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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Große Kunst im Kleinen

„Der kleine Häwelmann“ im Puppentheater „Pupille Schief“ im Andreasstadel
Von Juan Martin Koch, MZ

Gundula Zientek haucht ihrem kleinen Häwelmann an einem Stab im Rücken Leben ein.Foto: Koch

Regensburg.Nachtblaues Licht über der Bühne. Ein windschiefes Fenster, eine wacklige Kommode, ein notdürftig zusammengezimmertes Bett. Es ist keine Märchenidylle, die Gundula Zientek auf ihre Bühne im Andreasstadel stellt. Und das Männlein, das sie aus dem Bettchen hervorholt, ist nicht der pausbäckige Wonneproppen aus dem berühmten Kinderbuch von 1926, sondern ein hageres Bürschchen. Seine Augenringe deuten an, das dies nicht die erste Nacht ist, die er sich (und seiner Mutter) um die Ohren schlägt, weil er nicht genug kriegen kann vom praktischen Nutzwert des Rollenbetts. Häwelmann – das heißt im Norddeutschen, wo Theodor Storms Märchen von 1849 weit verbreitet ist, so viel wie Nervensäge, und ein wenig scheint in dieser Geschichte auch der didaktische Zeigefinger des 19. Jahrhunderts durch: Wer immer nur „mehr, mehr“ will, wird auf die Nase fallen. Nichts davon in Gudula Zienteks Version. Der poetische Zauber, der in Gestalt des Mondes über der Szenerie liegt, führt die Geschichte auf eine Ebene jenseits des Pädagogischen und des Nostalgischen.

Auch geht es nicht um Illusionstheater: So wie wir die Puppenspielerin sehen, wie sie dem Häwelmann an einem Stab im Rücken Leben einhaucht, so erleben wir auch die Szenenwechsel als Teil des Kunstwerks: Das Fenster faltet sich zur Häuserzeile, die Kommode zum Kirchturm auf; aus zwei löchrigen Seidenstrümpfen werden kahle Baumstämme und mit einer Hand verzerren sich die Nylongesichtszüge des Mondes zu köstlichen Grimassen.

Bis auf kleine Erweiterungen in den Szenen mit Hahn und Katze hören wir Storms Original, dessen Sprache Gudula Zientek (wie in ihren wunderbaren Umsetzungen Grimm"scher Märchen) mit Sorgfalt und einer leichten historischen Distanz sehr musikalisch artikuliert.

Als Glücksfall erweist sich außerdem die Zusammenarbeit mit dem Duo Parkdeck: Alois Späth hat zusammen mit seiner Berliner „Sound Studies“-Kollegin Jana Sotzko als Gast einen Soundtrack von unaufdringlicher Präsenz gebastelt. Andeutungen naturalistischer Klänge (das Knarzen des Bettes, das Krähen des Hahns), mehrstimmige Vokalanteile und ein elektronisches Klangband tauchen – von einem kleinen Häwelmann-Motiv durchzogen – diese Reise durch die Nacht in eine allmählich aus der Zeit fallende Stimmung, die lange nachhallt. Große Kunst im Kleinen.

Die nächsten Vorstellungen sind am Sa., 28.November, So., 6.Dezember, und Sa., 12.Dezember, 11 und 14 Uhr, Andreasstadel, Andreasstraße 28

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