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Kultur
Sonntag, 19. November 2017 5

Projekt

Kunst erobert Regensburger Luftraum

Das Leben ist eine Baustelle: Das machen die Riesen-Formate von „under construction“ an Regensburger Gerüsten deutlich.
Von Marianne Sperb, MZ

Die Parkspindel am DEZ, eingehüllt in 650 Quadratmeter Kunst: Ab September wird Regensburg an 14 Fassaden zur Freiluft-Galerie. Montage: Chisa Tkacova

Regensburg.Die Donumenta geht auf die Straße. Regensburgs Luftraum gehört ab Mitte September für sechs Wochen der Kunst aus dem Donauraum. Künstler aus Slowenien, Ungarn, Montenegro oder auch Österreich zeigen, wie sie die Welt und ihre Krisen sehen: auf Netzgeweben in Superriesenformaten an Fassaden und Gerüsten.

Das größte Werk – spektakuläre 612 Quadratmeter groß – stammt von Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova aus Tschechien und wird die Parkspindel am Donau-Einkaufszentrum einhüllen. Das Duo, das zwischen Prag und Berlin pendelt, untersucht in „prophecy of things“, was nach Zerstörung entsteht, auf der Grundlage von defekten und reaktivierten Displays. Eine geheimnisvolle, trügerische und auch ästhetische Bildsprache entwickelt sich da.

Permanenter Auf- und Umbruch

Das Leben ist eine Baustelle, immer in Veränderung, ständig von Störfällen bedroht. Für Osteuropa gilt das ganz besonders, sagt Donumenta-Partner Professor Ulf Brunner von der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien an der Uni Regensburg. Die Region war wiederholt Schauplatz sozialer und politischer Experimente, namentlich des Kommunismus, und in den vergangenen 150 Jahren permanent im Auf-, Um- und Rückbau. Das Projekt „under construction“ spiegelt die Veränderungsprozesse, mit dem Blick von Künstlern aus 14 Ländern, ausgewählt von Regina Hellwig-Schmid mit Annemarie Türk, Osteuropa-Expertin und Kuratorin für zeitgenössische Kunst aus Wien.

Alle Werke der Open-Air-Gallery in Regensburg sehen Sie hier:

Der Regensburger Luftraum gehört der Kunst

Einer der Hochkaräter im Programm ist Pavel Braila aus der Republik Moldau, der aktuell bei der Documenta in Kassel präsent ist. Sein Bildmotiv stammt aus seiner Doku über Moldawiens Hauptstadt Chisinau und zeigt, wie rückschrittlich der Fortschritt in Osteuropa daher kommt: „Progress“ steht in fetten Buchstaben und ziemlich angeberisch auf dem Plakat an einem Baugerüst. Darüber sitzt ein Arbeiter, der ganz und gar rückständig mit einem Seil hantiert. „Progress“ wird in der Altstadt hängen.

Auf unserer interaktiven Karte finden Sie die einzelnen Kunstwerke der Open Air Gallery! Das größte Werk – spektakuläre 612 Quadratmeter groß – stammt von Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova aus Tschechien und hüllt die Parkspindel am Donau-Einkaufszentrum ein:

Lana Cmajcanin aus Bosnien-Herzegowina hat die Besatzung in Sarajewo in den 1990ern durchlebt. Sie nimmt sich einen anderen Kriegsschauplatz vor: Aleppo. Auf den Stadtplan der syrischen Metropole legt sie die Zeile „Is there Beauty after Aleppo?“ und wandelt damit Adornos Frage ab, ob es nach dem Grauen von Auschwitz noch Kunst geben könne. Ihr Bild wird am Diözesanzentrum Obermünsterplatz hängen.

Der Kallmünzer Künstler Jürgen Böhm wird bei dem Projekt Deutschland vertreten. In seiner Collage für den Österreicher Stadel am Donaumarkt amalgamiert er Bilder aus Flüchtlingsregionen weltweit, aktuellen und historischen. Sie sind der Hintergrund für ein Schild, das den Notausgang weist: „Exil/Exit“.

