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Kultur
Dienstag, 26. September 2017 21° 1

Jubiläum

In seiner Gitarre steckte ein Orchester

Vor 100 Jahren wurde der Blues-Musiker John Lee Hooker geboren. Er hatte viele Fans – auch Mick Jagger oder Eric Clapton.
Von Helmut Hein, MZ

John Lee Hooker – hier bei einem Konzert im Jahr 1990 – hatte einen eigenwilligen Stil. Foto: dpa

Clarksdale.Er hat nie eine Schule besucht, konnte weder lesen noch schreiben, aber er hat mit seinem Gitarrenspiel und seinem Gesang (nicht nur) die Blues-Musik revolutioniert: John Lee Hooker. Er wurde am 22. August 1917 in Clarksdale/Mississippi geboren. Sein Stil war jedoch von Anfang an eigenwillig und unterschied sich vom üblichen Delta-Blues. Eric Clapton, der ihn sehr schätzte, obwohl er doch von seinen Fans selbst als „God“ verehrt wurde, nannte ihn einzigartig. „John Lee Hooker“, sagte er, „musste sich keinem Wettbewerb stellen und wollte das auch nicht. Er war und blieb die Benchmark. Das heißt: Er orientierte sich an keinem, aber alle orientierten sich an ihm.“

Und: John Lee Hooker war viele Jahre lang ein äußerst kreativer Komponist und Autor. Er schrieb keine Lieder, sondern alles in seinem Leben verwandelte sich in Musik. Es summte permanent in ihm. John Lee Hooker: „Ich wache morgens auf – ein Song. Ich gehe die Straße entlang – ein Song. Ich gehe in eine Bar – ein Song. Ich treffe eine schöne junge Frau – ein wunderbarer Song.“

Sein Gesamtwerk umfasst mehr als 600 Songs – alle Bruchstücke einer großen Konfession. Auch bei Hooker ging es um die klassischen Blues-Themen: die Härte der Arbeit (sein Stiefvater William Moore, dem er angeblich fast alles verdankte, war Baumwollpflücker), die Bösartigkeit des herrschenden Rassismus, die abgrundtiefe Verzweiflung, die wilde Aggressivität, die dafür sorgt, dass man sich selbst kaum wiedererkennt.

Betörende oder gemeine Frauen

Und dann: die vielen Love-Songs, die alle zusammen Fragmente einer großen Passion sind, nicht frei von den damals üblichen Sexismen, aber voller Leidenschaft. Moderat ging es bei den Affären dieses bekennenden Womanizers nie zu. Alles trieb sofort ins Extrem. Die Frauen waren „sweet“ oder „mean“: betörende Engel, die einem Erlösung versprachen; oder gemeine Satansbräute, die einen mit in die Verdammnis rissen. Die großen Blues-Musiker waren nicht Teil einer Band, sondern entschiedene Einzelgänger: existenziell und musikalisch. In seiner größten Zeit, Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre begleitete sich John Lee Hooker nur auf der Gitarre.

Und doch hatte man manchmal den Eindruck, da sei ein ganzes Orchester am Werk. Sein Gitarrenspiel war rau, widerspenstig, oft sehr reduziert. Aber er schaffte es, wüsteste Rhythmen mit melodischen Kürzeln zu verbinden. Dazu stampfte er mit seinen Füßen, die er mit klackenden Kronkorken versehen hatte. Er sang – und begleitete seinen rüden Gesang mit einem chorischen Brummen. Eindrucksvoll. So, im Gospelchor, hatte er ja einst begonnen. Lange bevor er zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand nahm.

John Lee Hooker

  • Anfang:

    John Lee Hooker wurde am 22. August 1917 in Clarksdale, Mississippi geboren. Der spätere Bluesmusiker war eins der elf Kinder von William und Minnie Hooker. Schon in jungen Jahren verdiente er sein Geld als Musiker.

  • Ende:

    Mit 83 Jahren starb Hooker am 21. Juni 2001 im Schlaf in Los Altos. Wenige Tage zuvor hatte er noch auf der Bühne gestanden. 1989 sang er in seinem größten Hit „The Healer“, Blues sei sein Heiler.

Nach den fünf großen Jahren, als er von vielen seiner Singles Millionen verkaufte und die Rhythm-and-Blues-Charts dominierte, kam es zu einem ersten Karriere-Knick. B. B. King, mit seinem scheinbar viel virtuoseren, „weicheren“ Gitarrenspiel wurde zum großen Rivalen, kam beim (weißen) Publikum besser an. Diese B. B. King-Euphorie, könnte man sagen, beendete die große Zeit des Blues, die für immer mit den Namen Robert Johnson und John Lee Hooker verbunden bleiben wird. Aber Hooker war ein „Comeback-Kid“. Und er verfügte über ein viriles Charisma, wie es nur schwarzen Männern wirklich steht. Hooker faszinierte von Anfang an die Heroen des Rock. Man muss nur einmal zuhören, wie Peter Wolf von der J. Geils Band über ihn spricht. Alle wollten sie mit Hooker spielen.

Liebe auf den ersten Blick

Das passte mal besser, mal weniger gut. Jagger und Richards sahen in ihm den großen Lehrmeister: okay. Eric Clapton jammte mit ihm, gewissermaßen auf Augenhöhe, von Gitarrengott zu Gitarrengott. Selbst Jim Morrison wollte das Duett mit Hooker, als Trophäe. Das war dann schon grenzwertig. Denn der pathetisch-anpsychedelisierte „Doors“-Sound passte so gar nicht zu den rüden Kürzeln und zu der speziellen Düsternis John Lee Hookers.

Anders verhielt es sich mit Bonnie Raitt, deren Songs seit den 1970er Jahren für längere Zeit zum Everlasting-WG-Soundtrack wurden. Die US-amerikanische Blues- und Country-Sängerin und Hooker, das war Liebe auf den ersten Blick. Und Bonnie Raitt war – übrigens zusammen mit Carlos Santana, noch so einem Gitarrengott – mitverantwortlich für das größte aller John Lee Hooker-Comebacks Ende der 1980er Jahre: „The Healer“ hieß das Album, fast ein Jahr lang hielt es sich in den US-Charts. Und für „I’m In The Mood“, sein Duett mit Raitt, erhielt Hooker im Februar 1990 den „Grammy“.

Zumindest in seinen späteren Jahren hatte Hooker, anders als viele große Kollegen, die bitterarm starben oder noch im hohen Alter durch die Clubs tingeln mussten, Glück mit seinem (weißen) Management. Man muss sich den alten John Lee Hooker als reichen Mann vorstellen. Er investierte mit Vorliebe in erlesene Autos, vom Jaguar bis zum Sport-Mercedes, weil er sich, längst ein wenig klapprig geworden, immer noch als „Ladies Man“ verstand und deshalb natürlich auch die entsprechenden „Aufreißer-Wägen“ brauchte.

Hooker starb am 21. Juni 2001, fünf Tage nach seinem letzten Auftritt, selig im Schlaf. So will es jedenfalls die Legende. Am 22. August wäre der US-amerikanische Bluesmusiker 100 Jahre alt geworden.

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