mz_logo

Kultur
Mittwoch, 20. September 2017 16° 4

Lesung

Für eine Hand voll gestückelter Dollar

Klaus „Schwafi“ Schwarzfischer stellte im Kunstverein GRAZ seinen neuen Roman „Wenig Zeit und viel zu tun“ vor.
Von Peter Geiger, MZ

Klaus „Schwafi“ Schwarzfischer (re.) und Andreas Hanauer von den „Spackos“. Foto: Geiger

Regensburg.Natürlich sind die Reihen dicht besetzt, an diesem Samstagabend im Kunstverein GRAZ. Denn Klaus Schwarzfischer, unter seinem sprechenden Pseudonym „Schwafi“ mittlerweile zur Legende gereifter Autor skurriler Heimatkrimis, stellt seinen neuen Roman vor. Und weil er nicht nur mit hoher sprachlicher Kompetenz ausgestattet ist, sondern auch mit einem Hang zum Ironisch-Absurd-Brutalen, mögen ihn die Leute. „Wenig Zeit und viel zu tun“ heißt seine neue Arbeit- und der Kenner schnalzt sogleich mit der Zunge: Weiß er doch, dass sich Gary Cooper im Western-Klassiker „High Noon“ mit diesem Satz verabschiedet, von seiner frisch angetrauten Gattin. Bevor er als Marshal Kane Recht und Gesetz wieder herstellt in Hadleyville.

Freiheit und Abenteuer

Ja, Kennerschaft spielt überhaupt eine große Rolle, in dieser Romansatire, deren Cover (das Andreas Hanauer meisterhaft gestaltet hat) aussieht, als wär’s ein Lassiter- oder G.F.-Unger-Heft aus dem Bastei-Verlag. Das lesen normalerweise Jungs im Alter zwischen 13 und 73 und geben so jenem äffischen Persönlichkeitsanteil Zucker, der nach Freiheit und Abenteuer verlangt. Denn was erlebt man schon wirklich Spannendes auf der Schulbank, der Baustelle oder im Büro?

Womit wir mittendrin wären, im Geschehen: Denn das Wild-West-Panorama, es dient doch eigentlich nur dazu, den Fantasien des Protagonisten eine Projektionsfläche in Cinemascope-Breite zu verleihen. Und wer ist der Protagonist? Der heißt Jens Plattner und ist Kommunalpolitiker! Ein windiger und schmieriger obendrein. Einer, der Wasser predigt und im Whiskey ersäuft. Einer, der sich seinen Konkurrenten Schlaminger vom Hals hält, in dem er kurz mal 1,2 Millionen aus dem Kulturfördertopf ausschüttet, um dessen Western-Club-Träume zu erfüllen. Der Vergabegrenzen umdefiniert, indem er 20 Rechnungen über 9999 Euro ausstellen lässt. Einer, der sich nicht nur für den „Oberen Großartigen Bürgermeister“ hält, sondern zudem für den Allerschönsten und den Allergescheitesten und der auch mal eben seine Familie absägt.

In der Reihe hinter mir sitzt eine Frau, die ihrer Begleitung zuflüstert: „Hoffentlich kriag e koane Schwierigkeiten, wenn i mi als städtische Bedienstete do heit seng lass‘!“ Ja, warum denn? Zum einen ist über der Bühne für jedermann deutlich das Plakat mit der Aufschrift „Welcome to Rattlesnail City“ zu sehen. Also: Wer wollte schon auf die Idee kommen, dass das ein Schlüsselroman ist, nur weil die Westernstadt auch mit einem R beginnt? Obendrein hat Schwafi in seinem Vorwort festgehalten, es ginge ihm gar nicht um die „Fehlbarkeit einzelner Personen“, sondern um die Frage, ob es ein „Kommunalpolitik-Karriere-Gen gibt, das Menschen dazu veranlasst, sich über ethische und gesetzliche Grenzen hinwegzusetzen“. Um sodann, mit Augenzwinkern, zu schließen: „Wer Wesenszüge von Jens Plattner bei sich wiedererkennt, sollte sich bessern oder abdanken. Wer keine wiedererkennt, ist entweder ein rechtschaffener Politiker oder so einer wie Jens Plattner, der erstens nicht darüber nachdenken kann, weil er keine Zeit und viel zu tun hat, und dem es zweitens wurscht ist.“

Tarantino lässt grüßen

Schwafis Fantasie übersteigt und überragt jede Form von Niedertracht, die sich hier, in unserem lieben Regensburg, tatsächlich zugetragen haben mag. So gelingen ihm jenseits und abseits staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen mit seinem Instrumentarium, – also der Sprache – Szenarien, die tarantinohafte Farbigkeit atmen. Da schickt er Jens Plattner, den fahrradhassenden Oberen-Radl-Bürgermeister in einen Absperrkäfig für Drahtesel. Und lässt ihn dort, ansatzlos und sicher aus dem Handgelenk geschossen, einen Albtraum erleben, der sich mit Kunstblut gewaschen hat und ein Höllenspektakel heraufbeschwört. Das ist Splatterstoff der Extraklasse und beweist, dass Schwafi also sich auf sämtliche Genres versteht.

Wie übrigens auch jenes des anlassgemäßen Auftritts: Denn die Buchvorstellung, die legt er weder sitzend noch solo hin, sondern in Begleitung seiner Band, der „Good Old Spackos“. Die tragen allesamt lustige Hüte aus Pappendeckel und versüßen dem Autor seine Lesepausen mit Westernklassikern, die ausnahmslos in tadelloses Bayerisch übersetzt sind.

Weitere Berichte aus dem Ressort Kultur finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht