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Kultur
Mittwoch, 7. Dezember 2016 12

Kunst

Hélène de Beauvoirs letzte Geheimnisse

Die französische Künstlerin hat viel hinterlassen. Galerist Ludwig Hammer verfügt seit Kurzem über einen Schatz, den er mit der Staatlichen Bibliothek teilt.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Buch-Illustration (Holzschnitt) von Hélène de Beauvoir. Für welches Buch die französische Künstlerin dieses Kunstwerk schuf, muss erst noch herausgefunden werden. Foto: Galerie Hammer
  • Vier große Kisten voller Briefe, Skizzenbücher, Fotos, Kataloge und Dokumente erhielt Ludwig Hammer von dem Neffen der Künstlerin. Fotos: sw
  • Hélène de Beauvoir Foto: Hammer
  • Galerist Ludwig Hammer mit einem der Skizzenbücher, die er in diesem Winter aus dem Elsass erhalten hat.

Regensburg. Die unscheinbare Galerie in der Unteren Bachgasse 6, im Hinterhof, einem Durchgang zur Gasse Vor der Grieb, kennen außer den Kunstinteressierten und Ureinwohnern Regensburgs nur wenige. Und dennoch hat diese Galerie eine Bedeutung, die weit über die Grenzen der Stadt hinausgeht, und die dem Galeristen Ludwig Hammer immer wieder eine Erwähnung in überregionalen Medien einbringt: vom Spiegel über die FAZ bis zur Süddeutschen Zeitung. Die Galerie ist das Herzstück, Kontaktbörse und Kompetenzzentrum in Sachen Hélène de Beauvoir.

Ludwig Hammer war der französischen Künstlerin 1970 auf einer Schiffsüberfahrt von Yokohama nach Kabarowsk in Russland begegnet, und hatte offensichtlich Eindruck gemacht. Denn von jenem Zeitpunkt an waren der damals noch in Weiden lebende Galerist und die Malerin befreundet, schrieben und besuchten sich. Hammer war gerne Gast auf diversen Ausstellungen von de Beauvoir in Frankreich und holte die Künstlerin auch für ihre erste ostbayerische Ausstellung nach Weiden und nach seinem Umzug immer wieder nach Regensburg.

Erste Wahl aus ihrem Werk

Als die kleine Schwester der bekannten Schriftstellerin Simone de Beauvoir 2001 starb, hatte sie Ludwig Hammer postum die erste Wahl aus ihrem künstlerischen Lebenswerk überlassen. Mehrere Male war Hammer in de Beauvoirs Haus in Goxwiller im Elsass, sichtete den Nachlass, brachte Werke mit nach Deutschland und unterstützte Ausstellungen mit Leihgaben. 2010 organisierte er eine große Retrospektive in Regensburg anlässlich de Beauvoirs 100. Geburtstag.

Vor einigen Wochen war er auf Einladung des Neffen und Erben von Hélène de Beauvoir erneut in Goxwiller und erhielt vier große Kartons vollgestopft mit Dokumenten unterschiedlichster Art. „Es ist ein unermesslicher Schatz“, freut sich Ludwig Hammer. Seine ganze Galerie ist derzeit über zwei Stockwerke Hélène der Beauvoir gewidmet. Malerei aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden und einige Grafiken sind noch bis Mitte März ausgestellt. Dazu sind Fotografien zu sehen: von Simone und Hélène de Beauvoir und der Ministerin Yvonne Roudette bei der Eröffnung von Hélènes Ausstellung im Ministerium der Frauen in Paris 1986 zum Beispiel. Und die Titelseite vom 14.2.1951 von „France-Soir“, auf der ein Foto der Schwestern mit ihrem Freund, dem Philosophen Jean-Paul Sartre, abgedruckt ist.

Auch dieses Titelblatt war Teil der jüngsten Funde. Hammer zieht mit wachsender Begeisterung Blätter über Blätter aus Kartons. Vergilbte Briefe, Zeitdokumente, Kataloge, Programmzettel, Fotografien, allein 40 Skizzenbücher aus de Beauvoirs Jugend und Zeit als junge Frau. Die ersten Zeichnungen darin entstanden, als Hélène noch nicht einmal 15 Jahre alt war. Eine hübsche Zeichnung aus dem Jahr 1925 zeigt das Wohnhaus des Landguts Meyrignac, das Elternhaus ihres Vaters Georges de Beauvoirs. Deutlich ist ein lesendes Mädchen, vermutlich Simone, im Obergeschoss am Fenster zu sehen.

