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Kultur
Samstag, 16. Dezember 2017 6

Jazzweekend

Im Beutel dehnt sich das Universum aus

Jazz oder nicht? Egal. Das Weekend wagt sich gerne in Grenzbereiche: mit Ela Rosenbergers flatternden Flöten oder einem assoziative Bilderexkurs.
Von Thomas Göttinger, MZ

  • Das Expanding Universe Orchestra machte im Leeren Beutel die Musik zum Wetter draußen: Es krachte ganz mächtig.Foto: altrofoto.de
  • Noch Fragen? in der Kirche St. Oswald Foto: altrofoto.de
  • Norbert Vollath und Mike Reisinger sind das Duo de Clarinette-Basses. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Manchmal reicht eine einzige Nummer, ein einziger Song, um sich wie verwandelt zu fühlen. Freitagabend, Oswaldkirche. Das Duo Noch Fragen? tritt hier in der eher ungewöhnlichen Kombination Saxophon (Richard Köll) und Gitarre (Stefan Amannsberger) auf. Sie versuchen so etwas wie einen assoziativen musikalischen Bilderexkurs zu Fotoaufnahmen von Peter Litvai zu realisieren. Stilistisch geht es dabei den ganzen Abend über ziemlich bunt zur Sache, mal ein bisschen experimetell-gewagt, meist aber eher raffiniert-eingängig.

Gleich die zweite Nummer ist „Night and Day“ von Cole Porter. Generationen von Musikern haben sich an dem Standard ausprobiert. Auf dem Baritonsaxophon dürfte er freilich eher selten gespielt werden. So wie Köll das aber tut, so voller Wärme und Gelassenheit, verliebt man sich sofort wieder neu in den oft gehörten Song – und man ist umgehend drin in diesem Grenzbereich, in dem es keine Rolle spielt, ob das nun Jazz ist oder nicht.

Jazz, weil eben Jazzweekend ist

„Grenzbereiche“ also. Das Bayerische Jazzinstitut überschreibt damit in seinem Weekend-Programm all das, was sich nicht ganz eindeutig einordnen lässt, was in keine Schublade passt, weil es sich Kategorisierungen konsequent entzieht. Mike Reisinger vom Duo de Clarinettes-Basses formuliert das tags darauf ebenfalls in der Oswaldkirche augenzwinkernd mit den Worten: „Wir nennen das dann Jazz, weil Jazzweekend ist.“ Soll wohl heißen: Wie ihr zu unserer Musik sagt, ist uns eigentlich egal, Hauptsache, sie gefällt euch.

Das tut sie offenbar. Bei Reisinger und Norbert Vollath ist die Kirche jedenfalls voll. Auf Bassklarinetten, Akkordeon, Saxophon und mit dem auch mal singenden Reisinger werden munter Landes- und Genregrenzen überwunden. Das macht Spaß, ist vielleicht mitunter mal ein bisschen zu seicht, gewinnt aber immer dann Kontur, wenn sich die beiden improvisierend auf Abenteuerreise begeben und beispielsweise den eingängigen „Green Song“ in allerlei instrumentalen Spielereien enden lassen.

Der noch freiere Free Jazz

Apropos Improvisation. Die spielt beim Expanding Universe Orchestra eine übergeordnete Rolle. Im nicht ganz vollen Leeren Beutel scheinen David Jäger, Saxophon, Christofer Varner, Posaune, Markus Heinze, Klavier, Gero Kempf, Bass, und Mäx Huber, Drums, wirklich alles dafür zu tun, den „Free Jazz“ noch ein klein wenig freier zu machen. Der Grenzbereich wird da schon mal ein Stück weit grenzwertig, wenn auch mit einem deutlichen Schuss Humor sowie jeder Menge Energie. Das Universum dehnt sich im Beutel aus, während es draußen aus Kübeln schüttet. „Die machen die Musik zum Wetter“, sagt einer, während es auf der Bühne gerade mächtig kracht. Es klingt anerkennend.

Wahrscheinlich füllt aber niemand den Begriff vom „Grenzbereich“ so gut aus wie Ela Rosenberger. Sie fächert in der Oswaldkirche ein ganzes Kaleidoskop an Klängen und Stilen auf, bewegt sich souverän, ja mit Grandezza, zwischen modernem Jazz, Weltmusik, neuer Musik und Text-Sound-Collagen. Sie singt, spielt, lebt ihre Musik mit bezwingender Eleganz.

Was die Querflöte so alles kann

Die Querflöte, ach was: Querflöten sind ihre Instrumente. Flöte spielen können ja nun viele. Rosenberger scheint freilich damit nicht zufrieden zu sein. Sie probiert mit großer Freude am Experiment aus, was darüber hinaus so alles geht mit dem Ding. Ob Flatterzunge, Luftgeräusche, Mehrklänge oder wie auch immer man das nennen möchte, die Frau erweitert die Möglichkeiten. Das alles ist dann auch noch erstaunlich perkussiv, lebendig, kommt ungemein natürlich daher und wirkt alles andere als verkopft oder konzeptionell überladen. Es ist ein Grenzbereich, in dem man sich wohl fühlen kann – und zwar gerade auch, weil da das Hirn mit angesprochen wird.

Am Ende bleibt schließlich die Erkenntnis, dass man sich vor Grenzbereichen nun wahrlich nicht fürchten muss. Offenheit, die Lust auf Neues, auf Entdeckungen, müssen nicht weh tun. Manchmal sind sie sogar reichlich konventionell. Aber irgendwelche Schublade wollen wir uns ja hier eigentlich verkneifen…

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