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Kultur
Dienstag, 21. November 2017 7

Interview

Geschichte hautnah erleben

Thomas Feuerer ist in die Erneuerung der Burg Wolfsegg involviert. Als Historiker interessiert er sich privat für Burgen.
Von Susanne Wolf

Die Burg erhebt sich auf einem steilen Jurakalkfelsen Foto: Kuratorium

Wolfsegg.Was ist an der Burg Wolfsegg besonders, weil dort derzeit das Projekt „Erweiterung, Aktualisierung und Neugestaltung des Burgmuseums Wolfsegg“ umgesetzt wird?

Sie ist die einzige Burg im Landkreis, die weitgehend noch als Burg original erhalten ist. Die anderen sind Ruinen oder wurden zu Schlössern umgebaut, wodurch sie sich stark verändert haben. Der mittelalterliche Burgcharakter ist am deutlichsten in Wolfsegg abzulesen. Diese Burg beherbergt ein Museum, das versucht, das mittelalterliche Leben darzustellen. Das ist durchaus ein Alleinstellungsmerkmal – bayernweit lässt sich das an einer Hand abzählen.

Was könnten Gründe sein, dass die Burg Wolfsegg noch erhalten ist?

Die Burg Wolfsegg hatte Glück. Sie hat zwar das Schicksal von vielen Burgen – Burgen waren ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr in Mode und sind außer Gebrauch gekommen – erlitten, trotzdem blieb sie gut erhalten, weil es verschiedene Nutzungen gab. Unter anderem haben zeitweise ärmere Leute aus der Gemeinde darin gewohnt. Das große Glück war, dass der erste Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz Georg Rauchenberger sich diese Burg gekauft hat. Er hat sie vor dem Verfall gerettet, weil er selbst jahrelang in der Burg gewohnt und sie weitgehend restauriert hat. Zum Schluss hat er Anfang der 70er-Jahre das Kuratorium gegründet, dessen Vorsitzende heute Landrätin Tanja Schweiger ist. Seitdem gehört die Burg dem Verein, der seit vielen Jahren durch das rührige, ehrenamtliche Engagement die Burg unterhält und das Museum führt.

Dr. Thomas Feuerer, Sachgebietsleiter Kultur, Heimat- und Denkmalpflege am Landratsamt Regensburg, ist eng in die Erneuerung, Erweiterung und Aktualisierung der Burg Wolfsegg involviert. Foto: Wolf

Wie hoch sind die Kosten für das derzeitige Projekt?

Der Verein mit seinen rund zehn Mitgliedern kann die Kosten nicht alleine stemmen und ist auf öffentliche Mittel angewiesen. Unterstützer sind der Kulturfonds Bayern, die Landesstelle für nichtstaatliche Museen, der Bezirk Oberpfalz, der Landkreis beziehungsweise die landkreiseigene Gesellschaft GSR und Leader. Wir haben eine hohe Förderquote, daher wird das Kuratorium selbst nur rund zehn Prozent an Eigenmitteln aufbringen müssen. Die Gesamtkosten liegen bei rund 1070000 Euro.

Wann wird das Projekt fertiggestellt sein?

Wir sind schon mittendrin. Es fehlt noch die Umsetzung des wissenschaftlichen Feinkonzepts, also die technische Neuerung, sowie die Museumsgestaltung. Das soll in der nächsten Winterpause umgesetzt werden. Wir hoffen, dass wir bis Mai 2018 fertig sind.

Warum gibt es für solche Projekte eine staatliche Unterstützung?

Natürlich sind die Burgen in der Regel erst einmal Baudenkmäler und damit ein Kulturgut. In unserer Verfassung ist festgeschrieben, dass es damit ein staatlicher – wenn primär auch ein kommunaler – Auftrag ist, ein Kulturgut zu erhalten und zu schützen. Bei der Burg Wolfsegg reden wir von einem Kulturgut überregionaler Bedeutung und einer Aufgabe, die für eine Privatperson, einen Verein oder eine kleine Kommune nicht alleine tragbar wäre.

Wieso hat diese Burg eine überregionale Bedeutung?

