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Kultur
Montag, 26. Juni 2017 27° 5

Bühne

Josef K. in einer Welt voller Willkür

Kafkas Rätselwerk „Der Prozess“ hat Premiere. Mélanie Huber inszeniert den Stoff an der Kante von Witz und Tragödie.
Von Marianne Sperb, MZ

Großartig: Benno Schulz als Josef in „Der Prozess“. Wie ein gehetztes Wild jagt er von einem Ratgeber zum nächsten. Foto: Quast

Regensburg.Die Welt ist verwirrend. Erst Recht für Josef K.. Franz Kafka wirft seinen Protagonisten in „Der Prozess“ in eine undurchschaubare Lage. Er schenkt ihm keine Antworten, aber er stellt ihm viele aufschlussreiche Fragen. So macht es auch Mélanie Huber. Mit ihrer Inszenierung des Roman-Fragments, von Stephan Teuwissen für die Bühne adaptiert, eröffneten am Samstag die Bayerischen Theatertage am Bismarckplatz. Um es gleich zu sagen: Antworten waren hier nicht zu holen, dafür Bilder, die sich festhaken und schillern.

Die Grundzüge der Geschichte sind einfach. Josef wird an seinem 30. Geburtstag festgenommen. „Sie sind nur verhaftet, nichts weiter.“ Er kennt die Gründe nicht, er hechelt wie ein gehetztes Wild von einem Ratgeber zum anderen. Er „glaubt das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten“, aber er findet keinen Ausweg.

Mélanie Huber legt den Stoff an die Kante zwischen Witz und Tragödie. Slapstick wechselt mit seltsamen Zeichen, urkomische Wortwechsel enden abrupt in einem Moment äußerster Verlorenheit. Josef taumelt als verzweifelter Tollpatsch durch Willkür und Angst. Er ist ein Gejagter, aber er ist auch infantil, rechthaberisch und stur. Auf seiner Unschuld beharrt er bis zuletzt und so bleibt er: ein Opfer.

Ein raffiniertes Bühnenbild

Huber arrangiert ein Leporello aus Szenen, die intensiv und verstörend sind. Nadia Schrader rahmt diesen sinnlichen Bilderreigen raffiniert. Diverse fahrbare Podeste, in denen Fenster und Holzgitter verbaut sind, stehen für die Begrenztheit von Josefs Welt und zeigen das Gefälle von Obrigkeit und Untertan. Im Handumdrehen werden sie zur Bettstatt oder Zelle. Die Bühne wird bis zum Rand des Orchestergrabens bespielt. So kommen die Figuren dem Publikum ganz nah, sprechen es frontal an. Die Botschaft: Angeklagt sind wir alle, keiner ist sicher.

Mehr über „Der Prozess“ lesen Sie hier.

Ein Clou ist der Sound von Martin von Almen, der Josefs Weg zum Prozess begleitet. Ein Hund bellt, Verkehr rauscht, Musik dringt aus einem Grammophon. Kurze Choräle schlagen über in Kinderklagelieder und Rap; das geht direkt in den Bauch.

Lena Hiebel hat sehr ästhetische Kostüme im Stil von 1900 entworfen. In einer Welt, die aus den Fugen gerät, sind Ärmel verschieden lang und Krägen asymmetrisch. Und die Vermieterin Grubach trägt einen absurd hohen Turban, der ihr hartnäckig das linke Ohr abquetscht.

Reife Ensembleleistung: eine Szene aus „Der Prozess“ Foto: Jochen Quast

Ein Trumpf sind die Schauspieler. Sieben Männer und Frauen spielen 26 Figuren, singen auch noch oder wiegen sich synchron in kurzen Choreografien: eine reife Ensemble-Leistung. Jacob Keller glänzt als eiskalter Mr. Gnadenlos, Patrick O. Beck und Gunnar Blume geben faszinierend seelenlose Apparatschiks. Die Frauen sind starke Charaktere: Franziska Sörensen als mütterlich-berechnende Frau Grubach, Susanne Berckheimer als fordernde Verführte, Christin Wehner als geschmeidige Leni. Vor allem ist „Der Prozess“ die große Stunde für Benno Schulz. Sein Josef wirkt so zart und verloren, dass man ihn am liebsten wie einen bedürftigen Vogel in einer Achselhöhle wärmen würde.

Erstochen „wie ein Hund“

Mélanie Huber bietet an, einer grotesken Welt mit Witz zu begegnen – ein lockender und konsequenter Ansatz für Kafka. Sie überdreht die Sache aber auch und fordert einen Zuschauer, der sich unbedingt auf diese Inszenierung einlassen will. Ein eindeutiges Urteil ist für diesen „Prozess“ nicht zu finden. Anders verhält es sich beim armen Teufel Josef: Er wird am Ende erstochen „wie ein Hund“.

Beiträge zum Theaterfestival lesen Sie hier.

Verfolgen Sie die Theatertage bei uns im Newsblog.

Regensburg im Theater-Ausnahmezustand

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