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Kultur
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Theater

Hol mir den Mond vom Himmel!

Charlotte Koppenhöfer inszeniert in Regensburg „Caligula“: ein sprachgewaltiges Wüten gegen die Verlorenheit des Menschen.
Von Claudia Bockholt, MZ

Eine Szene aus „Caligula“: Die Inszenierung hat am 27. März Premiere im Theater am Bismarckplatz. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Der Umsatz an tröstlichen Getränken sei im Anschluss an die Premiere groß gewesen, schrieb der „Spiegel“-Kritiker 1947 nach der deutschen Erstaufführung von „Caligula“ am Staatstheater Stuttgart: „Das Publikum war erschüttert und deprimiert, weil sich soviel Schlechtigkeit auf den Brettern austobte“. Der römische Kaiser Caligula gilt den Nachgeborenen als wahnsinniger Gewaltherrscher, der willkürlich mordete, folterte, vergewaltigte. Ein Monster, eine Bestie – in Camus’ Drama jedoch nicht, weil er so geboren wurde oder am eigenen Leibe bereits zu viel Schlechtigkeit erfahren hätte. Bei ihm ist Caligula einer, der die bitterste Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet hat: „Diese Welt ist, so wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen. Darum brauche ich den Mond oder das Glück oder die Unsterblichkeit, etwas, was unsinnig sein mag, was aber nicht von dieser Welt ist.“

„Die Menschen sind nicht glücklich“

Die rabenschwarze Geschichte beginnt mit dem Tod von Drusilla, Caligulas Schwester, mit der er eine inzestuöse Liebesbeziehung hatte. Der erst 29-jährige Kaiser erkennt: „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich“. Ein kathartischer Moment gleich zu Beginn des Stücks, sagt Regisseurin Charlotte Koppenhöfer. Sie hat in Regensburg bereits das Erfolgsstück der vergangenen Spielzeit inszeniert: „The King‘s Speech“, nicht nur in Regensburg gefeiert, sondern auch mit dem Publikumspreis der Bayerischen Theatertage 2014 ausgezeichnet.

Die Regisseurin interessiert das Moment des Widerstands, des Aufbegehrens gegen eine Welt, die nicht so ist, wie man sie haben möchte. Das sei „mutig und spannend“, sagt sie, wenngleich Caligula in einer Logik agiere, die von allem Menschlichen, der Liebe zumal, nichts mehr wissen will. Für Camus, den Existenzialisten, ist Caligulas Weg ein konsequenter Weg in die Freiheit. Dorthin gelangt der Mensch seiner Auffassung nach nur, wenn er sein absurdes Verhältnis zur Welt anerkennt.

Schmerzhaft brutale Konsequenz

Das Absurde ergibt sich für Camus aus dem Widerspruch zwischen der offenbaren Sinnlosigkeit der Existenz, der kosmischen Verlorenheit des Individuums einerseits und der Sinnsuche andererseits. In seinem 1942 veröffentlichten Essay „Der Mythos des Sisyphos“ folgert er daraus das berühmte Diktum, dass man sich Sisyphos, der das Absurde integriert hat, „als einen glücklichen Menschen vorstellen“ müsse. Nur rollt der seinen Stein auf ewig ganz allein den Berg hinauf. Caligula hingegen reißt sein Umfeld mit hinein in einen blutigen Strudel.

Die „brutale Konsequenz“, mit der Caligula seine Logik anwendet, sei auch für Regie und Ensemble eine harte Nuss, sagt Koppenhöfer. „Wir sitzen auf der Probe und fühlen uns nicht gut“. Es sei eine Herausforderung, Theater gegen die eigene Überzeugung zu machen. Doch Camus habe die Ansicht vertreten, dass Theater provozieren muss. „Und als ziemlich werktreue Regisseurin halte ich mich daran“.

Abstraktion statt antiker Säulen

Eine Szene aus „Caligula“: Die Inszenierung hat am 27. März Premiere im Theater am Bismarckplatz. Foto: Jochen Quast

Rom im Jahr 41 nach Christus – das bedeutet im Theater am Bismarcklatz nicht antike Säulen und Sandalenfilm-Optik. Das Bühnenbild von Julie Weideli ist ein abstrakter Raum in einer der brutalen, egoistischen Geschichte angemessenen „kühlen und unfreundlichen Haptik“, wie sie selbst sagt. Rote Lackleder-Designermöbel und schwarz glänzende Oberflächen stehen für die Patrizier, die dekadente, verschwenderisch auf Kosten anderer lebende Elite, der Caligula in seinem zynischen Furor an die Gurgel geht.

Das Bühnenbild ist auf Dekonstruktion angelegt. „Die Konstruktion der Bühne leistet so lange wie möglich Widerstand, sie widersetzt sich sozusagen bis zu einem gewissen Punkt der Zerstörung“, erläutert Weideli. „Grundsätzlich sehe ich den Widerstand aber eher beim Spiel, wobei die Bühne die Kraft, gegen die angekämpft wird, versinnbildlicht.“

Jakob Keller, beim Regensburger Publikum besonders als hintersinnig-komischer Mime bekannt und beliebt, übernimmt mit Caligula eine große, dunkle Rolle – und füllt sie spielend aus, wie die Regisseurin versichert: „Er hat mich ganz schön geängstigt auf der Bühne“. Dass die Wahl auf Keller fiel, führt Koppenhöfer besonders auf diese zwei Eigenschaften zurück: „Er hat Seele und Tiefgang“, er sei einer, der an der Welt leiden kann.

Felsbrocken in der Wort-Wüste

Die Relevanz dieses fast 70 Jahre alten, unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs neu und noch schärfer gefassten Theatertextes findet die Regisseurin auf vielen Ebenen: eine von Zwängen bestimmte Existenz und der Wunsch dagegen aufzubegehren – dafür genüge vielen Menschen ein Blick in den eigenen Arbeitsalltag. Machtmissbrauch: „Jeder, der mit zuviel Macht ausgestattet ist, läuft Gefahr, den Kontakt zur Realität zu verlieren“, sagt Koppenhöfer. Gewalt und Korruption: Probleme, unter denen die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts nicht weniger ächzen als das römische Volk im ersten Jahrhundert nach Christus.

Relevanz hat „Caligula“ jedoch allein schon durch die Kraft der Sprache, die philosophische Tiefe, die Klarheit. Treffender als David Hugendick zum 100. Geburtstag des Dichters vor zwei Jahren kann man es kaum formulieren: Camus habe „grandiose, magische Sätze erschaffen, die wie unverrückbare Felsbrocken in der Wort-Wüste des 20. Jahrhunderts herumstehen“. Die Magie der Sprache hilft in jedem Fall über den stumpfen Schmerz, den Caligulas Bösartigkeit verursacht, hinweg – aber natürlich können auch tröstliche Getränke nicht schaden.

"Caligula" feiert Premiere in Regensburg

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