Ein Aspekt ist, dass die Oberpfalz – und damit auch der Landkreis Regensburg – zu Recht als Burgenland bezeichnet wird, weil in unserem Landstrich eine große Dichte von Burgen verzeichnet wird. Im Landkreis allein haben wir 80 Burgen beziehungsweise Burgruinen. Das ist ein Charakteristikum für unseren Landstrich. Der zweite Aspekt im speziellen Fall der Burg Wolfsegg ist, dass sie in einem ungewöhnlich guten Erhaltungszustand ist.

Als Leiter des Sachgebiets Kultur sind Sie unter anderem auch für Burgen zuständig. Inwieweit sind Burgen Kultur?

Per se ist eine Burg ein historisches Dokument aus mehreren Jahrhunderten unserer Geschichte. Die baulichen Überreste erzählen vom Leben der Menschen, von unserer Geschichte, von Verwaltungsstrukturen früherer Zeiten. Sie sind ein Wissensspeicher. Die Burgen, die meist an landschaftlich markanten Plätzen stehen, sind ein wichtiges Kulturgut. Im Landkreis hat das einen positiven Nebeneffekt, da meine Kollegin Susanne Kammerer sehr erfolgreich touristisch auf die Burgen durch die Burgensteige hinweist, womit die Burgen sichtbar und erlebbar gemacht werden. Ich denke, dass es ein attraktives Angebot ist, sich den Landkreis auf diesen Wegen zu erwandern. Mit dem Projekt kann man einerseits die Leute erreichen, andererseits auch auf unsere schöne Umgebung aufmerksam machen. Einerseits ist es der historische Wert, andererseits der Erlebniswert, wo man in die Landschaft kommt und sich mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert sieht.

„Die Burgen, die meist an landschaftlich markanten Plätzen stehen, sind ein wichtiges Kulturgut.“

Thomas Feuerer

Worin sehen Sie es begründet, dass die Leute immer mehr Interesse für das Mittelalter entwickeln?

Das ist tatsächlich ein Phänomen, das man beobachten kann. Im Vergleich zu vor 30 Jahren gab es darum in den letzten Jahren wirklich eine Art Hype. Immer wird die Begründung herangezogen, dass wir in einer brutal schnelllebigen Zeit leben und die Entwurzelung – bedingt durch die Arbeitswelt, Globalisierung und so weiter – immer stärker um sich greift, dass deswegen die Leute – auch junge Leute – ein immer stärkeres Interesse für ihre Vergangenheit entwickeln. Ich denke, dass das kausal zusammenhängt. Als Historiker und Stadtführer weiß ich, dass man Menschen aller Altersstufen mit Geschichte erreichen kann, wenn man es gut transportiert.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, die Burgen und -ruinen zu erhalten? Warum?

Vor den bereits genannten Hintergründen muss man ein Kulturgut einfach erhalten. Burgen haben keine wirkliche Funktion mehr. Die meisten sind nur noch Ruinen. Es ist der Gang der Dinge, dass Dinge entstehen und wieder vergehen. Als Denkmalschützer, der ich auch bin, ist es utopisch zu glauben: „Alles muss so bleiben.“ Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Auf der anderen Seite sehe ich es als unsere Aufgabe, diese wichtigen Zeugnisse zu wahren, zu schützen und vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren. Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, und zu sehen, woraus sich die Dinge entwickelt haben. Das ist eine wichtige Aufgabe für die Identität der Menschen!

Wie aktiv wird im Landkreis Regensburg Burgenforschung betrieben?

Wir haben eine gute Grundlage. Ende der 198oer-Jahre hat Dr. Boos, der heute die archäologische Abteilung im Historischen Museum der Stadt Regensburg leitet, seine Doktorarbeit „Burgen im Süden der Oberpfalz“ geschrieben. Faktisch geht es um die Burgen im Landkreis Regensburg. Er hat zum ersten Mal systematisch alle Burgen erfasst, beschrieben und den Forschungsstand festgelegt. Das ist „Bibel der Burgenforschung“ bei uns. Immer wieder gibt es Leute, die sich mit dem Thema befassen, weil Burgen schon immer faszinierend waren. Das geht vom ehrenamtlichen Laienforscher über den semiprofessionellen Forscher bis zum Profiforscher. Es kommt sogar vor, dass in einem Archiv eine Urkunde entdeckt wird und es neue Erkenntnisnisse zu einer Burg gibt.

