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Kultur
Freitag, 22. September 2017 21° 2

Symposium

Kunst, die man nicht suchen muss

In Neukirchen wurden wieder ungewohnte Wege beschritten. Mit Satellitenschüsseln, Buchstaben aus Heu und viel Action.
Von Florian Sendtner, MZ

Carl Klein und Veronika Schneider inmitten ihres Heu-Menetekels „I am the Gras“ Foto: Sendtner

Neukirchen.Deutschland, ein einziges Potemkinsches Dorf. Die Fassade ist alles. Wenn die Hecke korrekt geschnitten ist, der Rasen exakt drei Zentimeter hoch steht und kein Löwenzahn sein freches Haupt erhebt, dann weiß jeder, der vorbeigeht: Hier wohnen anständige Leute. Die bürgerlichen Ordnungsorgien waren schon immer eine Herausforderung für Künstler.

Renate Haimerl Brosch hat ihr 3. Kunstsymposium deshalb unter das Motto „Hinter den Fassaden“ gestellt und sich dazu sieben Künstler in ihr Atelierhaus in Neukirchen eingeladen. Eine Woche lang arbeiteten sich Maler, Zeichner, Bildhauer, Aktions- und Performancekünstler aus der Region an dem Thema ab. Was sie am Sonntag den zahlreichen Besuchern präsentierten, war ein faszinierendes Panoptikum ungewohnter Sichtweisen, realisiert in den verschiedensten Techniken.

Schon von weitem grüßt die total verschüsselte Giebelseite des Hauses: am Balkongeländer kleben die Satellitenschüsseln dicht an dicht, gleichzeitig sind die Fensterläden geschlossen. Optimaler Anschluss an die große, weite Welt, und gleichzeitig größtmögliche Abschottung: ein ebenso einfaches wie geniales Werk von Carl Klein (Höllmühle/Brennberg). Angesichts dieser Hausfassade springt sie einen direkt an, die immer häufiger auftretende Paradoxie, dass man mit der anderen Seite der Weltkugel bestens vertraut ist und dafür das, was vor der eigenen Haustür passiert, nicht mehr mitkriegt.

Gras, das darüber wächst

Nein, die Kunstwerke muss man hier nicht suchen, sie sind so groß und unübersehbar, dass man sich in ihnen verlieren kann. Die weitläufige Wiese hinterm Haus ist gemäht, aus dem Heu sind große Buchstaben geformt: I AM THE GRAS. An einer Staffelei hängen zwei Zettel, ein handgeschriebenes Gedicht des amerikanischen Dichters Carl Sandburg von 1918: „Stapelt die Leichen hoch, bei Ypern und Verdun. / Schaufelt sie ein und lasst mich arbeiten. / Zwei Jahre, zehn Jahre, und Reisende / Fragen den Schaffner: / Was ist das für ein Ort? / Wo sind wir hier? // Ich bin das Gras. / Lasst mich arbeiten.“

Carl Klein und Veronika Schneider haben den Blick auf das Gras, das über den Krieg gewachsen ist, freigelegt. Ein in seiner derben Direktheit und gruseligen Unmittelbarkeit überwältigendes Antikriegs-Monument, das die obligatorischen Kriegerdenkmäler mit ihrer verklärenden, heroisierenden Sicht Lügen straft. Innen im Hausgang findet man, aus Draht geflechtet, eine insektenhafte Gasmaskenbüste von Renate Haimerl Brosch – und denkt unwillkürlich an den Christus mit Gasmaske von George Grosz.

Gleich neben dem optisch arglos-attraktiven Heu-Menetekel hängen zwischen Apfelbäumen kobaltblaue Photogramme von Eveline Kooijman. Und oben, im ersten Stock, kann man stundenlang belichtete Abzüge bewundern, die die Straubinger Fotografin mit der Lochkamera gemacht hat. Von der Decke hängen gemalte Papiermasken von Katharina Dobner, die sich im Wind drehen und mal ihre harmlose, mal ihre furchteinflößende Seite zeigen. Nur eine gestickte (also durchsichtige) Maske bleibt immer gleich erratisch und rätselhaft.

Fernsehsessel mit Traktoren zerstört

Es war einiges an Action geboten bei diesem dritten Symposium. Der Bronzebildhauer Alfred Seidel goss auf offener Straße kleine Bronzeskulpturen – von seinen Kollegen abgeformte Körperfragmente: ein Ellbogen, eine Kinnpartie. Und der Weidener Objektkünstler Tone Schmid zerstörte einen Fernsehsessel mit einer Stahlseilwinde, die um den Sessel herumgebunden war und von zwei Traktoren in zwei entgegengesetzte Richtungen gezogen wurde.

Brutale mechanische Gewalt, ausgeübt an einem Objekt, das der Inbegriff spießbürgerlicher Friedfertigkeit ist. Ein unschuldiges Möbel, das es dem Zuschauer aller Kriege dieser Welt möglichst bequem macht, wird so zerquetscht, dass es ihm die Schaumstoffeingeweide herausdrückt. Noch als Video ein frappierendes Schauspiel, genauso wie Schmids hölzerner Ofen, der sich selbst verbrennt („Burn-out/Burn-down“).

Offen und nicht krampfartig

Die Neukirchener hätten es nicht leicht gehabt, wenn sie das Kunstsymposium ignorieren hätten wollen. Denn selbst wenn sie sich hinter heruntergelassenen Rollos verschanzt hätten – dann hätte Fanny Jacquier bei ihnen geklingelt. Ausgesprochen „offen und gar nicht krampfig“ sei sie von fast allen empfangen worden, erzählt die Künstlerin, die sich dann mit den Leuten unterhielt, kleine skizzenartige Zeichnungen oder Handyfilme von ihren Gastgebern machte, die in der alten Post ausgestellt wurden. Kunst als Hausbesuch, um die Innensicht hinter den Fassaden zu zeigen.

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