mz_logo

Kultur
Mittwoch, 22. November 2017 7

Lesung

Grandios inszeniertes Gruseln

Matthias Brandt und Jens Thomas bringen im Regensburger Theater „Psycho“ auf die Bühne: 90 Minuten Horror vom Feinsten.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Matthias Brandt (links) und Jens Thomas inszenierten in Regensburg „Psycho“: grandioser Horror. Foto: Mathias Botor
  • Matthias Brandt switcht geschmeidig in die Persönlichkeitsfacetten des schizophrenen Killers. Foto: Bernhard Zellner

Regensburg.Matthias Brandt deckt als Fernsehkommissar in „Polizeiruf 110“ die dunklen Motive der Täter auf, feinsinnig, heiter und lakonisch, etwas verloren und grundsätzlich resigniert.

In „Raumpatrouille“, seinem ersten und fabelhaften Buch (2016), blickt der Schauspieler auf die Kindheit eines Jungen, der als Sohn des Kanzlers im verschlafenen Bonn seine Berufung sucht. Als Apollo-Astronaut etwa, in einem Silber-Anzug, für den er verbotenerweise 20 Mark Schulgeld ausgibt. Ein siebenjähriger, ernst zu nehmender junger Mann, der sich zum Mond aufmacht, kann schließlich die Zukunft der Welt nicht der mangelnden Weitsicht seiner Mutter opfern.

Im Theater am Bismarckplatz ist Matthias Brandt am Samstag in literarischer Mission zu erleben, als irrer Killer Norman Bates aus „Psycho“. Mit dem Pianisten und Sänger Jens Thomas inszeniert er den Stoff von Robert Bloch, aus dem Alfred Hitchcock 1960 die Mutter aller Psychothriller machte, im Zentrum: die berühmteste Duschszene der Welt. Der Film „Psycho“ verzichtet auf brutale Bilder. Das Grauen spielt sich in den Köpfen ab. Brandt und Thomas brauchen dazu nicht einmal einen Film. Sie zeigen, welche Illusionskunst möglich ist, wenn ein guter Schauspieler und ein guter Musiker einen Abend gestalten. Dabei merkt man den beiden Freunden durchaus an, mit welcher Lust sie bei der Sache sind. Am Rand der Lesung, in kleinen Gesten, schimmert er wieder durch, der leise Humor, auf den man auch in „Raumpatrouille“ trifft.

Der Pianist singt, schreit, stöhnt und raunzt

Die Bühne ist dunkel. Nur der Flügel ist funzlig beleuchtet. Jens Thomas greift in die Tasten. Er spielt, singt, schreit, stöhnt, schlürft, raunzt und jault, eine göttliche Heulboje, die sämtliche Laute drauf hat: Glassplittern, Opernarie, Seehund, Kate Bush und Tom Waits. Manchmal beugt er sich in den Bauch des Flügels, brummt hinein und provoziert ein düsteres Echo. Und oft schickt er herausfordernde Blicke ins Publikum und zitiert das Voyeur-Motiv aus Buch und Film.

Raunt, singt, jault: Jazzpianist und Sänger Jens Thomas auf der Bühne des Theaters am Bismarckplatz Foto: Bernhard Zellner

Matthias Brandt wird anfangs vom Schwarz der Bühne verschluckt. Er schildert einen Regenabend in dem Motel, das Norman Bates mit der Mumie seiner Mutter bewohnt. Erst als Bates im Buch das Licht anknipst, leuchtet auch der Spot auf der Bühne. So geht es die ganze Lesung über: Bates schlürft Whiskey, Brandt nimmt einen Schluck Wasser. Romanfigur und Bühnengestalt verschmelzen – während die Persönlichkeit des schizophrenen Killers zersplittert. Brandt verwandelt sich in den pummeligen Psychopathen und switcht geschmeidig vom weinerlichen Jungen zum eiskalten Rächer und weiter, mit Kopfstimme, zur Mutter. „Mein Kleiner“, sagt Norma Bates teuflisch-sanft, und schickt ein irres, hechelndes Kichern hinterher.

Die Duschszene wird gleich zwei Mal eingebaut. Norman Bates nähert sich dem Vorhang. Brandt kostet eine lange Pause aus; im Saal ist es so still, dass man beinahe hört, wie sich die Unterarm-Härchen aufrichten. Dann ein markerschütternder Schrei, dem Jens Thomas einen Schwall Blut auf den Tasten folgen lässt. Die Zuschauer sind geschockt und erschöpft. Einige werden in nächster Zeit nicht ganz so unbefangen duschen wie sonst.

Hier geht es zur Kultur.


Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht