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Kultur
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 4

Essay

Ich knipse, also bin ich

Seit es das Smartphone gibt, kann jeder fotografieren und drehen. Aber ist jeder Knipser auch ein potenzieller Künstler?
Von Katharina Kellner, MZ

Ein Selfie soll den besonderen Moment festhalten, dient aber auch der Selbstvergewisserung – hier ein Richter, der an einer Prozession zum britischen Parlament in London teilnimmt. Foto: dpa

Regensburg.Es gibt Fotografien von meiner Großmutter, für die sie in den 1930ern als junge Frau ins Fotoatelier ging. Meine Oma ist sorgfältig frisiert und gekleidet. Sie posiert vor der Kamera, dem Betrachter halb zugewandt, im Hintergrund der Aufnahmen wirft dicker Stoff elegante Falten. Es sind gelungene Porträts in weichem Sepia auf dickem Fotopapier, am Rand gezackt.

Die besondere Ästhetik dieser Porträts gibt es heute nicht mehr. Statt derart kunstvoller Fotos machen wir Selfies und Schnappschüsse. Und da uns kein auf 24 oder 36 Fotos begrenzter Film mehr zügelt, fotografieren wir, was uns spontan gefällt: Weihnachtsplätzchen, erste Schneeglöckchen, jeden Moment mit den Kindern. Nur unsere digitalen Bilddateien werden immer unübersichtlicher.

Bildermachen wird demokratisiert

Heute machen schon die Kleinen Fotos und Videos selbst, wie aktuell bei der Kurzfilmwoche. Da lernen Sieben- bis Elfjährige in einer Filmwerkstatt, wie man mit dem Tablet kleine Filme dreht, schneidet und vertont. Sind sie die potenziellen Regionalfenster-Regisseure der Zukunft? Oder zukünftige Berlinale-Gewinner? Oder eine weitere Generation, die die Welt nur durch das Smartphone-Display wahrnimmt?

Vor wenigen Jahrzehnten war die Alltäglichkeit des Bildermachens undenkbar. Fotografieren war umständlich, zeitintensiv und teuer, Filme zu drehen wenigen gut ausgerüsteten Experten vorbehalten. Heute kostet diese Technik fast nichts mehr. Bilder machen sich in technisch guter Qualität wie von selbst, lassen sich durch einen Klick in alle Welt schicken. Es sind harte Zeiten für etablierte Fotografen, die ihr Geld mit Porträt- und Passfotographie verdienen. Ihnen passiert das, was auch die Auftrags-Porträtmaler der 1850er Jahre ereilte, als die analoge Fotografie aufkam: Die neue Technik nahm ihnen die Hoheit über das Abbild. Das Smartphone hat das Bildermachen endgültig demokratisiert.

Doch was bedeuten die Amateure, die rastlos die Welt mit Bildern und Videos fluten, für die Kunst? Sind sie Inspiration? Oder läuten sie das Ende von Fotografie- und Filmkunst ein?

Die englische Zeitung The Guardian zitierte 2013 die Klage des Londoner Fotografen Antonio Olmos: „Es ist verrückt“, sagte der. „Fotografie war nie so verbreitet, aber sie wird kaputt gemacht.“ Auch der Regensburger Fotograf Stefan Hanke sieht im rastlosen Geknipse eine Entwertung der Fotografie: „Die Übersättigung der Menschen durch ,images‘ hindert sie an der Wahrnehmung eines einzelnen Bildes“, sagt er, und beschreibt sein eigenes Arbeiten so: „Ich bin keiner, der sagt, ich habe jetzt 300 Bilder geschossen. Ich bin noch genauso knickrig wie in der analogen Zeit mit Film. Was zählt, ist das gute Bild und nicht viele.“

Tatsächlich denken Smartphone-Knipser die Möglichkeit des Löschens stets mit. Das Bildermachen wird beiläufiger, die Motive sind häufig banal. Das Stück Torte oder der Sonnenuntergang sind meist nur im Moment des Erlebens interessant. Ihnen blüht das Schicksal der Nichtbeachtung, sofern sie überhaupt gespeichert werden.