Das Konzept

  • Der vom Burg-Kuratorium

    beauftragte Museumsfachmann Dr. Josef Paukner legte mit Kulturreferent Dr. Thomas Feuerer und dem auf Museumsgestaltung spezialisierten Atelier Hackel aus München ein erstes Grundkonzept für das Burgmuseum vor.

  • Darauf aufbauend

    werden derzeit ein wissenschaftliches Feinkonzept und die gestalterische Planung erarbeitet.

  • Die geplanten Maßnahmen

    dienen auch der touristischen Aufwertung des Burgbergs, der Burg und des Burgmuseums. Sie umfassen die Instandsetzung, Ausstattung und Einrichtung des Hollnbergerhauses, die Modernisierung der Anlagen zu Brandschutz, Überwachung und Alarmierung, die Neugestaltung der Dauerausstellung, die teilweise Umgestaltung des Burghofs und anliegender Gebäude sowie die Gestaltung des Außenbereichs am Burgberg.

Was ist Ihre Lieblingsburg?

(lacht) Ich habe viel mit zwei Burgen zu tun: Wolfsegg beruflich und aus einer persönlichen Leidenschaft heraus, weil ich dort aufgewachsen bin, die Burgruine Loch bei Eichhofen. Sie liegt am Hang auf Felsen und ist eine sogenannte „Höhlenburg“, weil die Erbauer der Burg in den Höhlen ihre Häuser errichtet haben. Das Ganze ist heute aber sehr kompliziert, weil diese Burg herrenlos ist und niemandem gehört. Daher ist es sehr schwierig, für deren Erhalt zu sorgen. Da sie ein Ort meiner Kindheit ist, ist es mir ein großes Anliegen, dass man sie wieder betreten darf, was gerade verboten ist. Dafür engagiere ich mich in einem Freundeskreis. Ein Lieblingsort hat Flair und man kann sich dorthin zurückziehen. Dazu gehört für mich die Burgruine Heilsberg bei Wiesent oder die Burgruine Forstenberg bei Karlstein.

Warum sollte man Burgen besichtigen?

Ich finde es wichtig, dass man nicht nur zu Burgen geht, sie anschaut und wieder heimgeht. Man muss auch etwas wissen. Die Burgensteige sind dafür bestens geeignet. Wenn man unterwegs ist, sieht man etwas und hat zugleich die wichtigsten Informationen jeder Burg zur Hand. Wenn man mehrere Burgen anschaut, ist das wie ein Puzzle, das sich langsam zusammensetzt und das am Ende ein immer besseres Bild ergibt. Man kann viel lernen, erleben und mitnehmen. An diesen Orten kann man mit etwas Hintergrundinformationen Geschichte hautnah erleben.

Sind die 80 Burgen bei uns in einem bestimmten Abschnitt des Mittelalters entstanden oder sowohl im Früh- und Hoch- als auch im Spätmittelalter?

Das geht quer durch die Bank. An unserer Burgenlandschaft kann man die verschiedenen Burgentypen sehen, weil es nicht „die“ Burg gibt. Es gibt beispielsweise die klassische Höhenburg, die auf einem Berg steht. Dann gibt es aber auch Niederungsburgen wie in Alteglofsheim, die einen Wassergraben hatten. Auch die Auburg, von der kaum mehr etwas erhalten ist, war so eine Burgart. Es gibt verschiedene Burgtypen, die auch im Lauf der Zeit gewechselt haben: Eine Burg des 9. Jahrhunderts hat ganz anders ausgeschaut wie eine Burg des 15. Jahrhunderts. Bei uns findet man sowohl alle verschiedenen Typen als auch die unterschiedlichen Zeitschienen. Das kann man auf den Burgensteigen erleben. In Wolfsegg wollen wir künftig diese heterogene Burgenlandschaft an ausgewählten Typen vorzustellen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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