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Kultur
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Ausstellung

Ist das Kunst oder kann das weg?

Der Regensburger Verein Graz schaut sich den Umgang mit Künstler-Nachlässen an – und lässt einen Styropor-Trojaner herein.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Renate Christin posiert mit Selfie-Stick vor einer Mona-Lisa-Persiflage: Raffaela Busdon lenkt den Blick auf Museen, in denen Touristen die Zeit totschlagen, sich bespiegeln und billige Souvenirs kaufen. Fotos: Sperb
  • Rayk Amelang vom Graz e.V. auf einem Stuhl voller Fragen, von Gloria Zoitl. Foto: Sperb
  • Renate Christin posiert mit Selfie-Stick vor einer Mona-Lisa-Persiflage von Raffaela Busdon, ihre Position: In Museen schlagen Touristen meistens die Zeit tot, bespiegeln sich und nehmen billige Souvenirs mit. Foto: Sperb

Regensburg.„Death can really make you look like a star.“ Der Tod kann dich zum Star machen – diese Vorstellung, von Andy Warhol formuliert, bleibt bis auf sehr vereinzelte prominente Ausnahmen ein hübscher Wunsch. Künstler, die zu Lebzeiten keine oder nur zeitweise Beachtung finden, werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch nach ihrem Tod vergessen sein, Nobodys der Kunstproduktion. Dabei entstehen ständig bedeutende Werke. Aber: „Was bitte soll ins Museum?“ Die Frage umkreist der Kunstverein Graz auf Initiative von Vorsitzender Renate Christin aktuell in einer Ausstellung.

Der Maler und Kunst-Berserker Wolfgang Grimm, der Polaroid-Pionier Wolfgang Keuchl, der Bildhauer und und Eigenbrötler Max Bresele, der Menschenfotograf Horst Hanske oder Helga Weichmann-Schaum, die Avantgardistin mit der Kamera: Die fünf Namen aus der Region stehen für Künstler verschiedener Generationen und Genres, deren Erbe in der Schwebe hängt oder hing.

Häufig liegen die Werke einfach in privaten Depots, mehr Ver- als Bewahrungsstätte. Manchmal, wie im Fall Max Bresele, kümmert sich ein Kunstverein um den Nachlass. Selten, wie im Fall Horst Hanske, beschließt die Heimatstadt, das Werk aufzubereiten und zu präsentieren. Und nur in Ausnahmefällen findet ein Bilder-Schatz kunstsinnige und kompetente Kümmerer: Wie im Fall der Expressionistin Susanne Böhm. Ihr Konvolut an Gemälden wird von Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler (Kunstpartner-Galerie Adlmannstein) gepflegt.

Nachlass-Pflege ist aufwendig

„Man braucht Platz zum Lagern. Man muss sich mit dem Werk befassen, es katalogisieren, dokumentieren, digitalisieren, Verkäufe recherchieren und vor allem: es präsentieren.“ Wilma Rapf-Karikari zählt auf, was es heißt, einen Künstler-Nachlass zu betreuen. Nebenberuflich ist das kaum zu schultern. „Es geht ja auch darum, Ausstellungen zu organisieren“, sagt die Kunst-Expertin. „Und natürlich will man das eine oder andere wichtige Werk aus dem Nachlass auch in einer öffentlichen Sammlung platzieren.“

Was bitte soll ins Museum? Auf Initiative von Renate Christin machten sich zwölf Künstler über die Frage her. Knapp eine Woche lang erkundeten sie in einem international besetzten Symposion sehr unterschiedliche Haltungen, bevor sie sich künstlerisch positionierten. Es entstand ein Parcours kulturpolitischer Kommentare.

