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Kultur
Freitag, 30. September 2016 24° 1

Festival

Höllenspektakel aus Licht und Jazz

Französische Bands prägten die Jazzwoche Burghausen. Ein avantgardistisches Klanggewitter entfachte Guillaume Perret.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Eine wahrhaft epische Show: Saxofonist Guillaume Perret von Guillaume Perret & The Electric Epic Foto: Michael Scheiner
  • Terri Lyne Carrington saß bei den Franco Ambrosetti Allstars an den Drums. Foto: Michael Scheiner

Burghausen.Noch nie gab es so viele französische Musiker bei der Internationalen Jazzwoche in Burghausen: Moderator Joe Viera schien vom seinem Befund selbst verblüfft, als er das junge Brass-Kollektiv Les Lapins Superstars ankündete. Ist bei den Festivalmachern von der IG Jazz erst nach 47 Jahren – solange gibt es das renommierte Festival bereits – der Gedanke von der deutsch-französischen Freundschaft angekommen? Vermutlich ist es anders: Burghausen stand bei Jazzfans und -konsumenten immer für den amerikanischen Jazz. Daran änderten auch die europäischen Einsprengsel wenig, die jedes Jahr im Programm eine Rolle spielen. Zufall oder Sparzwang, weil große amerikanische Musiker meist teurer sind – heuer war alles anders.

Extravaganz aus Annecy

Den letzten Auftritt auf großer Bühne bestritt heuer Guillaume Perret & The Electric Epic, musikalisch das extremste Ensemble der diesjährigen Jazzwoche. Der Saxofonist Perret aus dem ostfranzösischen Annecy inszenierte mit dichten Nebelschwaden, blitzenden Lichtbatterien, von unten strahlenden Scheinwerfern und mächtigem Sound ein Höllenspektakel. Nach einem extravaganten Auftakt im Duo mit Schlagzeuger Yoann Serra, bei dem lediglich ein rötlicher Feuerschein auf der völlig dunklen Bühne herumgeisterte, entfachten die „elektrisch Epischen“ ein tobendes Klanggewitter aus rockigem Metal, düsterem Ambient und heiserem Nujazz.

Avantgarde aus Frankreich: Guillaume Perrault

Der Lärm, den die vier Musiker mit ihren Instrumenten und elektronischen Effekten entfachten, entwickelte auf die Zuhörer, die nicht die Flucht ergriffen hatten, einen unwiderstehlichen Sog. Inspiriert vom Industrial der 70er und 80er Jahre und den kryptisch-eruptiven Klanggemälden Christian Vanders und seiner Kult-Band Magma entwickelte Perret einen bombastischen, mythisch aufgeladenen Sound. Vielfach durch Filter und Effekte abgewandelt, setzt er seine melodische Linien und impressionistischen Farbtupfer da hinein. Zwischen endlos repetierten wuchtigen Riffs der beiden Gitarristen Laurent David (e-bass) und Nenad Gajin gewannen diese eindringlichen Improvisationen, vom flackernden Feuerlicht aus dem Schalltrichter des Saxofons illuminiert, die Anmutung einer quasi-religiösen Anrufung.

Opernhafte Attitüde

Davon war das – auch europäische, aber aus der Schweiz kommende – Sextett Hildegard lernt Fliegen um den Sänger-Vokalisten Andreas Schaerer weit entfernt. Hibbelig wie bei seinem ersten Auftritt beim Jazzclub vor einigen Jahren, erzählte Schaerer den zunehmend begeisterten Zuhörern im Stadtsaal skurrile Stories von Zeitreisen, „echten und unechten Verschwörungstheorien – darum dreht sich heute unser Programm“.

Andreas Schaerer (voc) von „Hildegard lernt Fliegen“

Bei seinen Kompositionen geht Schaerer ganz undogmatisch vor. Vom schwül-ironischen Blues über vertrackte harmonische und rhythmische Verschachtelungen bis hin zur opernhaften Attitüde nutzt er pragmatisch moderne und herkömmliche Formen und Stilmittel. Die Instrumentalisten kommen ausführlich in langen Improvisationen oder schrägen Reibungen zu Wort. Dabei verliert sich die Band nie in ermüdenden Reihungen von einem Solo zum anderen.

Im Zentrum aber steht, besser: grummelt, heult, knirscht, zickt und jodelt singend die Stimme des Bandleaders. Mit ungewöhnlich großem Stimmumfang und einer mannigfaltigen Ausdrucksfähigkeit lässt sich Schaerer irgendwo zwischen Theo Bleckmann und dem freien Avantgarde-Vokalisten Phil Minton einordnen. Vor zwei Jahren erhielt die Band dafür den BMW Welt Jazz Award.

Beifall für Altmeister Dusko Goykovich

Die Franco Ambrosetti Allstars mit Dusko Goykovich Foto: Michael Scheiner

Zeitgleich zum Alternativprogramm, das im prunkvollen Stadtsaal „jüngere Leute und Kenner“ anspricht, stand in der Wackerhalle die von Trompeter Franco Ambrosetti zusammengestellte All-Star-Band auf der Bühne. Mit den amerikanischen Altmeistern und Jazzstars Buster Williams (b), Greg Osby (as), der zupackenden Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, dem italienischen Pianisten Dado Moroni und Gianluca Ambrosetti (ts), der in dritter Generation das musikalische Erbe fortführt, bot die Band packenden Mainstreamjazz Coltranescher Prägung. Ein Gastauftritt des fast 85-jährigen Dusko Goykovich (tp), einst Mentor von Franco Ambrosetti, wurde vom Publikum mit großem Beifall bedacht.

Einen Abend zuvor hatten hier zwei französische Bands für Furore gesorgt. Das mitreißende Straßen-Kollektiv Les Lapins Superstars erntete Hochrufe für eine gewitzte Show aus Rap, Walzerklängen, groovenden Brass-Melodien, humoristischer Spontanität und spritzigen New-Orleans-Anklängen. Den Saal zum Tanzen brachte anschließende die Pariser Electro Deluxe Big Band mit zwei „Amerikanern in Paris“ – dem Sänger James Copley mit soulig-voller Baritonstimme und dem Rapsänger Beat Assailant.

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