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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 7

Festival

Immer unter dem Blick der Anderen

Im Zentrum des Fotografie-Festivals in Regensburg steht ein Symposium mit namhaften Experten. Zum Auftakt kommt Klaus Honnef.
von Gabriele Mayer, MZ

  • Klaus Honnef, einflussreicher Kunsttheoretiker, Kurator und Publizist, ist einer der Referenten beim Symposion zum „Festival fotografischer Bilder“ in Regensburg. Foto: Andy Scholz
  • Gérard Goodrow kommt zum „Festival fotografischer Bilder“ nach Regensburg. Foto: Ralf Litera

Regensburg. Fotos machen ist kinderleicht. Die schablonenartigen Manipulierungs- bzw. Verschönerungs-Apps werden ja mitgeliefert. Alles sieht also gleich aus. Dabei gab es noch nie so viele Fotos wie heute, die wir in Sekundenschnelle verteilen und speichern, die uns identifizieren sollen oder die als Kunst teuer verkauft werden. Fotos gaukeln Wirklichkeit vor, am Display, auf Werbeseiten für alles und jedes.

Und die Masche wirkt – obwohl wir wissen, dass Bilder nie die Wirklichkeit wiedergeben oder höchstens sehr relativ, tendenziös, und ausschnitt- haft. Und doch soll uns andererseits nichts so eindeutig wie das Foto etwas zeigen und erklären. Wir können kaum anders, als in Fotos Wirklichkeit und Wahrheit hineinzusehen.

Das Regensburger „Festival fotografischer Bilder“ befasst sich vom 26. bis 28. Oktober mit aktuellen Fragen zu Allgegenwart und Macht von Fotos. Namhafte Experten vermitteln bei einem Symposium in der Städtischen Galerie Leerer Beutel Tiefenschärfe.

Zur Eröffnung spricht Klaus Honnef (Bonn), der als Ausstellungsmacher, Kunsttheoretiker und Publizist wesentlich dazu beigetragen hat, Fotografie als Kunst zu etablieren. Er stellt nun die Rückfrage nach dem „Einfluss der Fotografie auf die Bilderwelt mit ästhetischem Anspruch, also auf das, was wir Kunst nennen“.

Wahrnehmung ist vorprogrammiert

Honnefs These: „Wir sehen fotografisch und nicht, wie wir glauben zu sehen.“ Es ist davon auszugehen, dass unser Gehirn alle neuen Wahrnehmungsdaten mit bereits im Gehirn vorhandenen Bild-Informationen abgleicht. Erst aus diesem Vergleich heraus kommt ein neues Wahrnehmungsbild zustande. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist also immer auch vorprogrammiert. Und, muss man weiterdenken: Zu dem Programm, mit dem wir neue Eindrücke abgleichen und angleichen und die sich dann in uns niederschlagen, gehören auch die unzähligen (manipulierten) Foto-Bilder von heute. Wie programmieren sie erneut unser Wahrnehmen? Ein post-faktischer Kreislauf?

Für die „anständige Lüge“

Und was ist überhaupt ein künstlerisches Foto? Dagmar Buhr (Nürnberg) begegnet dem Bombardement der Instant-Bilder mit „poetisch-fotografischen Setzungen“: Die Assoziationen beim Betrachter sollen möglichst vielfältig sein. Um eine Umstrukturierung von Bild-Bedeutungen gehe es oder um die Störung der üblichen ästhetischen Glätte fotografischer Bilder. Für die „anständige Lüge“ beim Foto, zum Beispiel durch Änderungen von Größenverhältnissen, einfach als Entspannungsübung, plädiert der Düsseldorfer Künstler Kai Richter.

Bilder in Ruhe anschauen

Medientheoretiker Jens Schröter (Bonn) befasst sich mit Flüchtigkeit, Überschreibbarkeit und Löschbarkeit der digitalen Fotos, die zudem heute in Schwärmen auftreten. Man schätze das einzelne Bild nicht mehr. Es helfe, Fotos wieder zu isolieren, im Kunstraum, sie dort in Ruhe anzuschauen. Derzeit suche die Forschung auch verstärkt danach, wie man den im Netz kursierenden Fotos, diesem riesigen Archiv, zuverlässige Methoden des unwiderruflichen Löschens von Bildern, die gar nicht fürs Archivieren gemacht wurden, entgegenstellen könne. Das ist freilich, muss man ergänzen, eine Art des Umgangs mit Fotos, bei dem plötzlich nicht mehr zu gelten scheint, worin doch die alleinige und faszinierende Möglichkeit des Mediums Fotografie besteht: nämlich per Lichtabtastung den einen Augenblick für immer festhalten zu können.

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Susanne Holschbach, Fototheoretikerin aus Berlin, setzt auf das Archiv der Bilder. Sie analysiert private Praktiken im Umgangs mit Fotos. Heute habe sich dieser Umgang gewandelt und mit der reinen Bildlichkeit von Fotos weniger zu tun als mit Austausch, Kommunikation und Tempo. Man gebrauche Fotos, etwa vom Urlaub, kaum mehr als Mittel der Erinnerung; die Fülle der Bilder wäre nicht mehr zu bewältigen.

Auch Jens Ruchatz, Marburger Medienwissenschaftler, widmet sich Tiefendimensionen. Dass Fotos, also im Grunde die Blicke der Anderen, heute ständig präsent sind, um Reaktionen auszulösen, dies sei der Jugend gar nicht bewusst. Und auch nicht, dass man das ändern könne, indem man ein eigenes Bild gegenüber Anderen entwerfe. Und dass heute etwa ein Foto allein bereits als Mitteilung ausreiche, habe nicht mit ihrem Wahrheitscharakter, sondern mit ihrer einfachen Handhabbarkeit zu tun. Aber, könnte man weiterdenken, was bedeutet denn die Dominanz dieser Mitteilungsart für die Gesellschaft? Es gebe bei der Jugend keine Reflexion darüber, dass Fotografie heute zwar immer und überall dabei ist, wo es um Sichtbares geht, dass wir aber mit dieser Art von Wirklichkeits-Ausschnitt nur sehr wenig und noch weniger vom Ganzen erkennen können.

Martin Rosner über das Reich fotografischer Bilder: hier mehr

Rechtliche Fragen zu Fotos, von Personen etwa, stehen zwar öffentlich zur Diskussion, doch moralische Probleme, die Heinrich Böll noch feststellte, scheinen inzwischen abgetötet zu sein: Thema für ein nächstes Symposium.

Hier geht es zur Kultur.


Vorträge, Ausstellungen, Filme

  • Das Festival:

    Das „Festival fotografischer Bilder“ findet vom 26. bis 28. Oktober in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel statt. Es besteht aus einem öffentlichen Symposium (freier Eintritt) mit namhaften auswärtigen Referenten. Es wird begleitet von zwei Kunstausstellungen und einer Filmreihe. Erarbeitet und organisiert wurde es von Martin Rosner und Andy Scholz in Kooperation mit den Museen der Stadt Regensburg.

  • Die Perspektive:

    Regensburg will sich zukünftig als „Stadt der Fotografie“ positionieren, das „Festival fotografischer Bilder“ ist ein erster Auftakt und soll regelmäßig stattfinden. Alle Details zum Symposium und Rahmenprogramm 2017: unter https://festival-fotografischer-bilder.de

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