mz_logo

Kultur
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 4

NEUERSCHEINUNGEN

Hinter den Fassaden der Metropolen

Der Verlag Friedrich Pustet trägt mit seiner Geschichtsreihe über europäische Hauptstädte zum kultivierten Reisen bei – jetzt nach Wien und Prag.
Von Harald Raab. MZ

  • Wer Prag richtig sehen will, muss seine Geschichte kennen. Foto: dpa

Wir reisen heute so gedankenlos und flüchtigen Sinnes, wie wir durch die Fernsehprogramme zappen oder im Internet surfen. Wenig bleibt haften. Reisen dieser Art bildet nicht mehr und kann bestenfalls zerstreuen – wenn überhaupt. Weniger wäre mehr. Das dann aber unbedingt vorbereitet. Speziell Städte erschließen sich nur denen, die sich vorher über die historische Entwicklung, die Einflüsse der Wirtschaft und der Politik informiert haben. Sonst bewegen wir uns in oft prächtigen Kulissen. Das Stück, das hier gespielt wird, bleibt uns aber für immer fremd.

Kompaktes Basiswissen

Reiseführer allein helfen selten weiter. Sie entarten sowieso immer mehr zu bunten Werbebotschaften, Event-Fahrpläne mit schwindendem Informationsgehalt. Der Regensburger Traditionsverlag Friedrich Pustet verschafft mit seiner Reihe „Kleine Geschichte…“ großer Städte Abhilfe.

Man muss nicht dicke Bücher wälzen und auf zeitraubende Internet-Recherche gehen. Auf 150 bis 190 Seiten kann man sich ein Basiswissen über europäische Metropolen wie Istanbul, Stockholm, Amsterdam, Kopenhagen oder St. Petersburg aneignen. Zwei europäische Hauptstädte sind jetzt hinzugekommen, eine „Kleine Geschichte Wiens“ und eine „Kleine Geschichte Prags“.

Wien: Wer glaubt nicht die Donau-Metropole mit k.u.k.-Flair zu kennen? Wiener Walzerseligkeit, Sissi, Kaiser Franz Joseph, Schloss Schönbrunn, der Stephansdom, Burgtheater, Hotel Sacher und Staatsoper, Heuriger und Kaiserschmarrn.

Fakten und Geschichten

Aber wie wurde, was ist? Welchen gesellschaftspolitischen Hintergrund haben die Prachtbauten? Architektur als Ausdruck von herrschenden Verhältnissen. Welche wechselnden Verhältnisse haben den Volkscharakter ausgebildet? Denn in allen Epochen bestimmt schließlich das Sein das Bewusstsein.

Anna Ehrlich, Historikerin und Autorin zahlreicher Bücher über Wien und die Wiener, führt nüchtern, aber nicht schulmeisterlich durch die an Glanz, aber auch an Elend reiche Stadtgeschichte. Das große, etwas tragische und immer noch aufregende Bild vom Aufstieg und Fall einer Metropole entsteht so, die sich selbst und ihre Vergangenheit feiert. Alles manifestiert sich bekanntlich zweimal, erst als Tragödie und dann als Farce. Wien ein Denkmal seiner selbst, als Erlebnispark in Sachen Historie und Lebensart.

Es sind längst nicht nur die Habsburger, die Wien, ihrer Residenzstadt, ihren ganz speziell harten und prunksüchtigen Stempel aufgedrückt haben. Das Wien der Umwälzungen nach dem 1. Weltkrieg, Hort der Moderne und des Rassismus. Die Kämpfe der Arbeiterschaft und der Reaktion und schließlich der Nationalsozialismus mit dem erzwungenen Anschluss, der 2. Weltkrieg, die Besatzungszeit nach 1945 und die Integrationsprobleme von heute: All das scheint als Facetten in Anna Ehrlichs Charakterbild Wiens auf, reichlich gespickt mit harten Fakten, aber auch mit sinnenfrohen Geschichten.

Unterdrückung und Aufbegehren

Mit der „Kleine Geschichte Prags“ gelingt dem Historiker Tobias Weger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, die tausendjährige Existenz der tschechischen Hauptstadt an der Moldau im tragischen, nicht selten blutigen Wechselspiel der politischen Mächte verständlich zu machen:

Im 14. Jahrhundert die segensreiche Herrschaft Kaiser Karl IV., der sich Prag zu seiner Residenzstadt erkoren und sie entsprechend ausgestaltet hat. Prag als Zentrum des hussitischen Aufstands. Das Königreich Böhmen und Prag als Beute der Habsburger. Die Unterdrückung des tschechischen Elements. Die Wiedergeburt des tschechischen Nationalbewusstseins im 18. Jahrhundert. Die Gründung der Tschechoslowakei nach dem 1. Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie. Die tragische Rolle der Sudetendeutschen, die lieber in der Hitlerdiktatur als in einer tschechoslowakischen Demokratie leben wollten. Ihre Vertreibung. Die kommunistische Herrschaft und schließlich die samtene Revolution 1989.

Prag in Vergangenheit und Gegenwart ist der Inbegriff mitteleuropäischer Stadtkultur – in ihrer Tragik und ihrer Größe. Besonders Prag ist eine Stadt, die man ohne geschichtliche Kenntnisse nie und nimmer verstehen wird.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht