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Kultur
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Ausstellung

Flaschenkorken und die Revolution

„Zero to Infinity“: Große Werkschau von Jan Henderikse, Gründer der Gruppe Nul, in der Regensburger Galerie Andrea Madesta
Von Gabriele Mayer, MZ

Jan Henderikses Werk „Vol-260-2015“ Foto: Madesta

Regensburg.Jan Henderikses Arbeiten, derzeit in der Galerie Andrea Madesta in Regensburg zu sehen, sind Teil der jüngsten Kunstgeschichte, dabei wirken sowohl die neuen, als auch die älteren Exponate dieser Werkschau überaus aktuell und unverwechselbar. Bei der Ausstellungseröffnung steht Jan Henderikse leibhaftig in der Galerie, ein verschmitzter Endziebiger am Rollator. Seine Krawatte hat ein Dollarnoten-Design. Er arbeitet in Antwerpen und New York, seine Werke werden in den großen Museen präsentiert, etwa in der Zero-Retrospektive im Guggenheim-Museum. In den Niederlanden ist er bekannter als hier, dort hat er 1960 die Gruppe Nul gegründet, parallel zur Gruppe Zero von 1958 seines Freundes Uecker.

Zero, seit einiger Zeit wieder heftig im Gespräch, war Teil einer Revolution in der Kunst, die schon vor dem Krieg einsetzte und viele Vorbereitungen brauchte. Man hat das Bild ganz neu erdacht, indem man unter anderem Farbe durch Materialien ersetzte. Duchamp hatte das „ready made“ erfunden und Künstler wie Henderikse haben Alltagsgegenstände, Weggeworfenes in die Kunst integriert und die ästhetische Dimension dieser Dinge zur Geltung gebracht.

Ungeplant und nicht perfekt

Heute ist das selbstverständlich, denn Variationen von diesem Nullpunkt aus, die Kunst auf diese Weise zu projektieren, setzten sich vielfältigst fort. Die Übersichts-Schau präsentiert auch einige frühe, abstrakt expressionistische Bilder, bei denen sich bereits Henderikses Spiel mit Systematiken zeigt. Aber im Interview in der Galerie Madesta erklärt er, dass damals die Künstlergruppe Cobra in den Niederlanden so stark war, dass nichts dagegen ankam. Auch seine Material-Kunst, mit der er 1958 begann, konnte er zuerst nicht verkaufen.

Henderikse sammelte und sammelt, etwa Flaschenkorken, allerdings stets nur etwas, was andere, nachdem sie es gebrauchten, weggeworfen haben. Es ist eine Art Liebe zu Derlei, er macht es zum Bild oder Kunstobjekt, meist indem er es aus einer Sammel-Kiste aussucht und auf rechteckige Holzplatten aufklebte. Der Vorgang selbst hat aber nichts Ausgedachtes, sondern ist etwas spontan Interpretierendes, wie er sagt. Alles kann unter der Hand von Henderikse zu Kunst werden, geschredderte Dollarnoten, Bierkästen, bunte Plastikflaschen oder Kleinkram auf rechteckigen Holzflächen an der Wand.

Kunsthistorischer Charakter

Was dem Uecker unverwechselbar seine Nägel, das sind Henderikse Flaschenkorken, die er gelegentlich übermalt, deren Formschönheit, Musterungen und Wechselspiele sich in der aufgeklebten Serialität zeigen. Doch die Kunst selbst ist etwas anderes als das Reden über die Kunst.

Das Verspielte und Designte im heutigen Umgang mit den Dingen des Alltags hat aus solcher Kunst wie der von Henderikse geschöpft. Doch was unterscheidet den Künstler vom Designer? Das Ungeplante, Nichtperfekte. Der Clou ist aber, dass bei Henderikse, anders als oft bei Werken weniger guter Künstler, hier nichts eigentlich mangelhaft wirkt, vielmehr alles einen ästhetischen Mehrwert enthält.

Woher kommt diese magische Wirkung, zum Beispiel bei den kleinen Münzen, die schillernd aufgeklebt sind und sich verlaufen. Das ist das Geheimnis eines gelungenen Kunstwerks: diesen Anmutungs-Überschuss zu erzeugen, und, mittels einer besonderen Handhabung, etwas auf eine neue Ebene zu heben. Einige seiner jüngsten Arbeiten reflektieren den Kunst- und kunsthistorischen Charakter seines Werks bewusst noch einmal: Das Blattgold, mit dem eine große Flaschenkorken-Arbeit überzogen ist, adelt dieses Bild in besonderer Weise.

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