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Kultur
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Hiphop

Ghettogöre und Glamour-Girl

Die Hamburger Rapperin Haiyti verpasst dem Deutsch-Rap mit ihrem Debütalbum „Montenegro Zero“ eine Frischzellenkur.
Von Fred Filkorn

Haiyti inszeniert sich und den Glamour – und seine Abgründe. Foto: Tim Brüning für Vertigo/Universal

Hamburg.Bis vor kurzem noch war Ronja Zschoche alias Haiyti ein Geheimtipp im deutschen Trap-Underground. Trap ist eine Spielart des amerikanischen Gangsta-Rap, der aus sozial abgehängten Südstaaten-Ghettos kommt und sich durch schleppende Beats, ultratiefe Basslines und einer düsteren Grundstimmung auszeichnet. Schnell produziert, ohne große technische Raffinessen, lebt im Trap eine Do-it-yourself-Haltung fort, die auch Haiytis anfängliche Produktionsweise charakterisierte.

Ihre im Netz zirkulierenden Mixtapes fanden schnell eine große Anhängerschaft, die kostenlosen Zusammenstellungen hievten die junge Hamburgerin auf Cover und Jahresbestenlisten deutscher Hiphop-Magazine. Selbst „Die Zeit“, das Flaggschiff des deutschen Bildungsbürgertums, befand: „Eine Pop-Revolution bahnt sich an.“

Fix erkannte auch eine große deutsche Plattenfirma Haiytis Potenzial und nahm sie unter Vertrag. Unter der Ägide der Berliner Beatbastler KitschKrieg, die schon für Trettmann und Beginner arbeiteten, entstand jetzt ihr offizielles Debütalbum „Montenegro Zero“. Thematisch bleibt sie in den zwölf Stücken ihrem Mix aus rauer Sozialkritik und hedonistischem Luxusschwelgen treu, musikalisch geht sie hier neue Wege.

Haiytis Debütalbum „Montenegro Zero“ ist für ca. 12 Euro bei Vertigo/Universal erschienen. Coverfoto: Vertigo/Universal

Neben den altbewährten Trap-Elementen finden sich Einflüsse aus Dancehall, House und den vielfältigen Formen der britischen Bass Music. Auf der Party-Absturz-Hymne „Berghain“ zieht sie vor den NDW-Helden DAF ihren Hut, „American Dream“ evoziert gar Blues-Gefühle. Ihre ausgefuchsten, metaphorischen Texte trägt Haiyti in einem eindringlichen Sprechgesang vor, der selige Punk-Zeiten in Erinnerung ruft. Das Autotuning der Stimme kann bisweilen etwas nerven, die vocoderartige Verzerrung ist aber derzeit nun einmal groß in Mode.

Drogen, Alkohol, Zigaretten, Spaß auf der Überholspur – und die große Leere danach.

Ähnlich wandlungsreich wie ihre Musik ist auch das Auftreten Haiytis in ihren zahlreichen Musikvideos. Die neuesten davon zu ihrem Albumdebüt sind bei Youtube zu besichtigen. Eben noch die streetwise Ghettogöre aus dem Hamburger Glasscherbenviertel Langenhorn, mimt sie im nächsten Moment das luxusliebende Material Girl, das eine Millionen-Jacht in Beschlag nimmt. Da, wo andere nur die Verlockungen eines oberflächlichen Lebens zelebrieren, dekonstruiert sie diese jedoch in ihrer Seifenblasenhaftigkeit.

Raue Sozialkritik und hedonistisches Luxusschwelgen sind für Haiyti zwei Seiten einer Medaille. Foto: Tim Brüning für Vertigo/Universal

Der glamouröse Schein wird lustvoll inszeniert, das Sein immer wieder auf seine Abgründe zurückgeführt: Drogen, Alkohol, Zigaretten, Spaß auf der Überholspur – und die große Leere danach. Auf der melancholischen Cloudrap-Ballade „Haubi“ erinnert sie sich an diejenigen, die es nicht geschafft haben: „Das Leben um den Hauptbahnhof…“.

Dass Haiyti bei aller Wandlungsfähigkeit auch noch Kunst studiert, überrascht nur wenig. Was an der Graffitiwand begann, setzt sie an der Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg in Plastiken und auf Leinwänden fort. Der Künstler und bekennende Verächter des kommerziellen Kunstbetriebs Anselm Reyle zählt zu ihren Förderern.

Ronja Zschoche alias Haiyti

  • Ronja Zschoche

    wuchs in Hamburg Langenhorn und St. Pauli, wo sie heute auch lebt, in einfachen Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Ihr Vater stammt aus Kroatien. Bereits als Jugendliche war sie in der Hiphop-Szene unterwegs. Sie nannte sich Miami, Robbery oder Ovadoze, bevor sie den Namen Haiyti wählte.

  • Montenegro Zero

    ist für ca. 12 Euro bei Vertigo/Universal erschienen. Ab 23. Februar geht Haiyti auf Tour , dabei gastiert sie am 9. März im Hansa 39 (Feierwerk) in München.

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