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Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Zeitgeschichte

Filmreifer Stoff: Die Wunde Wackersdorf

Oliver Haffner und Ingo Fliess bringen den Widerstand gegen die WAA ins Kino. 2018 kommt der Spielfilm auf die Leinwand.
Von Marianne Sperb, MZ

Regisseur Oliver Haffner (links) und Produzent Ingo Fliess: 2018 kommt „Wackersdorf“ ins Kino. Foto: Sperb

München.Im Taxöldner Forst eskaliert im Sommer 1986 die Gewalt. Autonome beschießen Beamte mit Stahlkugeln, Bundesgrenzschützer werfen aus Hubschraubern Reizgas-Kartuschen ab. Allein für 1986 schnellen im bayerischen Staatshaushalt die Ausgaben für „überörtliche Polizeieinsätze“ von geplanten 2,5 Millionen Mark auf gut 50 Millionen Mark in die Höhe.

„Das war Krieg, Bürgerkrieg. Diese Szenen kannte man sonst nur aus Krisengebieten. Aus Palästina vielleicht.“ Ingo Fliess, Jahrgang 1965, erinnert sich gut an den Widerstand gegen die WAA. Er wuchs in Sulzbach-Rosenberg auf, 35 Kilometer von Wackersdorf, und hatte in der heißen Phase gerade sein Abi in der Tasche. „Die WAA hat uns politisiert wie nichts zuvor.“

Am 10. Oktober 1987 geht eine Berliner Spezialeinheit auf dem WAA-Gelände brutal auf Demonstranten los. Eine Knüppelorgie. Fast auf den Tag genau 40 Jahre später beginnt in Wackersdorf der Dreh für einen Film. Die Geschichte über ein Großprojekt und über den Widerstand, auf den es in der Oberpfalz trifft, kommt 2018 bundesweit in die Kinos.

Ein Film im „Oberpfälzer Sound“

Regisseur Oliver Haffner, der mit Gernot Krää auch das Drehbuch geschrieben hat, stellt Landrat Hans Schuierer ins Zentrum. „Mich interessiert Zeitgeschichte. Und die Frage nach Haltung. Nach Gewissen.“ Schuierer ist ein starker Protagonist, ein Mensch, der eine Entwicklung sichtbar macht.

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Anfangs hatte der Landrat für die WAA, die Tausende Arbeitsplätze versprach, geworben. Stück für Stück wandelte er sich zum Gegner. Er wurde eine Ikone des Widerstands. Auch die „Lex Schuierer“, mit der ihn die Staatsregierung aushebelte, auch mehr als ein Dutzend Anklagen beugten ihn nicht. „Wer macht das schon?“, sagt der Regisseur am Donnerstag im Büro von if... Productions in München. „Seine Einstellung in Frage zu stellen, auch wenn es wehtut? Haltung zeigen?“

Der Film „Wackersdorf“ erzählt die Geschichte des Widerstands gegen die WAA – und die von Hans Schuierer, damals Landrat in Schwandorf. Foto: MZ-Archiv

Dokumentationen zu Wackersdorf gibt es zahlreich, auch abendfüllende wie „Spaltprozesse“ (1987) von Bertram Verhaag und Claus Strigel. Einen Spielfilm, wie ihn Haffner inszeniert, gibt es bisher nicht. „Wackersdorf“ erzählt von den Jahren 1981 bis 1986, von der Gründung der BI im Oktober 1981 bis zum GAU von Tschernobyl im April 1986. Die Geschichte ist klar verortet in der Region, inklusive des Dialekts, des „Oberpfälzer Sounds“, und erzählt doch einen Stoff, der übertragbar ist. „Das wird kein Anti-Atomkraft-Film“, stellt Fliess klar. „Das Thema könnte auch Fracking heißen.“

Der Film beginnt mit einer ruhigen Einstellung von der Oberpfälzer Weite, und schildert in den folgenden 100 Minuten, wie Unruhe über die Region kommt, wie sich eine schleichende Bedrohung breitmacht – in einem Landstrich, der als CSU-treu gilt, wo die Partei mancherorts an 100 Prozent Stimmenanteil kratzt, der aber auch karg und irgendwie unregierbar ist. Und wo die Menschen in einer erbitterten Auseinandersetzung die einschneidende Erfahrung machen, dass „die da oben“ es eben nicht richten, dass der Nachbar, der ein Polizist oder ein WAA-Gegner ist, vor dem Bauzaun dein Feind werden kann. Die Gewaltexzesse gegen Ende des Films illustrieren Originalaufnahmen, viele von Bertram Verhaag und Claus Strigel, die in den 1980ern mit großem Mut gedreht haben, die Kamera zwischen Polizeiknüppeln. „Die Bebilderung von Gewalt, die tatsächlich stattgefunden hat, ist fiktional schwer darzustellen“, begründet Ingo Fliess den Einsatz des Doku-Materials im Spielfilm. Die zeitgeschichtlichen Fakten liefern die Folie für die Kino-Fiktion.

Sechs Jahre Vorbereitung

Produzent und Regisseur haben ab 2011 viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt, Landtagsprotokolle studiert, sich durch die Akten zum „Fall Schuierer“ gelesen. Im Lauf von sechs Jahren reicherte sich der Humus an, auf dem der Spielfilm jetzt Kontur annimmt. Natürlich ließe sich einfacher Geld verdienen. „Aber dieses Projekt zu beerdigen kam nicht in Frage“, sagen die Filmemacher. „Wir finden: Diese Geschichte muss erzählt werden. Weil sie so viele Implikationen auf unser heutiges Leben beinhaltet.“

Aus dem privaten Fotoalbum von Ingo Fliess stammt dieses Foto vom 6. Dezember 1986. Der Produzent (Mitte) machte damals wie viele Menschen einen Familienausflug zum Bauzaun. Foto: Ingo Fliess/privat

Der Zuschauer erlebt das politische Drama um die WAA, aber auch die persönliche Entmachtung von Hans Schuierer. Der Landrat wird deutlich gespiegelt, viele weitere Figuren im Film sind ein Amalgam aus realen Gestalten, die für Wackersdorf eine Rolle spielten: Widerstandskämpfer treten auf, ein Pfarrer, eine Oberpfalz-Rückkehrerin, Figuren aus der Betreibergesellschaft RWK und aus der Staatsregierung, und selbstverständlich auch die „ganz normalen Oberpfälzer“, Bäuerinnen, die die WAA bewog, das erste Mal in ihrem Leben demonstrieren zu gehen. Wackersdorf als Mutter des Wutbürgertums sozusagen.

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Der Bruch ging quer durch die Gesellschaft, zerriss Familien und Freundeskreise. „Das sind tiefe Verletzungen, die bis heute nicht verheilt sind“, sagt Ingo Fliess. Eine Vergangenheitsbewältigung von Wackersdorf habe bis heute nicht wirklich stattgefunden. „Das ploppt immer wieder auf.“ Die Wunden, die der Kampf um die Anlage geschlagen hat, wurden auch nicht geschlossen durch den Fall des Projekts. 1989 wurde der Bau, der bis dahin zehn Milliarden Mark gekostet hatte, eingestellt.

„Wackersdorf“ folgt Bruchlinien, legt Ambivalenzen frei, in vielen Nuancen, nicht in Schwarz-Weiß. „Im Grunde“, sagt Ingo Fliess, stellen wir die Frage: Ist da nicht noch was zu besprechen?“ Offensichtlich ist es das.

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