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Kultur
Montag, 11. Dezember 2017 7

Justiz

Hysterie verstellt den Blick aufs Wahre

Der Berliner Psychologe Max Steller warnt vor öffentlicher Überreaktion bei Sexualstraftaten – ein unbequemes Buch.
Von Harald Raab, MZ

Der Rechtspsychologe Max Steller hat er ein Buch geschrieben: „Nichts als die Wahrheit? – Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann“. Foto: dpa

Regensburg.Nein, politisch korrekt ist dieses Buch ganz und gar nicht. Bei Opferverbänden und einschlägigen Rechtsanwälten wird sich das von ihm kursierende Feindbild verstärken: der Autor schütze die Täter. Daran ist Max Steller, Professor für forensische Psychiatrie an der Charité Berlin, aber gewöhnt. Seit 40 Jahren ist er in deutschen Gerichtssälen als Aussagenpsychologe tätig. Er hat in spektakulären Fällen der Wahrheit zum Durchbruch verholfen. Er hat Täter überführt und sogenannte Opfer-Zeugen enttarnt, die bewusst gelogen oder mit suggerierten Scheinerinnerungen schwere Vorwürfe erhoben haben.

Vornehmlich auf dem heiklen, emotional aufgeladenen Feld der Vergewaltigung und des Kindesmissbrauchs ist Steller aktiv. In seinem Buch „Nichts als die Wahrheit? – Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann“ unternimmt er ein engagiertes „Plädoyer wider die Unvernunft“, so eine Überschrift in seiner Analyse der zu oft fragwürdigen Verfahrenspraxis. Dabei geht es natürlich nicht um den Schutz von Tätern, aber sehr wohl darum, im aufgeheizten gesellschaftlichen Klima bei Kindesmissbrauch und Vergewaltigung Kollateralschäden zu verhindern.

Steller warnt vor fragwürdigen Methoden

Scheller macht sich stark für die konsequente Nutzung von aussagenpsychologischen Erkenntnissen. Sie seien wissenschaftlich fundiert und erlaubten ein Urteil darüber, ob eine Aussage „erlebnisbasiert“, frei erfunden oder aufgrund einer Scheinerinnerung zustande gekommen ist.

Steller warnt vor oft fragwürdigen Methoden, per therapeutischer Aufdeckungsarbeit Missbrauchsfällen auf die Spur zu kommen, die nicht selten Jahrzehnte zurück liegen sollen. Opferverbände hätten mit inzwischen vom Bundesgerichtshof untersagten Aufdeckungspraktiken immer wieder Kindern, aber auch Erwachsenen scheinbare Erinnerungen nahegelegt. Aus vagen Vermutungen wurde subjektiv empfundene Gewissheit. Steller sagt: „Es gibt eine Zunahme von Scheinerinnerungen über Sexualdelikte. Durch die zuletzt gehäuft auftretenden Berichte über sexuellen Missbrauch entwickeln manche Menschen falsche Vorstellungen und erinnern Ereignisse, die nicht geschehen sind.“

Fehlgeleiteter Aufklärungseifer

Autor und Buch

  • Der Autor

    Max Steller, Jahrgang 1944, war von 1988 bis zu seiner Emeritierung 2009 Professor für Forensische Psychologie an der Freien Universität Berlin. Schwerpunkt seiner Arbeit: die Glaubwürdigkeitsbegutachtung vor Gericht. In den Wormser Prozessen führten seine Gutachten 1996/1997 zum Freispruch aller Angeklagten vom Vorwurf des massenhaften Kindesmissbrauchs. Im Jahr 2000 erhielt er mit Klaus Fiedler den Deutschen Psychologie-Preis.

  • Das Buch

    „Nichts als die Wahrheit? - Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann“ ist im Wilhelm Heyne Verlag München erschienen: 286 S., 19,99 Euro

Der gestandene Psychologe will nicht die Psychotherapie insgesamt infrage stellen. Auf diesem undurchsichtigen Feld würden sich allerdings auch viele „Quacksalber“ und „Scharlatane“ tummeln. Er zitiert die niederländischen Kollegen Crombag und Merckelbach, die in Abrede stellen, dass sexueller Missbrauch überhaupt ins Unterbewusstsein verdrängt werden könnte. Was in Therapiesitzungen mühselig erinnert werde, sei nicht selten Anlass für Scheinerinnerungen und in der Folge davon für falsche Beschuldigungen. Steller: „Die Psychotraumatologie wurde zu einer Art Ideologie.“ Von Schlafstörungen bis zu Beziehungsproblemen, von Rückenschmerzen bis zu beruflichen Problemen: „Fast alles lässt sich mit sexuellem Missbrauch erklären.“

Steller hält es für eine „Milchmädchenrechnung“ wenn „Opferlobbyisten“ behaupten, in Deutschland werde jedes vierte Kind (vor allem natürlich Mädchen) Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Nimmt man allein die bekannten Fälle, 15 000 im Jahr, kommt man auf jedes 600. Kind, das Missbrauch erleidet. Auch wenn man eine hohe Dunkelziffer von eins zu zehn in Rechnung stellt, sagt Steller, ist erst jedes 60. Kind betroffen – „schlimm genug, aber es handelt sich nicht um jedes vierte Kind.“ Lehrer und Betreuer von Kindern rufen verstärkt zu Wachsamkeit auf: Da fürchtet Steller „eine Rolle rückwärts“: „Wir könnten wieder dort landen, wo wir 20 Jahre nach den Massenmissbrauchsprozessen nicht mehr sein wollen, bei der Ausdeutung unspezifischer Signale und falscher Missbrauchsdiagnosen in großer Zahl.“ Ideologisch begründeter Eifer sei nur schwer zu stoppen.

An zahlreichen Beispielen macht der Autor deutlich, welche Folgen fehlgeleiteter Eifer in Beratungsstellen und im privaten Bereich haben können. Hinzu kämen Polizeibeamte, Staatsanwälte und Richter, die in der aufgeheizten öffentlichen Stimmung der Meinung seien, hart durchgreifen zu müssen. Steller beobachtet geradezu Wellen gesellschaftlicher Aufregung, in denen bestimmte Berufsgruppen wie Geistliche oder Lehrer und Erzieher ins Fadenkreuz der selbst ernannten und professionellen Ermittler gerieten.

Schaufensterpolitik im Spiel

Problematisch sieht der Aussagen-Experte die Verlängerung der Verjährungsfrist für Sexualstraftaten – speziell bei Schadensersatzanspruch auf 30 Jahre. Die Frist beginnt erst mit dem 21. Lebensjahr. Auch die Opferentschädigung berge Tücken, als Anreiz für bewusst falsche oder eingebildete Erinnerungen. Hier sei viel „Schaufensterpolitik“ im Spiel. „Ideologische Übertreibungen können dazu führen, dass Opferschutz zum Unwort wird.“

Max Steller begründet sein unbequemes Buch so: „Ich möchte einen Beitrag leisten, Fehler im Umgang mit Straftaten zu verringern, bei denen sich ein Schuldspruch hauptsächlich von der Beurteilung der Aussage eines einzigen Zeugen – des Belastungszeugen – abhängt.“ Richtiger Opferschutz habe zwei Aspekte: Er bestehe in der Substantiierung des Wahrheitsgehalts von Aussagen tatsächlicher Opfer – und im Erkennen von Falschaussagen vermeintlicher Opfer.

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