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Kultur
Donnerstag, 23. November 2017 10° 3

Projekt

Im Himmel der toten Künstler

Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler bauen ein Schaulager für Künstler-Nachlässe – in Adlmannstein, mitten auf dem Land.
Von Marianne Sperb, MZ

Ingo Kübler und Wilma Rapf-Karikari im Garten in Adlmannstein, auf der Bresele-Bank: Hier entsteht ein Schaulager, das den Nachlass von Künstlern der Region hütet und herzeigt. Foto: Sperb

Adlmannstein.Der Berufsverband Bildender Künstler gibt diese Woche in München bei einem Symposion Anregungen zum Umgang mit dem Erbe von Künstlern. Vorsitzender Klaus von Gaffron wollte das Schlusswort halten. Aber wenn die Veranstaltung am Freitag endet, wird der streitbare Foto-Künstler mit Straubinger Wurzeln schon drei Wochen tot sein. Was wird aus seinem Werk?

Der Tod von Künstlern ist eine Sache von öffentlichem Belang. Das Thema treibt um – auch Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler. Das Paar vom Kartenhaus Kollektiv schafft dem kreativen Output der Region seit 30 Jahren Jahren immer neue Räume und Freunde. Schon lange überlegen die beiden Kunstpartner, wie das Werk lebendig bleiben kann, wenn der Schöpfer tot ist. Die Antwort materialisiert sich jetzt mitten auf dem Land.

Ist das Kunst oder kann das weg? Ein Symposion befasste sich 2016 in Regensburg mit Künstler-Nachlässen.

Adlmannstein, ein Dorf bei Bernhardswald mit vielleicht 150 Einwohnern, kann einige Häuser und Höfe vorweisen, eine Bushaltestelle und einen Briefkasten. Biker kennen es als den Ort, den man auf seiner Tour bergab durchsaust oder bergauf erschnauft. Die meisten Menschen verbinden das unauffällige Nest in schönster Natur aber wohl mit der Kunstpartner-Galerie. Und künftig mit dem Kunstpartner-Schaulager.

Warum das Schaulager jede Unterstützung verdient: ein Kommentar von Marianne Sperb

Kommentar

Zeit zum Reifen

Der Zeitgeist ist gefräßig. Oft lässt er Kunst keinen Raum zum Reifen. Die Rolle mancher Werke wird oft aber erst Jahrzehnte nach dem Tod der Schöpfer...

Die Heimat der Kunstpartner ist ein Riesenkasten von 600 Quadratmetern, um 1690 gebaut. Eine Gruppe Freunde kaufte das alte Wirtshaus samt Stadel, Eiskeller, Brunnen und Garten 1991. In der Scheune neben der Galerie lagert Holz und Besucher der legendären Adlmannsteiner Wintersonnwendfeuernächte drängen sich hier, immer am 21. Dezember, um die großzügig bemessene Punsch-Kanne.

Das Kunstpartner-Anwesen in Adlmannstein: Hier entsteht ein Schaulager für Künstler-Nachlässe Foto: Ingo Kübler

Daran wird nicht gerührt. Im gut 100 Quadratmeter großen Dachgeschoss aber werden 2019 Kunstdepots und ein white cube für Kulturvermittlung aller Art einziehen. Lesungen, Konzerte, Vorträge, Seminare und schulpädagogische Veranstaltungen sind denkbar. Gäste dürfen ungestört in Mappen mit Originalen blättern, die Zeit anhalten und zum Beispiel das Sackleinen riechen, das Susanne Böhm bemalte, weil ihr das Geld für Leinwände fehlte.

So wird das Schaulager aussehen: eine bewegte CAD-Ansicht des Büros planschmid Regensburg.

planschmid Regensburg

Erste Entwürfe des Architekturbüros „planschmid“ Regensburg zeigen einen schnörkellosen skulpturalen Bau von gelassener Wucht, erhellt von zwei bodentiefen Glaseinschnitten an den Giebelseiten. Die Architekten legen über den Dachstuhl eine stabile Haut, überziehen sie mit zartem Blech und hüllen die Konstruktion schließlich in ein tief nach unten gezogenes, leichtes Holzlattengitter. Die duftige Haube aus Holzstäbchen nimmt den Besucher, der auf der schmalen Treppe hochsteigt, beinahe fürsorglich in Empfang. Diese kühne Jakobsleiter, die in den Kunst-Himmel hinauf führt, sitzt an der kraftvollsten, der spektakulärsten Ecke des Grundstücks. An dem Sporn schwingt sich der Garten 15 Meter hoch über das Straßenniveau. Der Blick schweift weit in die Landschaft.

200 000 Euro wird das Schaulager kosten, 100 000 Euro sind beisammen, aus Eigenmitteln, von privaten Förderern und aus öffentlichen Töpfen. Unter anderem sind München und Berlin interessiert, die Kunst auf dem Land mit dem Programm „Leader“ und der Initiative „Land-Kultur“ zu bewässern. Weitere Beiträge kommen von Kunstfreunden, die für ihren Beitrag ein Werk aus dem Schaulager tauschen. Ab 500 Euro kann man ein Freund des Clubs der toten Künstler werden.

Der Stadel in Adlmannstein: Im Dachgeschoss entsteht das Schaulager. Foto: Sperb

Susanne Böhm, Max Bresele, Margot Luf: Ihre Arbeiten werden künftig im Schaulager geborgen und ausgebreitet. Die neoexpressionistische Malerin aus Pettendorf, der Multi-Kreative aus Uckersdorf und die SPUR-Nachfolgerin aus München sind alle drei in der Region daheim oder direkt mit ihr verbunden.

Susanne Böhm: Sie gab ihre Werke in die Obhut von Wilma Rapf-Karikari. Foto:

Susanne Böhm war schon schwer krank, als sie ihr Werk 1999 bei Wilma Rapf-Karikari in Obhut gab. Rund 100 ihrer Leinwände und 400 Zeichnungen hüten die Kunstpartner, Bilder von einer gewissen erdigen Schwere. Sie sind gemalt mit breitem Strich und in kräftigen Farben, im Ausdruck mit dem Werk von Gabriele Münter und Paula Modersohn-Becker verwandt. Wilma Rapf-Karikari erinnert sich: „Susanne sagte: Hier habe ich gearbeitet, hier soll mein Werk bleiben.“

Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler über ihr Projekt: hier im Video

Sperb

Max Bresele, 1998 gestorben, war ein durch und durch politischer Kunst-Berserker. Seine Arbeit verästelte sich in alle Formen der Lebensäußerung. Grafik, Malerei, Fotomontagen, Collagen, Bücher, Möbel, skurrile Objekte und Experimentalfilme: Alles lud er mit Botschaft auf.

Max Bresele mit einem seiner wundersamen Gefährte. Der Fotograf ist nicht bekannt. Quelle: Kunstpartner

Bresele hauste in seinen letzten Jahren in einem Hühnerstall im Landkreis Schwandorf, als stolzer Besitzer stattlicher Schrott- und Reststoff-Haufen. Ein Beispiel seiner Arbeit sind die „Karren der Depression“. In den 1990ern, die Debatte um Migration gab es in dieser Form noch gar nicht, baute er eine Flotte von absichtsvoll schäbigen Wägelchen. Die 20, 25 Karren, montiert aus Übriggebliebenem, wiesen auf die Not von Menschen in prekären Verhältnissen hin und waren zugleich ein kritischer Beitrag zur Mobilität. Mit dem Elendszug wollte er auf der Autobahn durch die Oberpfalz ziehen.

Die Bildhauerin und Malerin Margot Luf Foto: Ingo Kübler

Margot Luf ist die Dritte im neuen Himmel der toten Künstler, obwohl sie, mit ihren 73 Jahren, nach wie vor quicklebendig und sehr produktiv schafft. Die Münchnerin mit Zweitheimat auf der Kykladeninsel Kea ist unterwegs im Gefolge der Gruppe SPUR. Das Kollektiv, mit Lothar Fischer (Neumarkt), Heimrad Prem (Roding), HP Zimmer (Berlin) und Helmut Sturm (Furth i. W.) im Zentrum, fand in den 1960ern zeitweise Anschluss an internationale Kunstströmungen.

