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Kultur
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Lesung

Für Bücher könnte man Dieb werden

Michael Köhlmeier ist bibliophil. In der Regensburger Buchhandlung Dombrowsky erzählt er, wie weit die Obsession führen kann.
Von Randolf Jeschek, MZ

Büchersüchtig: Michael Köhlmeier las bei Dombrowsky in Regensburg. Foto: xtl

Regensburg. Michael Köhlmeier ist normalerweise keiner, der Anregungen von außen braucht, um ein Buch zu schreiben. Oder gar Aufträge entgegennimmt. Dazu hat er viel zu viele eigene Ideen. Ein imposantes Œuvre zeugt davon: voluminöse Romane wie „Abendland“, Erzählungen, Gedichte, Lieder, Theaterstücke, Drehbücher oder seine zahlreichen Neufassungen von Sagenstoffen.

Eine Anfrage allerdings gab es zuletzt, die er nicht ablehnen konnte: einen Band für die kleine, aber feine Reihe „Edition 5plus“ zu schreiben. Köhlmeier konnte nicht widerstehen und reihte sich gern ein in die Liste illustrer Namen wie Louis Begley, Irène Nemirowsky und William Boyd. Und er hatte gerade „Zwei Herren am Strand“ fertig gestellt. Da kam der Anstoß zur rechten Zeit, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen. Köhlmeier hält es mit Thomas Mann, der empfahl, einen Roman am Vormittag zu beenden, damit man am Nachmittag einen neuen anfangen kann. So schrieb er mit „Umblättern und andere Obsessionen“ eine neue Erzählung über die Bibliomanie. Daraus las er jetzt bei Dombrowsky, einer der 5plus-Buchhandlungen.

Das Abendessen wird in der Bibliothek verdient

Michael Köhlmeier (links) im Gespräch mit Buchhändler Ulrich Dombrowsky. Foto: xtl

Liebe zu Büchern kann sich ja auf verschiedene Arten zeigen, man begegnet ihnen allen in diesem Text. Man kann süchtig sein nach Geschichten, wie die Schwester des Erzählers und ihre Freundinnen: „Sie waren hungrig, hatten aber keinen Appetit.“ Man kann sich für den Autor interessieren, für die Entstehungsgeschichte, das ganze Drumherum. Man kann aber auch dem Buch als Objekt verfallen, dem schönen Papier, der Bindung, den Schrifttypen.

Das Publikum bei Dombrowsky lauschte wissend und verständig. Man kennt das, aber schön, dass es jemand auch mal formuliert, und dann auch noch so charmant, elegant und witzig wie Köhlmeier. Er las das Kernstück des Büchleins, eine Szene mit einem Abendessen bei einem stinkreichen Selfmademan, der stolzer Besitzer einer riesigen Privatbibliothek mit wertvollen Ausgaben ist. Geladen waren vorzugsweise die Reichen und Schönen, die sich das Abendessen mit einem Bestaunen der Bibliothek verdienen mussten. Unter den Gästen waren auch weniger Betuchte wie die Eltern des Erzählers, die dieses Manko mit einem höheren Grad an Bibliophilie ausgleichen konnten. Dass Michael Köhlmeier, damals noch ein Kind, auf Veranlassung seines Vaters ein wertvolles Buch stehlen soll, wirft die Frage auf, ob der Vater wirklich so viel kriminelle Energie besessen hat. Köhlmeiers Erklärung ist eine wunderbare Definition von Literatur: Wahres mit Erfundenem so mischen, dass das Ganze als wahr erscheint.

Systematisch auf Beutezug

Köhlmeier las noch ein Stück einer zweiten „Auftragsarbeit“, die er für Swarovski Kristallwelten geschrieben hat: „Das Lied von den Riesen“, ein ausgedehntes Epos in gebundener Form, schön altmodisch mit Reim und allem Drum und Dran, formal angeregt nicht zuletzt von New Yorker Rappern mit ihren ausgedehnten epischen Erzählungen. Damit ersparte er sich weitere Stellen aus seinem Bibliomanie-Buch, zum Beispiel die Geschichte, wie der Erzähler systematisch Buchhandlungen beklaut. Das hätte bei Dombrowsky wohl keinen guten Eindruck hinterlassen.

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