Es geht um das Auf-dem-Foto-sein

Ist das Smartphone Inspiration oder Bedrohung für die Kunst? Den Künstler Peter Picciani inspirierte es zu seinem Werk „Social Network“. Foto: dpa

Doch die Funktion von Smartphones reicht weiter – sie sind „Fotolabore und Übertragungswagen in einem“, bringt es die Journalistin Claudia Posca auf den Punkt. Smartphone-Bilder entstehen häufig, um alltägliche Kommunikation zu gestalten. Sie sprechen für sich selbst – ohne Worte.

Es geht weniger ums Fotomachen als um das „Auf-dem-Foto-Sein“, sagt Gunnar Schmidt, Professor für Theorie und Praxis des Intermedialen an der Universität Trier. In seinem Buch „Fotografie als Sendung“ setzt er sich mit den neuen ästhetischen Ausdrucksformen im Netz auseinander. Als deren Haupt-Kennzeichen nennt er den „performativen Akt“.

Diesen findet man zum Beispiel beim „Sleeve-facing“: Menschen verbergen sich da ganz oder teilweise hinter Schallplattencovern, um einen saumlosen Übergang zwischen dem Coverbild und dem eigenen Körper hinzukriegen. Das bringt erstaunlich ästhetische, originelle Ergebnisse zutage. Grotesk sehen dagegen jene Menschen aus, die sich beim „Sellotape-Selfie“ das Gesicht mit Klebeband verfremden. „Dieses Moment des Performativen hat etwas spielerisch-sinnfreies“, sagt Schmidt. Das habe es schon bei den Performances der Fluxus-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre gegeben. Den Fluxus-Künstlern ging es weniger um das Kunstwerk an sich als um die schöpferische Idee. Es ist gut denkbar, dass Joseph Beuys mit seiner Idee, jeder Mensch sei ein Künstler, begeistert wäre von der neuen Kreativität im Netz. Auch wenn diese meist eher Alltagsflucht bedeutet als ausdrückliches Bekenntnis zu Beuys’ erweitertem Kunstbegriff. Amateure und Avantgardisten haben noch mehr gemeinsam: Sie bringen Alltagsgegenstände oder -motive in die Kunst hinein. Marcel Duchamps mit seinem Pinkelbecken von 1917 ist wohl das berühmteste Beispiel. Den Amateuren, die Fotos von Katzen, Kuchen oder Yogapositionen posten, gehe es um „Kontakt, um Aufmerksamkeit, darum, zu sagen: ,Ich bin noch da‘“, sagt Schmidt.

Nostalgischer Blick aufs Analoge

Den feinen Unterschied zum Künstlertum kann man an den Werken des US-Videokünstlers Ryan Trecartin sehen. Er erhebt das wilde Spiel mit Assoziationen und visueller und sensorischer Überforderung zur Kunstform. Seine Videos produziert er mit billigen Mitteln in Do-it-yourself-Ästhetik. Heraus kommen, so urteilt das Magazin Spex, „messiehafte, hyperbeschleunigte und hyperhysterische Ansammlungen verschiedener akustischer und visueller Schichten und Versatzstücke“. Trecartins künstlerischer Blick setzt eine Ebene über der Bilderflut an, er persifliert sie, indem er sie überspitzt.

Bei der Kurzfilmwoche dagegen feierte der holländische Filmemacher Pim Zwier die analoge Fotokunst. Er betont ihren Zauber, indem er sie historisiert. In einem Film befasst er sich mit dem aufwendigen Fotografie-Verfahren des russischen Fotografen Sergey Prokudin-Gorskii. Der nutzte die fotografische Technik der Farbtrennung, um zwischen 1903 und 1916 das russische Großreich zu dokumentieren. Prokudin-Gorskii hatte seine Fotografien in drei Farbschritten aufgenommen und die Aufnahmen dann übereinander gelegt. Dabei waren farbliche Ungenauigkeiten passiert, die Zwier in einen neuen Kontext bringt.

Unser nostalgischer Blick auf diesen analogen Prozess ist möglich, weil wir ihn mit einem Klick auf das Smartphone überwunden haben. Doch Pim Zwiers Filme beweisen: Berichte vom Ableben der Bildkunst – der bewegten wie der unbewegten – haben sich als verfrüht erwiesen.

Die Autorin, Katharina Kellner, ist bekennende Knipserin mit Neigung zum Sammeln und Horten. Sie hat so viele digitale Fotos auf dem PC, dass sie einen Sonderurlaub bräuchte, um sie alle zu sichten, ein Best-of auszusuchen und sie in ein Album zu kleben. Ob ihre Chefs dafür Verständnis hätten?

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