Auch die Geburtsurkunde der Zweitgeborenen fand Hammer in diesen Kartons: Sie bescheinigt die Geburt des kleinen Mädchens Henriette Hélène Marie, Tochter des Anwalts Georges Charles Joseph Bertrand de Beauvoir und von Françoise Marie Thérèse Lucie Brasseur, „sans profession“ für – den 9. Juni 1910.

Einige Überraschungen

Eine Sensation. Denn bisher war der 6. Juni als Geburtsdatum überliefert. Ausgestellt wurde die Urkunde allerdings erst Wochen nach Hélènes Geburt, am 29.Juli. Überraschungen wie diese werden noch viele zu entdecken sein, wenn sich Kunsthistoriker und de-Beauvoir-Freunde auf Hammers Schätze stürzen. Damit von den Dokumenten nichts verschwindet und auch ausgewertet werden kann – „Man hat ja wirklich Angst, dass das komplett zerbröselt“, sagt Hammer und fährt vorsichtig über dünnstes bedrucktes Japanpapier – hat er nun einen Teil des Nachlasses an die Staatliche Bibliothek Regensburg gegeben. Persönliche Unterlagen aus der Familie de Beauvoir sind ebenso darunter wie Fotografie, Einladungskarten, Titelblätter und Kopien bzw. Zweitdrucke von Buchillustrationen.

Auch 50 Briefe aus seinem eigenen Briefwechsel mit der Künstlerin hat Hammer der Staatlichen Bibliothek überlassen. Auch jenes Schreiben von Hélène an den Galeristen vom 8. Mai 1980, in dem sie nach dem Tod Sartres ihrer Sorge um ihre Schwester Simone Ausdruck verleiht. „Jetzt ist sie außer Lebensgefahr und hat das Krankenhaus verlassen“, schreibt die Malerin. „Lionel und ich sind nun wieder nach Goxwiller zurückgekehrt. Wir hoffen Dich dort dieses Jahr zu sehen. Alles Liebe H. de Beauvoir“

„Wir freuen uns außerordentlich, dass Herr Hammer sich entschlossen hat, diese wichtigen Dokumente zur dauerhaften Bewahrung in die Staatliche Bibliothek zu geben,“ äußerte sich Bibliotheksleiter Bernhard Lübbers.

Der Gefährliche Griff

Der Nachlass enthält zahlreiche Buchillustrationen aus den frühen 30er Jahren, die teils einem literarischen Werk zugeschrieben werden können, wie Colettes „Friede bei den Tieren“ und Büchern von Jean Giraudoux und Oscar Wilde. „Das sind Raritäten“, sagt Hammer. Auch Bücher ihrer Schwester hat sie in den 50er Jahren illustriert. Bei manchen künstlerischen Arbeiten muss allerdings erst noch herausgefunden werden, auf welches Buch sie sich bezogen, so bei dem Holzschnitt einer Frau und eines Mannes, dessen Umarmung ebenso leidenschaftlich wie gefährlich wirkt.

Der Fund gerade der frühen Skizzenbücher wird helfen, dem Werk der Künstlerin, die immer ein wenig im Schatten ihrer berühmten Schwester stand, letzte Geheimnisse zu entlocken und ihre Persönlichkeit, ihr Talent und ihre Bedeutung ins rechte Licht zu setzen. Die stilistisch vielseitige Malerin, die von Picasso für ihre orginelle und eigenständige Kunst gelobt wurde, und die in Ausstellungen rund um den Globus von Tokio bis New York vertreten war, war einige Jahre fast vergessen. Hammer arbeitet emsig daran –auch mit Hilfe seiner neuesten Schätze –, dass Hélène de Beauvoir als das wahrgenommen wird, was sie war: ein einzigartiger Mensch und eine große Künstlerin.

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