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Kultur
Dienstag, 21. November 2017 7

Ausstellung

Jede Note ist ein Fanal gegen den Hass

Zur Eröffnung von „Erinnerung – in memoriam Karl Stojka“ wurde eine Komposition von Adrian Gaspar uraufgeführt.
Von Florian Sendtner, MZ

Erhan Mamudoski (Saxophon), Adrian Gaspar (am Orgelpositiv) und Eugen Bazijan (Cello) musizierten in der Minoritenkirche. Foto: Sendtner

Regensburg.„Seinen Namen habe ich in meinem Kopf drinnen. Aber ich spreche ihn nicht mehr aus.“ Der knapp achtzigjährige Hugo Höllenreiner erzählt in dem Film „Dui Rroma“, wie er 1943 mit neun Jahren nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wird, sich dort im „Zigeunerlager“ mit einem anderen Sinto-Jungen anfreundet, mit ihm Blutsbrüderschaft schließt – und dann wird dieser Junge vor seinen Augen erschossen.

Hugo Höllenreiner, der gebürtige Münchner, der Auschwitz überlebt hat und 2015 gestorben ist, würde den Namen seines ermordeten Spielkameraden am liebsten in die Welt hinausschreien – aber er bringt ihn nicht über die Lippen. Ein Phänomen, das einem im Zusammenhang mit dem Auschwitz-Komplex auf Schritt und Tritt begegnet: Gerade das, was ausgesprochen und dargestellt werden müsste, verweigert sich der Sprache.

Und nicht nur der Sprache: „Ist der Holocaust in der Kunst überhaupt darstellbar?“ fragte Hans Simon-Pelanda gestern in der Minoritenkirche – bei der Eröffnung der Ausstellung „Erinnerung – in memoriam Karl Stojka“. Großformatige, expressive Ölbilder sind es, die der österreichische Auschwitz-Überlebende Karl Stojka (1931-2003) gemalt hat, Szenen aus Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Flossenbürg (diese KZs durchlitt er als Junge selbst) und Mauthausen (wo sein Vater ermordet wurde).

Bilderrahmen, die leerbleiben

Die zu einer einzigen grau gestreiften Masse verschmelzende Kolonne der Gefangenen in Mauthausen, vier schwarzuniformierte SS-Schergen in Buchenwald: gelangweilte Totenkopffratzen, eine schaurige Allegorie der Mörder. Direkt unter dem Altarkreuz der Minoritenkirche der Lagerzaun, ein Wall aus grauen Betonpfählen, umgeben von einer Vielzahl von kleinen Bilderrahmen, in denen man Familienfotos erwartet, die einen aber leer anstarren: eine Installation von Tom Gefken. Schließlich in einem Kabinett Kunst, die im KZ Flossenbürg selbst entstanden ist, darunter ein Dutzend erst jetzt entdeckter, kunstvoll gestalteter Glückwunschkarten zum Geburtstag eines Kameraden, mit denen die Gefangenen versuchten, sich gegenseitig am Leben zu erhalten. Zwei der Künstler haben bekannte Namen: Hugo Walleitner und Milos Volf.

Die Ausstellung, von der Stadt in Zusammenarbeit mit der ArGe KZ Flossenbürg, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und dem Regensburger Arbeitskreis Kultur erstellt, ist ein wuchtiger künstlerischer Beitrag zu den Gedenkfeiern zum Kriegsende. Die Teilnahme der Stadtspitze und das Grußwort von OB Joachim Wolbergs unterstrichen, dass es sich hier um keine Pflichtübung handelt, die abgehakt wird.

Doch die Expressivität der Bilder wurde auch zu Gehör gebracht. Dieses unglaubliche Kunststück brachte ein sechsköpfiges Kammermusik-Ensemble unter der Leitung von Adrian Gaspar zustande. Gaspar führt in dem Dokumentarfilm „Dui Rroma“ die von ihm komponierte „Symphonia Romani“ mit dem Titel „Bari Duk“ quasi vor: die Leidensgeschichte des KZ-Überlebenden Hugo Höllenreiner. Und nun in der Minoritenkirche: die Uraufführung seiner Komposition „Bilache Sune“ – „Unschöne Träume“.

Ein unerhörter Klangteppich

Der 1987 in Rumänien geborene Komponist, Musiker und Maler hat drei der in der Minoritenkirche ausgestellten Bilder von Karl Stojka vertont, den malerisch festgehaltenen Schrecken in Musik transponiert. Das hohe gotische Gewölbe der Klosterkirche hallt wieder von den unheimlich präzisen, klagenden, leisen, anschwellenden Tönen der Gemälde. Zwei Geigen (Georgiana Muraru und Sara Lalaj), Panflöte (Andrea Chira), Klarinette (Erhan Mamudoski), Cello (Eugen Bazijan) und Orgelpositiv (Adrian Gaspar selbst) erzeugen einen wahrlich unerhörten Klangteppich, der musikalisch vogelfrei zwischen Alban Berg und Jazz oszilliert. Die Behörden, die Adrian Gaspars Familie in den Neunzigern aus Österreich auswiesen, sollten sich in Grund und Boden schämen. Jede einzelne Note von Adrian Gaspar ist ein Fanal gegen Fremdenfeindlichkeit.

Die Ausstellung „Erinnerung – in memoriam Karl Stojka – Künstler im KZ Flossenbürg und Außenlagern“ ist in der Minoritenkirche bis 22. Mai 2016 zu sehen. Geöffnet Di.-So. 10-16 Uhr (1. Mai geschlossen)

Anmeldung für Schulklassen und Gruppen: kontakt@arge-kz-flossenbuerg.de

Der Film „Dui Rroma“ läuft heute um 18 Uhr im Kino im Andreasstadel.

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