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Kultur
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 3

Regensburg.

Jeder Krieg pervertiert alle Menschen

Maria Fliri mit dem ungeheuerlichen Stück „Covergirl“ in Hofers Turmtheater

Maria Fliri Foto: Franz Nagel

Von Uta von Maydell, MZ

Ein „Mehrspartenhaus“ zu führen hat Martin Hofer für das von ihm requirierte Turmtheater versprochen und er hält bis jetzt – knapp drei Wochen nach dem fulminanten Start – Wort: Zum Kugeln „Die Eröffnung“, edelherb „Lustprinzip“ und Johannes Zametzers „Kassandra“-Inszenierung. Nach „Covergirl“ am Wochenende nun zog das Publikum mit düsteren Gedanken davon, denn der kecke Titel ist trügerisch. Nichts von frechem Frauenfleisch, sondern mit dem „Model“ ab in eine karge Militärgefängnis-Zelle bei San Diego. Besagtes Girl heißt Lynndie England, hat es zwar tatsächlich auf die Titelblätter geschafft, aber nur mit Negativ-Schlagzeilen. Das wohl bekannteste Foto zeigt sie mit Hundeleine, an der ein am Boden liegender Nackter hängt.

Theaterfrau Barbara Herold hat zu diesem Thema ein knapp anderthalbstündiges Monolog-Stück geschrieben, selbst inszeniert und mit der jungen Schauspielerin Maria Fliri besetzt. Die Uraufführung am Landestheater Bregenz (Sommer 2008) geriet zum Erfolg, und seitdem touren die beiden Damen in Sachen Abu Ghuraib durch die Lande. In dieses Gefangenenlager nicht weit von Bagdad wurde US-Soldatin England zur 372. Militärpolizeigruppe abkommandiert, als sie sich, eben 21 Jahre alt, zur Army gemeldet hatte.

Dort kam es zum weltweiten Skandal, weil Fotos von Gefangenen-Quälereien an die Öffentlichkeit gerieten. Als Regisseurin hat Barbara Herold beim Theater Regensburg schon mit „Der Krawattenclub“ überzeugt. Spielort: ebenfalls Turmtheater. Mit den beengten Verhältnissen weiß sie also umzugehen. Bewiesen hat Herold dabei auch, wie exakt sie menschliche Abgründe aufzudecken versteht. Im Gespräch nach der Premiere umriss sie ihr Hauptanliegen: „Ich will klarmachen, dass jeder Krieg alle Menschen pervertiert. Da gibt’s nichts Edles mehr.“ Die Fakten ihres Stückes seien authentisch, alles andere Fiktion.

Maria Fliri legt als Lynndie eine schauspielerische Meisterleistung hin: In mehr als einer Hinsicht verführtes Opfer ihres Vorgesetzten und Geliebten Charles Graner alias Shithead ist sie da, dann ausgebrannter, schon leicht irrer Häftling mit Digitalkamera, verzweifelte Mutter, zickige TV-Reporterin. Fliri beherrscht alle Facetten, auch den grellen amerikanischen Slang. Ihr einziges „Manko“: Sie ist viel zu hübsch für den Part – was sämtliche Originalfotos beweisen. Die bis hinten offene Bühne füllt sie mühelos aus, hat nur ein Sofa und als einziges Requisit das Sternenbanner. Als wichtiges und unerlässliches Element fügt Herold Projektionen ein: Da wirbeln von einem Tornado getrieben Laster und Kühe durch die Gegend – Szenen aus Lynndies Lieblingsfilm „Twister“, Kriegs-Bilder und Strand-Idylle werden gezeigt und unzählige Karikaturen der Skandalfotos – alles Bilder, die sie nicht mehr ertragen kann. Und aus der Konserve tönt in sattem Sound „Country Road, take me home to Westvirginia“.

Nach dreieinhalb Jahren Haft ging ihr immerhin dieser Wunsch in Erfüllung: Sie lebt wie sie aufgewachsen ist: In ärmlichen Verhältnissen eines Trailor-Parks bei ihren Eltern. Und sie beklagt, dass kein einziger Offizier der übermächtigen „Chain of Command“ ins Gefängnis musste.

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