Freiheit ist möglich

Flüchtlinge müssen über Zäune und Grenzen. Wie es in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Land zugeht, erzählt Ana Nedeljkovic aus Serbien in ihrem aktuellen Animationsfilm „Untravel“. Umschlossen von hohen Mauern leben evil girls, böse Mädchen. Sie stellen unbequeme Fragen, brechen Konventionen, akzeptieren keine vorgegebenen Strukturen. Auf Nedeljkovics Zeichnung, die als Großformat am Parkhaus von Continental in der Siemensstraße hängen wird, bricht eins der Mädchen aus: Sinnbild dafür, dass Freiheit möglich ist.

Filme und Bustouren

  • Führungen:

    „Wir wollen Betrachter. Wir wollen den Diskurs“, sagt Regina Hellwig-Schmid; „under construction“ wird deshalb begleitet von Führungen: per Bus jeden Sonntag (11 Uhr) ab Haltestelle Weichs/DEZ für die Außenbezirke, zu Fuß jeden Samstag (16 Uhr) ab Steinerne Brücke (Stadtseite), je 90 Minuten.

  • Filme:

    In Regensburger Kinos laufen Filme zum Thema, Vorträge und Diskussionen begleiten das Projekt, alle Details: www.donumenta.de. Eröffnet wurde „14x14 under construction“ am 13. September in der DEZ-Parkspindel.

Hoch über der Dominikanerkirche wird ein weißer Felsen schweben. Tanja Deman aus Kroatien benutzt den „White Rock“ an der Adria, an dem die Gezeiten ihre Markierungen gesetzt haben, als Bild für das ökologische Desaster, das die Welt anrichtet. Ihr Fels steht für steigenden Meeresspiegel.

Eine Zukunft, wie niemand sie sich wünschen kann, zeigt auch Sinisa Radulovic aus Montenegro: Die Bucht von Kotor, ein Juwel an der Adria, wird auf seinem Werk belagert von hausgroßen Kreuzfahrtschiffen, Baustellen und überdimensionierten Hotelburgen. Seine Vision visualisiert er als eine Art Anti-Postkarte mit Stempel: „Authorised Persons Only“, Zutritt nur für Berechtigte.

Ein endloses „Sorry“

„Never ending sorry“ könnte man angesichts der globalen Verwüstung sagen, die Menschen verursachen. Das Künstlerpaar Lorinc Borsos aus Ungarn fasst die Worte in seiner Multimedia-Arbeit in Email. Es greift auf das Buch Hiob zurück, auf die nicht aufhörende Klage des Schöpfers über seine unvollkommene Schöpfung. An einem Gerüst in der Blumenstraße, direkt an der Bahnlinie, werden sich Zugpassagiere, die an dem XXL-Format vorbeirauschen, bald verstört fragen, ob hier etwaige Verspätungen im großflächig kommentiert werden.

Die Donumenta entdeckt die „hidden places“ von Regensburg: Hier ein Interview mit Regina Hellwig-Schmid

Die Donumenta entdeckt die hidden places in Regens

Die Synagoge am Brixener Hof, eine Baustelle an der Bäckergasse, eine Fassade am Ärztehaus im Candis-Viertel und an der Maximilianstraße, die Steinerne Brücke, die Polizeiinspektion am Minoritenweg: Die Boomtown Regensburg, die baut wie ein Weltmeister, wird zur Freiluft-Galerie für 15 Bilder, die den Umbruch in Europa kommentieren, hintergründig, schockierend, ironisch.

Auch die Donumenta selbst hat den Umbruch erlebt: Als der Verein 2003 das Donauland Ukraine vorstellte, war die Demokratie das Wunschziel und Europa zum Greifen nah. „Aber die Euphorie ist gesunken“, sagt Regina Hellwig-Schmid. Auf die engagierten Demokratisierungsprozesse folgte ein Trend zu Abschottung und Nationalisierung. Die Mission Donumenta ist also noch lange nicht erfüllt.

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