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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Ausstellung

Grotesk aufgeblähte Augen-Münder

Der einstige Graffitisprayer Sigurd Roscher stellt zum Jahresthema „Müßiggang“ in der Regensburger Sigismundkapelle aus.
Von Michael Scheiner, MZ

Augen, die dem Besucher auf Schritt und Tritt folgen Foto: Scheiner

Regensburg.Augen, die einen auf Schritt und Tritt verfolgen. Münder, die sich anpreisen und zu verlocken scheinen. Und dann Nasen. Sie verweigern sich. Hängen wie abgenagte Knochen nebeneinander, gruppieren sich zu Strichlisten. Oder sammeln sich zusammen mit den anderen Gesichtsöffnungen auf pink gestreiften Fahnen zu „Kunst, aufgeräumt“.

Wie aus einem Beiblatt zu erfahren ist, sind es operierte Nasen, die Sigurd Roscher bei seinem abendlichen Müßiggang auf Instagram gefunden hat. Aufgespritzte Lippen und Augen mit gelifteten Lidern und anderen Körperkorrekturen. Selbstpräsentation auf dem endlosen Laufsteg des Internets als selbstoptimiertes Produkt, zum Schutz vor der Unsichtbarkeit. Roscher hat aus diesen und weiteren Zutaten seine Ausstellung „the holy book of pink“ zum Jahresthema „Müßiggang“ geformt.

In der Sigismundkapelle blähen sich auf einem großformatigen Bild über einem aufgerissenen Mund zwei Nasenlöcher wie abgründige Löcher. Ein gieriges, ein quasi pornografisches und beinahe anstößiges Motiv zwischen Schrecken und Jux. Denn von unten fährt ein pinkfarbenes Eis am Stiel wie ein böser Finger auf den Schlund zu.

Der einstige Graffitisprayer und heutige Grafikdesigner ist geläutert. Roscher hat sich schon seit geraumer Zeit von nächtlichen, illegalen Sprayaktionen dem seriösen Künstlertum, der Malerei zugewandt. Seine Motive allerdings, dekorativ-serielle Kringel und Muster, Farbauftrag mit Sprühdosen und schnellen, fetten Pinselstrichen und die Bildkompositionen sprechen nach wie vor den Dialekt der Straßenkunst, des Hip-Hop und der Coolness. Da formen sich Augen und Münder zu bedrohlich-komischen Kreaturen, Monstern gleich, welche die nächtlichen Albträume bevölkern.

Formen und Ausdrucksweisen der Comic- und Popwelt wuchern bis an die Grenze des Splattergenres aus sich überlagernden Schichten und erzeugen ein zwiespältiges Echo. Die durchaus düstere Bilderwelt Roschers, festgehalten auf zusammengenähten Bettlaken und Tischtüchern, scheint ständig ins Lächerliche zu kippen. Grotesk aufgebläht und von Schlieren tropfend, sitzen spöttische Lust und schmutzige Fantasie einträchtig in den Augen- und Mundwinkeln und grinsen sich eins über Betrachter, die diese aufgedonnerte Welt allzu ernst nehmen wollen.

Bei der Eröffnung trieb Roscher den Spaß – am Leben, wie in der Kunst – mit zwei Kumpanen auf die Spitze. In Fantasiekostümen inszenierte er sich in einer possenhaft-burlesken Performance am „Altar des Rausches“ als Dreifaltigkeit aus Priester-Schamane, nörgelnder Zweifler und geckernder Widerborst. Drei Facetten des Sigurd Roscher mit Kutten, Vogelkopf und 80er-Vocoder-Stimmen – ein höchst vergnüglicher Spaß mit einer Gliederpuppe als Tabledancerin, die am Kreuz hängt.

Die Ausstellung „the holy book of pink“ ist noch bis 2. Dezember zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 17 bis 19 Uhr, und Samstag, 11 bis 16 Uhr, sowie nach Vereinbarung.

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