Künstler, sondern auch Anatom“.

Zwischen dem Aufbau des Auges und seiner Wahrnehmungsleistung, zwischen dem Auge als Sinnesorgan und dem Sehen als Prozess ergab sich für die Studenten ein spannendes Betätigungsfeld. „In der Zusammenschau aller Erkenntnisse sollte freilich eine eigene Form, eine eigene inhaltliche Aussage gefunden werden“, erklärt Birgit Eiglsperger vom Institut für Kunsterziehung, die das interdisziplinäre Projekt leitete.

Was und wie nehmen wir wahr?

Die Ergebnisse sind nun in der Ausstellung „Das menschliche Auge“ zu sehen. Gezeigt werden über 40 Arbeiten von Studierenden und Lehrenden, von Plastiken über Zeichnungen, Collagen und Malerei bis hin zu Videos, Installationen und Fotografien.

„Augen lügen nicht“, sangen schon die Kastelruther Spatzen, das Berliner Pop-Sternchen Nele hat bereits in jungen Jahren die Erfahrung gemacht: „Blaue Augen lügen nicht“. Und Regie-Altmeister Sidney Lumet betitelte einen seiner Filme treffend mit „Sanfte Augen lügen nicht“. Auch die populäre Unterhaltungskultur hat erkannt: Augen sind ehrlich. Wie kaum ein anderes Sinnesorgan spiegeln sie unser wahres Innenleben wider. Augen geben unseren Gefühlen einen Ausdruck – auch wenn wir die nach außen hin manchmal gar nicht zeigen wollen.

In der Fotoreihe „Ausgetauscht“ zeigt Luise Ueberreiter, wie entscheidend Augen dabei sind, Stimmungslagen wiederzugeben. In ihrer Serie von zehn identischen Fotos eines ausdruckslosen Gesichtes tauscht sie nur die Augenpartie aus, die Stimmung variiert von skeptisch über erstaunt bis zu traurig. Dass der Mensch selbst leblosen Objekten wie Puppen und Stofftieren eine gewisse Lebendigkeit zuspricht, sobald sie Augen haben, verdeutlicht Florian Pfab mit seinem Bild „Der Puppenbauer“.

Eine unheimliche Atmosphäre strahlen die Radierungen von Christina Kirchinger aus. An der Hotelrezeption stehen sich die Schatten zweier Personen gegenüber und werden von Deckenstrahlern angeleuchtet, die Augen ähneln. In „Der fremde Widerhall“ wird eine Frau in einen Computertomographen geschoben, der das Aussehen eines Auges hat, daneben steht ein Mann, der sich nachdenklich das Kinn reibt.

„Ich möchte das Durchschauen und Hineinblicken in einen Menschen thematisieren. Zum einen auf zwischenmenschlicher Ebene, weil man sich manchmal wünscht, in einen anderen hineinzublicken. Zum anderen auf medizinischer Ebene, weil hochkomplexe Geräte den Menschen durchleuchten“ erklärt die junge Künstlerin.

Mit dem Reiz heimlicher Blicke und der Rolle von Beobachter und Beobachtetem spielt Julia Schwarzfischer in „Le Voyeur“. Die dreiteilige Fotoreihe stellt das Beobachten durch den Türspion aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln dar: das sich bewegende Auge vor dem Guckloch, der kreisrund eingegrenzte Blick aus selbigem und die beobachtete Person, die den Blick zu spüren scheint.

Individuelle Unschärfen

Julia Nistor weist in ihren Arbeiten darauf hin, dass das Auge nur aufnimmt, das eigentliche Bild jedoch im Gehirn zusammengesetzt wird. Dabei nimmt jeder Mensch seine Umgebung anders wahr, weil im Gehirn stets ein Abgleich mit den individuell gemachten Erfahrungen und den damit verbundenen „gespeicherten“ Bildern stattfindet. Aber auch das, was wir von den Medien täglich vorgesetzt bekommen, hat schon eine gewisse Vorauswahl durchlaufen und kann deshalb nur ein unvollkommenes, subjektiv gefiltertes Bruchstück der Realität wiedergeben. Ihr Bild „Fragmente“ will sie jedoch nicht als Medienkritik verstanden wissen, sondern daran erinnern, „dass wir vieles nicht mit eigenen Augen sehen, sondern durch den Ausschnitt eines Fotografen“.

Anastasia Ross stellt in ihrem rätselhaften Gemälde „Die blinde Kuh“ Aspekte des Erblindens dar: In einem steril-grauen Museum spielen Kinder ausgelassen Blinde Kuh. Im Hintergrund hängt ein Bild, das einen weißbekittelten Arzt zeigt, der vor seinem Patienten (in OP-Leibchen) ein Röntgenbild studiert. Die Schwester, ebenfalls in voller OP-Montur, hält sich ängstlich am Oberarztarm fest und schaut den Betrachter des Gemäldes direkt in die Augen.

Die kurzsichtige Katharina Max lässt ihren individuellen Seheindruck in ein schemenhaft-verschwommenes Selbstporträt münden. Um die Unschärfe wiederzugeben, bündelt sie kleine Farbflächen zu Clustern, lässt Umrisse verschwinden und Vorder- und Hintergrund ineinanderfließen.

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