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Kultur
Freitag, 28. Juli 2017 25° 2

Regensburg.

Hab und Gut in der Ordnungszellenkompresse

Heute wird das ambitionierte Projekt „Go East“ eröffnet, das die Ostengasse in völlig neuem Licht zeigt

Veronika Schneiders Skulptur „Hab und Gut“ Foto: Sendtner

Von Florian Sendtner, MZ

„Mir ist so kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säue“ – Niemand hat dieses Zitat aus dem „Faust“ so schön ins Bild gesetzt wie der 2005 verewigte Zeichner F.K. Waechter: Schweine, die kreuz und quer übereinanderliegen, man hört sie direkt selig grunzen. Doch schon steht der Bauer vor ihnen und schnauzt sie an: „Was ist denn das hier für ein Sauhaufen?“ Im zweiten Bild stehen die Schweine stramm und salutieren in Reih und Glied, und der Bauer knurrt: „Na also!“

Die wunderbare Waechter-Zeichnung ist jetzt in der Regensburger Ostengasse als Skulptur zu sehen, allerdings nicht mit Schweinen, sondern mit den Relikten einer Hausbesetzung, die hier, in dem Haus Ecke Trunzergasse, einmal stattgefunden haben muss. Noch vor ein paar Wochen bot sich hier ein Bild, als wären die jugendlichen Punks nur mal eben einkaufen gegangen: Nachtlager und „Bar“, Rio-Reiser-Sprüche an der Wand, tausend intime Habseligkeiten über den Boden verstreut, ein Abschiedsbrief eines Mädchens an ihren Freund, daneben das einzige Indiz, dass das alles doch schon ein bisschen länger hersein musste: eine tote Maus.

Punker-Inszenierung ohne Absicht

Als die für das Kunstprojekt „Go East!“ engagierten Künstler nach Ostern das alte Apothekenhaus besichtigten, fanden sie bereits eine Kunstinstallation vor, die auf den ersten Blick nicht zu überbieten schien: Nicht nur der Regensburger Florian Toperngpong meinte, eigentlich müsste man diese unbeabsichtigte Punker-Inszenierung genau so lassen, wie sie war. Auf Schritt und Tritt erzählte sie Geschichten: Vom ewigen Konflikt der anarchischen Jugend mit der behäbigen, ordnungsliebenden Elterngeneration, vom Löcken der wohnsitzlosen Taugenichtse wider den Stachel der Strebsamen und Erwerbsamen.

„Bayerische Ordnungszelle“

Doch Veronika Schneider aus Halle an der Saale hatte eine viel bessere Idee: Die 28-jährige Künstlerin sammelte das „Hab und Gut“ (so der Titel ihrer Skulptur) ein, sortierte alles sorgfältig und schlichtete es an einer Wand wieder auf – so gnadenlos ordentlich komprimiert und zusammengestaucht, dass die bürgerliche Angst vor dem „Chaos“ der Punks ein für alle Mal gebannt zu sein scheint.

Es ist, als seien die Sachen der jungen Leute fein säuberlich sortiert und geordnet worden und gleichzeitig durch die Müllkompresse gegangen. Eine späte, sarkastisch-kongeniale Variation der berühmten Zeichnung von George Grosz: „Bayerische Ordnungszelle“, die brutalstmögliche Zwangsbehandlung, als wär’s ein Stück von Roland Koch.

Veronika Schneider ist mit ihrer Skulptur mitten drin im Thema des Kunstprojekts „Go East“, das heute um 19 Uhr auf dem Vorplatz des Klosters St. Klara mit Musik aus Prag eröffnet wird: Die drei Regensburger Künstlerinnen Marie Entrup-Randl, Christina Flachs-Radlmeier und Renate Haimerl Brosch haben ein gewaltiges, ausgesprochen phantasievolles Programm auf die Beine gestellt, das all die leerstehenden Läden und Häuser der Ostengasse nicht als Peinlichkeit nimmt, über die man besser hinwegsieht, sondern als sich geradezu aufdrängende Möglichkeit.

35 (!) Künstler haben sie engagiert, ein paar aus Regensburg, die meisten aus dem „Osten“ im weitesten Sinn: von Halle an der Saale über Tschechien, Polen und Bulgarien bis aus der Ukraine. Ex oriente lux: Aus der Ostengasse, die so mancher Saubermann und Städtebegradiger wohl als „Schandfleck“ ansieht, strahlt der ach so stolzen Weltpapstkulturerbehauptstadt das strahlend helle Licht künstlerischer Lebendigkeit entgegen. Ein opulentes Bankett aus (Video-)Installationen, Ausstellungen, Lesungen, Performances, Konzerten und Filmen quer durch die ganze Ostengasse, vor allem im Gebäude der einstigen Apotheke und im Kloster St. Klara, das bis zum 8. Juni dauert.

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