Ein Trojaner aus Styropor im Hof

Stefan Fromberger fand eine ironische Antwort auf die Frage nach der Museumsreife: Er stellte ein monumentales, rund vier Meter hohes Styropor-Tier in den Hof des Kunstvereins, betitelt mit „Das trojanische Museumspferdchen hat Euch alle lieb!“, und zitiert Picasso: „Gebt mir ein Museum und ich werde es füllen!“. Sigurd Roscher formulierte auf drei Fahnen, wie sie sonst vor Museen hängen, gemischte Gefühle und bekennt: „Ich kann und will die Frage, was ins Museum soll, nicht beantworten. Ich bin für eine Gewaltentrennung von Kunstschaffenden und Verwertern.“

Raffaela Busdon (Triest) hängte eine Mona-Lisa-Persiflage an die Wand und arrangierte vor dem Gemälde einen Mini-Museumsshop voller Merchandising-Artikel: Mona Lisa auf Zigarettenschachteln, auf Packungen für Post-it-Zettel und auf Adressbüchlein, daneben griffbereit ein Selfie-Stick fürs Souvenir-Foto. Busdons Installation lenkt den Blick auf das, was heute die meiste Zeit in Museen stattfindet: Touristen schlagen ihre Zeit tot, bespiegeln sich und nehmen ein billiges Gadget mit. Rayk Amelang vom Graz e.V. nimmt in „Nightlife“ die Kommerzialisierung von Urban Art aufs Korn. Sein Gemälde zeigt, wie die Kunst der Straße Galerien erobert: Große rote Schuhe betreten einen Ausstellungshalle. Gloria Zoitl (Österreich) hat die Frage, was ins Museum soll, mit vielen weiteren Fragen angereichert: Sollen Museen Originale zeigen? Sind sie politische Orte? Sollen sie erziehen? Zoitl hat Fragebögen entworfen und mit ihren Überlegungen, auf T-Shirt-Stoff gedruckt, einen Stuhl bezogen. Ihre Aufforderung: Bitte Platz nehmen! Bitte nachdenken!

Kaffeesatz auf Goldtellerchen

Delikat ist die Arbeit von Anamaria Avram: Sie zitiert barocke Schaubuffets. Sie reiht sieben Tassen und vergoldete Untertassen, bekleckert von Kaffeesatz, aneinander. Persönliche Lebensspuren treffen auf Gültigkeitsanspruch. „Ich hätte am liebsten Graz im Museum“, sagt Renate Christin. Sie verweist mit Einladungskarten auf die Aktivitäten des Kunstvereins seit der Gründung 2002. Mit Wachs konserviert, hängen die Karten wie eine Art Grazer Ahnentafel an einer Wand.

Die Vorsitzende des Vereins hatte ein Symposion in Berlin inspiriert, den Umgang mit Kunsterbe in Regensburg aufs Tapet zu bringen. Das Thema trifft offenbar einen Nerv. Bei der Gesprächsrunde zum Auftakt der Ausstellung hatte Graz volles Haus. Wer konkreten Rat erwartet hatte, wie sein Werk der Nachwelt erhalten bleiben kann, oder auch nur eine präzise Definition, was ein Fall für die Nachwelt ist, wurde enttäuscht. Einfache Antworten waren nicht zu haben.

In einem Punkt waren sich die Diskutanten einig: Der Nachlass ist zuerst Aufgabe des Künstlers. Er muss seine Arbeiten gewichten und dokumentieren. Wie Dr. Josephine Gabler, Leiterin des MMK Passau, und Frank Michael Zeidler, Vorsitzender des Deutschen Künstlerbunds, betonten, hängt viel davon ab, wie der Künstler sein Werk verwaltet. Zu Lebzeiten.

Was bitte soll ins Museum?

  • Die Ausstellung:

    „Was bitte soll ins Museum?“ versammelt Positionen von zwölf Künstlern. Die Ausstellung beim Regensburger Kunstverein Graz (Schäffnerstraße 21/Hinterhof) ist bis 17. September zu sehen.

  • Die Gesprächsrunde:

    Zum Auftakt diskutierten Frank Michael Zeidler (Vorsitzender Deutscher Künstlerbund), Dr. Josephine Gabler (Leiterin MMK Passau) und Dr. Rudolf Gingele (Vorstandsmitglied Sparkasse Regensburg).

  • Das Symposion:

    Zwölf internationale Künstler und Mitglieder des Graz e. V. fragten nach dem Umgang mit Künstlernachlässen. Beim Symposion von 20. bis 26. August entwickelten sie künstlerische Kommentare.

  • Der Kunstverein:

    Graz e.V. nennt sich „Verein mit Kunst, um Kunst und wegen Kunst. Auch für, wider und wieder.“ Graz veranstaltet Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Filmabende und Symposien, www.kunstvereingraz.de.

Ist das Kunst oder kann das weg?
Video: MZ

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