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Kultur
Sonntag, 21. Januar 2018 10

Literatur

Krimi mit belletristischem Anspruch

Der mitreißende Regionalkrimi „Ermordung des Glücks“ von Friedrich Ani zeigt, was Verlust bedeutet.
Von Fred Filkorn

Anis Krimi packt den Leser bis zur letzten Seite. Foto: Suhrkampf

München. Diese Szene kennt man aus zahllosen Sonntagabendkrimis: Der Kommissar klingelt, die Ehefrau macht die Türe auf, der Kriminaler überbringt schweren Herzens die schlechte Nachricht, die Frau nimmt sie mit versteinerter Miene entgegen oder bricht mal eben kurz zusammen. In einer der nächsten Szene ist aber fast alles so, wie es war.

Das ist vielleicht der größte Verdienst von Krimiautor Friedrich Ani: Er zeigt seinen Lesern, was der Verlust eines geliebten Menschen für die Angehörigen wirklich bedeutet. In „Ermordung des Glücks“, dem zweiten Fall des melancholischen Ex-Kommissars Jakob Franck, hat das Ehepaar Grabbe ihren elfjährigen Sohn verloren. Lennard ist zunächst vermisst und wird später an einem Waldstück tot aufgefunden. Vor allem der Mutter zieht es den Boden unter den Füßen weg, sie stürzt ins Bodenlose. Das menschliche Drama kann der Münchner Autor mit einer Empathie beschreiben, die in der deutschsprachigen Kriminalliteratur ihresgleichen sucht. In den tragischen Szenen schwingt ein Einfühlungsvermögen mit, die die Story - ohne falsches Pathos – zu Herzen gehen lässt. Deswegen würde man dem 300-Seiten-Band nicht gerecht, würde man ihn bloß als Krimi bezeichnen, er könnte ohne weiteres auch in der Belletristik-Ecke stehen.

Von Erinnerungen eingeholt

Jakob Franck ist ermittelnder Seelsorger, der den Hinterbliebenen stundenlang zuhört, der die menschlichen Abgründe aus eigener Erfahrung kennt und selbst für potenzielle Mörder ein offenes Ohr hat. In ruhigen Momenten der „Gedankenfühligkeit“ versetzt er sich in Menschen und Situationen, um das „Fossil“ zu identifizieren, das den Weg zur Lösung des Falles weisen soll. Umherwandernde Seelen seiner lange zurückliegenden Fälle suchen ihn ebenso heim, wie die Erinnerung an die eigene Schwester, die in Jugendjahren ebenfalls verschwand. Ihr Fall bildet eine Projektionsfläche, auf der Franck den aktuellen Fall spiegelt.

Krimi mit Regionalität

Dass nicht der offensichtliche Tatverdächtige der Mörder ist, sondern ein weit zurückliegendes Familiendrama eine gewichtige Rolle bei der Lösung spielt, erschließt sich dem Leser bald, tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, das zwischenmenschliche Drama liegt im Fokus von Anis Interesse. Da er seine Geschichten bevorzugt in seiner Heimatstadt München ansiedelt, kann der Ortskundige vertraute Straßen und Plätze der Landeshauptstadt wiedererkennen. Ani ist auch ein ganz gegenwärtiger Erzähler, er blendet das aktuelle Zeitgeschehen in den Hintergrund der Ereignisse mit ein.

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks, Suhrkamp, 317 Seiten, 20€

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