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Kultur
Sonntag, 22. Oktober 2017 19° 3

Regensburg.

„Infraschwarz“: Botschaften aus dunkelster Nacht

Schwärzer als schwarz: Zeichnungen von Klaus Holzmann bei Erdel

Holzmann ist Spezialist für die Nachtseite der Existenz. Foto: Galerie Erdel

Von Helmut Hein, MZ

„Infraschwarz“ heißt die neue Ausstellung von Klaus Holzmann. Das soll wohl heißen: Schwärzer als schwarz. Nicht nur für unsere Augen unsichtbar wie das Infrarote, sondern jeder möglichen Wahrnehmung und Reflexion entzogen – außer der des Künstlers. Der Stift des Zeichners ist ein Seismograph. Er notiert fernste Impulse, die sich erst auf seinen Blättern zu Bildern verdichten, die sich aber nicht so ohne weiteres dechiffrieren lassen.

Panisch zerrissene Striche

Das Ich ist ein anderer, lautete das düstere Versprechen des vor-freudianischen Lyrikers Arthur Rimbaud. Es versteht sich nicht von selbst. Das Subjekt legt sich seine Welt zurecht, weil es dem fernen Regime des Unbewussten, aber auch der Mythen und Metaphern, der Träume und spontanen „Einfälle“ nicht schutzlos ausgesetzt sein will. Der Zensor gibt sich wohlklingende Namen: Wert, Norm, Sinn, Idee. Nur der Künstler ist so frei, sein Leben in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Aber selbst der Künstler hält das entfesselte Treiben der nomadischen Triebe und Zeichen nicht immer aus. Dann will er nicht das „Gefäß Gottes“ sein, die Passage, durch die alles hindurch muss, auch wenn es durch diese Engführung zu gefährlichen Turbulenzen kommt, das passive Medium der beglückenden und der boshaften Musen, sondern ein Arbeiter, ein Handwerker, der alles im Griff hat.

Auch der Wiener Klaus Holzmann, in Schwer- und Wehmut versunken, der Bewohner eines alten Reichs, dessen Last er trägt und dessen Reichtum längst zersplittert ist, beharrt im Gespräch vor seinen Zeichnungen auf der Souveränität des Subjekts. Aber die helle Rede ist das eine – und die in-fraschwarzen, nachtmahrhaften Zeichnungen, die panischen zerrissenen Striche sind das andere. Die wahre Sprache, die, wie schon Herders und Goethes Lehrer, der „Magus im Norden“ Johann Georg Hamann wusste, unverständlich ist; eine Sonde, deren Ertrag man nicht immer schon in Händen hat.

Vergessene Schattenweltbewohner

Klaus Holzmann ist einer aus Kubins Geschlecht, ein Spezialist für die Nachtseite der Existenz, ein Schlachtenmaler des Unbewussten und liebevoller Archivar der Volksphantasmagorien, der, wie Franziska Meifert in ihrer suggestiven Einführungsrede, puckhaft unterstützt von ihrem puppenspielenden Mann Arnulf, betont, den gern verdrängten, vergessenen, verleugneten Schattenweltbewohnern, also „Blutschink und Dreibein, Puck und Ork, Wechselbalg und Windsbraut“ zu einem schwarz-grellen Revival verhilft. Holzmann ist aber auch ein sarkastischer Zerstückelungs-Künstler in der Nachfolge Roland Topors, boshaft und surreal, mit einem Faible für lakonische Exzesse. Und virtuos wie nur wenige andere liefert er eine Topographie des Abseitigen, von Kafkas unerreichbarem Schloss bis zu Amstettener Kellern, in denen nach Jahrzehnten unvermutet lebende Gespenster auftauchen, die Überreste monströser Arrangements, in denen sich Machtwille und nacktester Trieb weniger „austoben“ als vielmehr bürokratisch streng exekutieren.

Sieht man das alles so ohne weiteres bei Holzmann? Nein, er experimentiert mit dem Auge des Betrachters. Dort, wo etwas sichtbar werden könnte, verdichtet sich der Strich, wird das Geschehen zum Tohuwabohu. Wie in den wüstesten platonischen Träumen verselbstständigen sich die Gliedmaßen, fügt sich zusammen, was nicht zusammenpasst, gerät aus der Form. Das Leben erscheint als einzige „Fehlleistung“, als beklemmender Freud’scher Witz. Alles Biomorphe zersetzt sich, wird ein anderes oder kündet zumindest von einem anderen. Die libidinösen Energien zerlaufen nicht auf den Blättern, sie klumpen zusammen. Wird ein Ziel all dieser Begehrens-Bewegungen sichtbar? Nein, alles verharrt im explosivsten Stillstand.

Bis 25. Juli, Galerie Dr. Erdel, Fischmarkt 3, Mi. und Fr., 16 bis 19 Uhr oder nach Vereinbarung. Tel. (0941)70 21 94.

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