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Kultur
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Kunst

Fremd im gelobten Land: Emeka Ogboh in Baden-Baden

Die deutsche Nationalhymne in afrikanischen Sprachen, schwarzes Bier und eine utopische Stadt, in der Grenzen verschwinden. Migration ist das Thema des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh. Aber bitte mit Chili.
Von Susanne Kupke

  • Emeka Ogboh, Sufferhead Original, 2017. Foto: Uli Deck
  • Emeka Ogboh vor seinem Werk „Expat Hustle - Good Soup (Okra)“ aus dem Jahr 2017. Foto: Uli Deck
  • „Showcase“ aus der Serie: „Sufferhead Original“. Foto: Uli Deck
  • In Ogbohs Arbeit „Lagos State of Mind III“ kann man von der Berliner S-Bahn-Station Frankfurter Allee in die Vorstädte von Lagos umsteigen. Foto: Uli Deck
  • Emeka Ogboh, Continental Entrée, 2015/16. Foto: Uli Deck
  • „Wer hat Angst vor Schwarz?“ aus der Serie: „Sufferhead Original“. Foto: Uli Deck

Baden-Baden.Migration ist keine Einbahnstraße. „Sie hat immer mindestens zwei Seiten“, sagt der nigerianische Künstler Emeka Ogboh. Dort, wo die aufeinandertreffen, wird es interessant für ihn. Und spannend für die Besucher seiner bislang größten Einzelausstellung.

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden stllt den in Berlin lebenden Biennale- und documenta-Künstler vor. „If Found Please Return to Lagos“ - der Titel der Schau ist Programm: In Anspielung auf unzustellbare Pakete, die an den Absender zurückgehen, werden Sehnsüchte und Gefühle von Menschen thematisiert, die allein wegen ihrer Hautfarbe oft als fremd wahrgenommen werden.

Humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger - vom 11. November bis zum 4. Februar sind Installationen aus den letzten vier Jahren zu sehen. Zum Auftakt gibt es die deutsche Nationalhymne. Allerdings nicht auf Deutsch. „The Song of the Germans“, den Emeka Ogboh erstmals 2015 bei der Biennale in Venedig präsentierte, ertönt aus zehn Lautsprechern in Douala, Igbo, Ewondo und weiteren afrikanischen Sprachen. Klingt chaotisch, doch das Ergebnis ist harmonisch.

Deutschland, das gelobte Land, steht hoch im Kurs bei afrikanischen Einwanderern. Das zeigt Ogboh mit seiner Installation „Continental Entrée“, bei der er europäische Einwanderungsländer mit Michelin-Sternen wie für Restaurants bewertet. Deutschland ist mit drei Sternen ganz oben auf der Wunschliste.

Dafür brechen viele zu einer gefährlichen Reise durch die Sahara und das Mittelmeer auf und nehmen den Verlust von Heimat in Kauf, die melancholisch auch immer wieder mit dem Thema Essen verbunden wird. So schwimmen im nigerianischen Eintopf Euro-Scheine und die Neonschrift an der Wand („Food Is Ready“) erinnert an die Leuchttafeln an den Straßen von Lagos. Nicht zuletzt für diese kunstvoll verwobenen Zusammenhänge von Essen, Identität und Migration hat Ogboh den renommierten Bremer Kunstpreis der Böttcherstraße erhalten.

In Baden-Baden präsentiert Ogboh eine neue Version seines legendären dunklen Bieres „Sufferhead Original“, das schon bei der documenta in Kassel („Wer hat Angst vor Schwarz?“) provozierte. Er hat dafür Männer und Frauen mit afrikanischem Hintergrund befragt: Welche Geschmäcker fehlen ihnen hier und wie schmeckt Baden-Baden für sie? Herausgekommen ist ein Bier mit Zutaten wie Quell- und Kirschwasser. Fast schwarz. Und mit Chili, versteht sich.

Die Baden-Badener Bier-Version wird von einem Werbespot begleitet, den Ogboh in den prächtigen Sälen der Spielbank Baden-Baden gedreht hat - mit gut gelaunten Menschen in schrillen Designer-Klamotten. Ob hoher Manager einer Sportfirma, Ex-Flüchtling oder Bäckereiverkäuferin - sie eint allein ihr afrikanischer Hintergrund und das Bier in der schwarzen Flasche in der Hand.

Ganz zum Schluss verwirklicht der 1977 geborene Künstler, der seit seiner DAAD-Einladung 2014 nach Berlin international Aufmerksamkeit erregte, seine persönliche Stadt-Vision: In seinem neuen Werk „Lagos State of Mind III“ kann man von der Berliner S-Bahn-Station Frankfurter Allee direkt in die Vorstädte von Lagos umsteigen. „Es geht darum, irgendwohin zu gehören, aber 'woanders' zu sein, im Übergang verloren zu sein“, beschreibt der Künstler die Befindlichkeit von Migranten.

Seine Erfahrung nach drei Jahren Deutschland: „Man muss auf eine bestimmte Art aussehen, um als Deutscher durchzugehen.“ Vielleicht hat auch deshalb das Foto von dunkelhäutigen Menschen mit Schwarz-Bier und in Lederhosen so einen prominenten Platz in der Schau. Der Künstler selbst liebt inzwischen übrigens deutschen Braten mit Klößen. „Aber bitte mit Chili.“

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