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Kultur
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Turmtheater

Ins Leere gesprochen

Junges Theater aus der Oberpfalz: Georg Lichteneggers „Das Gummiboot“ zeigt die absurde Tragik und Komik des Scheiterns – im Reden, Denken, Leben.
Von Claudia Bockholt, MZ

„Das Gummiboot“ im Turmtheater: Sechs Personen reden aneinander vorbei. Foto: Claudia Köcher

Regensburg. Sechs Menschen auf ein paar Quadratmetern können eine ganze Welt sein. Und eine Stunde Theater kann Stoff für eine ganze schwankende Existenz enthalten: Zukunftsängste, Generationenkonflikt, Bindungsverlust, Klimawandel – und vor allem: scheiternde Kommunikation, in ihrer ganzen Trostlosigkeit und in ihren absurd komischen Momenten.

Der junge Hagelstädter Theaterautor und Regisseur Georg Lichtenegger hat in „Das Gummiboot“ viel hineingepackt. Im Stück ist das Boot ein immer wieder thematisiertes, Rettung verheißendes Fluchtvehikel, in das jedoch nie jemand hineinsteigt. Klar ist nur, dass es so nicht weitergeht, dass etwas geschehen muss. Und trotzdem verharren alle auf ihren Positionen: der alte Mann, der immer wieder den Jungen maßregelt und von einem letzten Aufbruch träumt; der Junge, der mit kindlicher Klarsicht die Denkfehler der Erwachsenen analysiert und dafür in die Ecke gestellt wird; der Elektriker, auf dessen Arbeit alle Hoffnungen ruhen, der aber selbst nicht recht weiß, was er tut; die Beamtin, die glaubt, jede Situation in den Griff kriegen zu können, wenn sie nur ausreichend Nummern und Antragsformulare zur Verfügung hat; ein junges Paar, das von Liebe und ewiger Bindung redet, während zumindest die Frau den Glauben daran doch bereits vollständig verloren hat: „Ich wünschte, meine Vorstellung von Liebe würde nicht mit dem Aufeinandertreffen der Lippen wie ein Schmetterling davonflattern“.

Es sind schöne, starke Sätze wie dieser, die die Qualität des „Gummiboots“ ausmachen. Lichtenegger erzählt keine Geschichte, sondern er führt Hülsen vor, die der Zuschauer füllen kann. Das Publikum kann, wenn es sich darauf einlässt, wiedererkennen, sich selbst oder andere, in den stereotypen Sätzen, Beschwörungsformeln, flottierenden Dialogen, in denen die Akteure nur oberflächlich aufeinander eingehen. Denn eigentlich sagen sie nichts, sie erkennen einander nicht.

Das Enträtseln der Muster, Formeln und Archetypen, die das Ensemble vorträgt, setzt sich in der elektronischen Musik von Sebastian Peter fort. Das Gehirn beginnt automatisch, die Soundcollagen zu dechiffrieren, sucht in den pulsierenden, klopfenden, knarzenden, schabenden Klängen das bereits Bekannte. Oft bewegt sich die Musik knapp unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Manchmal schleicht sie sich von hinten oder seitlich heran und überrascht. Sie sorgt für ein schwaches, aber stetes Unbehagen, verstärkt den Verfremdungseffekt der Phrasen und Platitüden auf dem kargen Podest, auf dieser surrealen Insel im Irgendwo.

„Das Gummiboot“ bietet keine Hilfe, keinen Weg aus der Absurdität. Der Mensch scheint außerstande, sich am eigenen Schopf aus der Misere herauszuziehen. Im Gegenteil: Am Ende dieser vollgeschöpften Leere beginnt der Reigen der Phrasen wieder von vorne.

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