Ein Werk von Margot Luf, das im Sommer 2017 im Innenhof des Künstlerhauses am Lenbachplatz München zu sehen war: Margot Lufs Vorlass wird im Schaulager Adlmannstein zu sehen sein. Foto: Erich Spahn

Die Bildhauerin und Malerin Margot Luf war Lothar Fischers Assistentin. Ihre immer witzigen und in klaren Farben leuchtenden Arbeiten aus Keramik, Holz oder Bronze erinnern an Alexander Calder und Joan Miro. Als Vorlass finden sie Eingang ins Schaulager.

Der Kalender erscheint letztmals

Die drei Künstler sind in Adlmannstein längst präsent. Das blumige Gartentürl hat Max Bresele gestaltet und in der Diele wartet seine wunderliche Bank aus zwei alten Wirtshausstühlen auf kurzzeitige Besitzer. Vor dem Haus ragt ein knallroter Keramiker-Zeiger von Margot Luf gut vier Meter hoch. Und im Haus ist der Bilderschatz von Susanne Böhm versammelt.

„Kunst ist für uns ein Lebensmittel.“ Der wohlbekannte Satz fällt in der Adlmannsteiner Stube mehrfach. 2005 eröffneten die Kunstpartner ihre in den Felsen geschlagene Galerie. Hier bieten sie die Begegnung von Kunst und Natur an. Die Ausstellungen – einige Namen sind Aldo Canins, Astrid Schröder, Günther Kempf, Christine Sabel und Liz Zitzelsberger – begleiten Mondwanderungen und Festmahle.

In der Kunstpartner-Galerie zeigte Günther Kempf zuletzt seine „Bilder ohne Auerhahn“: „Wunderbar verbohrt und vernagelt“

Seit 25 Jahren gibt der Kunstpartner-Kalender Werken aus der Region auf Subskriptionsbasis eine Plattform – ein „Museum auf Papier“, hat es Wolfgang Herzer vom Kunstverein Weiden genannt. Dieser Kalender erscheint 2017 zum 25. und letzten Mal, erzählen Rapf-Karikari und Kübler. „Wir richten unsere Energie jetzt auf das Schaulager.“

Details zur Beteiligung am Schaulager

Botschafter werden

  • Zeitplan und Kosten:

    Das Kunstpartner-Schaulager wird 2018 geplant und 2019 gebaut, Kostenpunkt: 200 000 Euro. Das Projekt wird finanziert aus Eigenmitteln, mit privater Förderung und mit öffentlichen Zuschüssen.

  • Förderung und Kontakt:

    Förderer können spenden oder sich mit einer Summe ab 500 Euro beteiligen. Sie tauschen ihren Beitrag gegen ein Werk von Susanne Böhm, Margot Luf oder Max Bresele, werden Besitzer von Kunst und Botschafter des Schaulagers. Kontakt: www.kunstpartner.eu

Der Berufsverband Bildender Künstler informiert diese Woche in München bei einem Symposion über den Umgang mit Künstler-Erbe. Vorsitzender Klaus von Gaffron wollte das Schlusswort halten. Aber wenn die Veranstaltung am Freitag endet, wird der streitbare Kunstvermittler mit Straubinger Wurzeln schon drei Wochen tot sein.

Wolfgang Herzer ist einer der Redner bei dem Symposion. Er wird erzählen, was aus dem Werk von Max Bresele wurde. Der Kunstverein Weiden, der künftig mit dem Schaulager in Adlmannstein kooperiert, eröffnete 2017 ein Max Bresele Museum. An die 1000 Exponate wurden 1998 vor der Entsorgung in der Müllverbrennung Schwandorf gerettet. Der Container stand schon hinter dem Stall.

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